Pramoedya Ananta Toer

Indonesischer Autor hinterlässt Vision des Pluralismus

Pramoedya Ananta Toer, der einmal als der viel versprechende Kandidat aus dem asiatischen Raum für den Literaturnobelpreis galt, ist kürzlich im Alter von 81 Jahren gestorben. In seiner Heimat war er zeitlebens so unbekannt, dass er mit seinem Tod nun in Vergessenheit zu geraten droht, meint Lachlyn Soper.

​​Als ich Indonesiens bekanntesten Autor und politischen Dissidenten persönlich kennen lernte, hätte ich ihn fast für den Gärtner gehalten. Er war gerade damit beschäftigt, das Laub aus seinem Pool herauszuschaufeln. Obwohl er internationales Renommee hat, würden viele Indonesier ihn vermutlich auch nicht erkennen. In seiner Heimat sind Bücher so teuer, dass viele Menschen sie sich nicht leisten können.

Ruhm im Ausland

Zu seinem Ruhm gelangte er im Ausland – in seiner Heimat waren seine Bücher verboten, doch übersetzt wurden sie in 36 Sprachen, und im Nachbarland Malaysia gehören sie sogar zur Schullektüre. Sein bescheidenes Wesen war das genaue Gegenteil der unerschöpflichen Energien dieses Autodidakten. Den größten Teil seines Lebens hat er der Aufgabe gewidmet, für ein indonesisches Publikum zu schreiben und dabei für Pluralismus und nationale Selbstbewusstwerdung zu werben. Islamische Kräfte, das war seine Überzeugung, sollten mit linken und auf lokalem Niveau agierenden antikolonialistischen Bewegungen kooperieren.

Einige Schriftsteller und Gewerkschafter warfen ihm allerdings auch vor, die Säuberungsaktionen gegen nicht-kommunistische Literatur, die in den 60er Jahren stattfanden, stillschweigend unterstützt zu haben. Seine linke politische Grundhaltung passte der offiziellen Staatspolitik nicht, und unter drei verschiedenen Regimen saß Toer dreimal im Gefängnis - am längsten unter Präsident Suharto, der ihn als Kommunisten brandmarkte und 14 Jahre lang hinter Gitter brachte. Die meisten davon musste Toer hart arbeiten, in der Gefängniskolonie auf der Insel Buru.

Opferbereite Leidensgenossen

Zusammen mit anderen Gefangenen arbeitete Toer unter unwirtlichen Bedingungen daran, trockenes Savannenland landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Immerhin bekam er beim Besuch eines hochrangigen Staatsbeamten eine Schreibmaschine geschenkt, und seine Mitgefangenen nahmen Toer seinen Teil der Arbeit ab, damit er sich dem Schreiben widmen konnte. "Ich verdanke ihnen alles", schrieb Toer über seine Mitgefangenen.

In seinen Erinnerungen mit dem Titel "Nyanyi Sunyi Soerang Bisu" ("Stilles Lied eines Stummen. Aufzeichnungen aus Buru", ins Dt. übertr. von Diethelm Hofstra) berichtet er davon, wie er seinen Leidensgenossen nachts von seinen Gedanken zum Staat Indonesien erzählte. Das Ergebnis der Opferbereitschaft seiner Mitgefangenen war jene Romantetralogie mit dem Titel "Bücher der Insel Buru", die Toer seinen größten Ruhm einbrachte: "Garten der Menschheit", "Kind aller Völker" (übertr. von Brigitte Schneebeli), "Spur der Schritte" und "Haus aus Glas" (übertr. von Giok Hiang-Gornik). Der Zyklus basiert auf dem Leben des indonesischen Journalisten Tirto Adiu Surjo. Es handelt sich weniger um einen großen Bildungsroman als vielmehr um eine leicht zugängliche Geschichte, in der Toer Mythisches und Geschichtliches zusammenfließen lässt.

