Der starke Mann des Landes, Oberbefehlshaber Generalleutnant Gaid Saleh, der das alte System zu retten versucht, ist wiederum der Ansicht, alle Forderungen der Demonstrierenden seien erfüllt und es sei nun an ihnen, den Gang zur Wahlurne anzutreten, um einen neuen Präsidenten zu wählen.

Die Demonstrierenden jedoch, deren Bewegung Woche für Woche an Dynamik gewinnt, sehen in den Gerichtsprozessen gegen einige Repräsentanten des Systems lediglich ein Begleichen offener Rechnungen innerhalb der algerischen Führungsriege. Der Aufruf zur Wahl ist für sie eine Umgehung ihrer Forderungen und der Versuch, das alte System aufrechtzuerhalten.

Das algerische Patt

Was das algerische Patt in dieser Krisenzeit so ausweglos scheinen lässt, ist das Festhalten der sich gegenüberstehenden Parteien an ihren jeweiligen Standpunkten, begleitet vom Ausbleiben eines ernsthaften Dialogs. Die Staatsführung, die mit den Protestierenden ins Gespräch kommen möchte, ist ebenjene, für deren Sturz das Volk auf die Straße geht.

Den Demonstrierenden ist es trotz der durchschlagenden Dynamik der Proteste allerdings nicht gelungen, seriöse und glaubwürdige Sprecher für ihre Sache zu ernennen, die in der Lage sind, im Namen der Bewegung zu verhandeln.

Die jetzige Staatsführung, die ein verlängerter Arm der alten Führungsriege ist, lehnt die Forderungen des Volkes nach einem kompletten Systemwechsel ab. Sie wehrt sich nicht nur gegen die Absetzung der verbliebenen Vertreter des alten Systems, sondern auch gegen den Abbau von Institutionen, die ebenjenes repräsentieren und damit verbunden gegen die Schaffung von Übergangsinstitutionen, die ihre Vorgänger ablösen und den Weg für ein neues Algerien ebnen könnten.

Jede Lösung, die nicht auf baldige Präsidentschaftswahlen hinausläuft, wird von der Staatsführung zurückgewiesen, denn diese stellen für sie den einzigen Ausweg aus der politischen Sackgasse dar.

Die Protestbewegung richtet sich gegen jegliches Fortbestehen des alten Systems. Dasselbe System, welchem jahrzehntelange Korruption und Betrug zur Manipulation des Wählerwillens vorgeworfen wird, soll nun Wahlen ausrichten, die laut den Demonstrierenden lediglich dem Zweck dienlich wären, die alten Machtstrukturen wiederherzustellen.

Ungewisse Zukunftsszenarien

Wohin der Scheideweg führt, ist angesichts der Vielzahl möglicher Szenarien selbst für die nähere Zukunft schwer vorherzusagen. Angesichts der sich verhärtenden Fronten zwischen Staatsführung und Demonstrierenden, befindet sich das algerische Volk in einem Zustand wachsender Unsicherheit.

Die Redaktion empfiehlt