Der Islam als Motor der Modernisierung

Die Buru-Tetralogie, zum großen Teil während seiner Zeit im Gefängnis verfasst, führt dem Leser eine Zeit vor Augen, in der der Islam nicht der Endpunkt der indonesischen Geschichte war, sondern als Modernisierungsschub zu einem neuen nationalen Selbstbewusstsein des Archipels beitrug. Und während gerade ein neues Gesetz der Pornographie Einhalt gebieten soll, kann man sich fragen, ob die Politik des Landes wohl anders aussehen würde, wenn Toers Werk in seiner Heimat mehr Beachtung gefunden hätte. Heutzutage stützen sich eher konservative Regierungen des Nahen Ostens auf die Wahabi in Saudi-Arabien und die Mahdisten im Sudan.

Um die Jahrhundertwende in Indonesien jedoch waren von diesen Schulen inspirierte islamische Bewegungen die Befürworter progressiver Reformen. In Toers Buru-Büchern trifft die Hauptfigur Minke auf Mitglieder der in Jakarta ansässigen Gruppen Boedi Oetomo und Sarekat Islam. Diese Gruppierungen standen für einen modernen Islam, der progressive Schulen und politische Organisationsformen hervorbrachte sowie mit dem marxistischen Kräften im Dialog stand.

Abbild der Gesellschaft

Aus der Perspektive Minkes zeigt Toer das ganze Spektrum an Strömungen auf, die in Indonesien eine Rolle spielen, von pan-islamischen und pan-asiatischen über marxistische und antikolonialistische bis hin zu nationalistischen Bewegungen. Toer ging es darum, in seinem Werk ein Bild des modernen Indonesiens zu entwerfen. "Die Aufgabe eines Schriftstellers besteht darin, die Gesellschaft in all ihren sozialen Schichten immer wieder neu zu evaluieren", schrieb Toer in seinem Essay "Literatur, Zensur und der Staat".

Ein Kind aller Völker

In dem zweiten Roman der Tetralogie, "Kind aller Völker", bemerkt Minke, dass all die konkurrierenden Gedankenansätze zweierlei gemeinsam haben: eine grundsätzliche Humanität und den Widerstand gegen die geistige Bevormundung durch westliche Kolonialmächte. In einer Kernpassage erklärt die Hauptfigur: "Nicht nur von Europa konnte man so vieles lernen! [...] Mir wurde klar, dass ich ein Kind aller Völker bin, aller Zeitalter, der Vergangenheit und der Gegenwart. Geburtsort und Geburtszeit, die Eltern, all das ist Zufall: Solche Dinge sind nicht heilig." 1979 durfte Toer die Insel Buru schließlich verlassen, stand aber noch bis 1992 unter Hausarrest.

Auszeichnungen wie der PEN Freedom to Write Award und der Ramon Magsaysay Award (sozusagen der asiatische "Friedensnobelpreis") fielen ihm zu, doch er wollte das Land nicht verlassen, um die Preise in Empfang zu nehmen, weil er fürchtete, nicht wieder zurückkehren zu können. Nach dem Sturz des Suharto-Regimes im Jahr 1998 lockerten die staatlichen Zensoren ihre Maßnahmen gegen Toers Bücher.

Der Autor reiste zwar nun auch ins Ausland, lebte aber vor allem zurückgezogen in einer Villa außerhalb von Jakarta, die er sich von seinen internationalen Tantiemen gekauft hatte. In der ersten Ausgabe des indonesischen Playboy erschien ein Interview mit ihm. "Es ist bedauerlich, dass die indonesische Regierung ihn nicht so willkommen hieß, wie er es verdient gehabt hätte", meint der indonesische Geistliche Viktor Hamel. "Jetzt wird dieser große Autor in Vergessenheit geraten."

Lachlyn Soper

© Qantara.de 2006

Aus dem Englischen übersetzt von Ilja Braun

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