Positionen

Das Kopftuch im intellektuellen Diskurs

Der Gesetzentwurf über das Verbot religiöser Symbole - darunter das Kopftuch - in Schulen und öffentlichen Ämtern in Frankreich rief einen Sturm von Protesten unter Muslimen in Frankreich und in der islamischen Welt hervor. Ahmed Farouk unterhielt sich mit einigen muslimischen Intellektuellen.

Der Gesetzentwurf über das Verbot religiöser Symbole - darunter das Kopftuch - in Schulen und öffentlichen Ämtern in Frankreich rief einen Sturm von Protesten unter Muslimen in Frankreich und in der islamischen Welt hervor. In Deutschland wollen einige Bundesländer ein Gesetz erlassen, das Kopftuch tragenden Lehrerinnen den Unterricht an staatlichen Schulen verbietet. Ahmed Farouk unterhielt sich mit muslimischen Intellektuellen über die Bedeutung und Folgen des Gesetzentwurfs in Frankreich und die aktuelle Diskussion in Deutschland.

Nasr Hamid Abu Zeid

Demonstration in Berlin gegen das Kopftuchverbot in Frankreich, Foto: AP
Demonstration in Berlin gegen das Kopftuchverbot in Frankreich

​​Der im Exil lebende ägyptische Professor Nasr Hamid Abu Zeid, Ordinarius des Lehrstuhls für Ibn Rushd-Studien an der Universität Utrecht, kritisiert den französischen Gesetzesentwurf als wahlkampfpolitisches Mittel:

"Zweifellos entspringt dieser Gesetzentwurf dem laizistischen Verständnis in Frankreich, und es wird versucht, niemanden, weder auf religiöser noch ethnischer oder einer anderen Ebene, zu diskriminieren. Was die Bürger miteinander verbindet, ist ihr Anspruch auf die Bürgerrechte.

Andererseits fragt sich, ob ein Gesetz das Problem lösen kann - vorausgesetzt, es gibt überhaupt ein Problem. Oder steht dieses Gesetz eher im Widerspruch zu dem `offenen, dem aufgeschlossenen Laizismus´? Es gibt zwei Arten von Laizismus, den offenen und den ausschließenden Laizismus. Für den offenen, oder den aufgeschlossenen Laizismus sind religiöse Symbole individuelle Symbole, die nur die Gemeinschaft, die Gruppe oder die Individuen betreffen.

Nasr Hamid Abu Zaid, Foto: Markus Kirchgessner
Nasr Hamid Abu Zaid

​​Deshalb glaube ich, hätte man das Problem - wenn es ein Problem gibt - anders lösen können. Dieses Gesetz rief viele Reaktionen bei Muslimen in der französischen Gesellschaft und in der islamischen Welt hervor, was zu zusätzlichen Spannungen der Beziehungen untereinander führte."

Nasr Hamid Abu Zeid befürchtet, dass sich das Gefühl der Diskriminierung unter den Muslimen durch ein solches Gesetz vertiefe. Wenn es Muslimen nur in eigenen Schulen gestattet sei, so Abu Zeid, Kopftücher zu tragen, könnte es zur Isolierung der Bürger führen. Auf diese Weise wäre das Gesetz eher kontraproduktiv.

"Ich glaube, es ist ein politisches Problem. Es entsteht Druck von den politisch rechts gerichteten Kräften in der französischen Gesellschaft. Bald wird es in Frankreich Kommunalwahlen geben. Vielleicht ist dieses Gesetz Teil des Wahlkampfs.

Das wäre sehr bedenklich, denn es würde bedeuten, dass der Laizismus, der behauptet, zwischen Religion und Politik zu trennen, in der Tat das Religiöse zu politischen Zwecken missbraucht. Ich hätte mir von dem Gesetzgeber gewünscht, dass er das Problem ernster nimmt und nicht nur als wahlkampfpolitisches Mittel einsetzt."

Safaa Fathy

Die in Frankreich lebende ägyptische Regisseurin Safaa Fathy unterstützt den französischen Gesetzentwurf.

"Das Kopftuch ist in Frankreich ein ziemlich neues Phänomen, das sich nach dem 11. September zuspitzte. Es ist verbunden mit der Wiederbelebung einer radikalen politisch-religiösen Bewegung in der arabischen Welt. So ist es nur ein Echo für alles, was außerhalb Frankreichs und auch außerhalb der arabischen Welt, nämlich in Pakistan und Afghanistan, geschieht.

Die französische Regierung versucht, eine zunehmende Radikalisierung in den Vororten, in denen die arabischen oder türkischen Muslime leben, zu verhindern. Dort müssen jetzt schon junge Mädchen im Alter von acht Jahren ein Kopftuch tragen.

Wir haben es hier also mit einer religiös-politischen Bewegung zu tun, die ich selbst in Ägypten Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre habe entstehen und wachsen sehen.

Die französische Regierung hat also hier mit einem ihr fremden Phänomen zu tun. Sie ist bekanntlich die einzige Regierung, die tatsächlich Politik und Religion voneinender trennt. Und es gibt in Frankreich eine wirkliche Diskriminierung gegen Araber, selbst wenn sie nicht mehr so heftig ist wie früher. Aber das Kopftuchverbot ist nicht Teil dieser Diskriminierung, da es sich nur auf Schulen auswirkt, nicht auf die Universitäten oder den Arbeitsplatz.

Ich bin dafür, dass es ein Gesetz gibt, das Mädchen vor dem Druck der muslimischen Gemeinschaft schützt, denn es geht hier um eine Gemeinschaft, in der die Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Das Kopftuch ist ein Merkmal ihrer Zugehörigkeit zu der arabisch-islamischen Gemeinschaft."

Navid Kermani

Der Islamwissenschaftler und Publizist Navid Kermani sieht einen deutlichen Unterschied zwischen den Ursprüngen und Folgen des französischen Gesetzentwurfs und der aktuellen Kopftuchdebatte in Deutschland.

Navid Kermani, Foto: L. Bender
Navid Kermani

​​"Man muss feststellen, dass das Gesetz in Frankreich zwar sehr radikal ist, aber es bedeutet keine ungleiche Behandlung der Religionen. Es werden ja sämtliche Symbole der Religionen aus den Schulen verbannt, und insofern gilt es auch für die jüdische Kippa oder auch ein demonstratives Kreuz und Ähnliches.

Deshalb unterscheidet sich der Gesetzentwurf in Frankreich von dem, was in einigen Bundesländern in Deutschland geplant ist. Hier geht es ja ganz explizit darum, nur die religiösen Symbole des Islam im Unterricht auszuschließen.

Da liegt meiner Meinung nach eine Diskriminierung vor, denn man kann nicht das Kopftuch per se als Symbol des Fundamentalismus oder der Verfassungsfeindlichkeit deklarieren. Wer das tut, setzt eine fundamentalistische Auslegung des Islam als solchem voraus und schließt andere Deutungen dieses religiösen Symbols aus."

Auf die Frage, ob dies das Gefühl der Unterdrückung der Muslime in Deutschland verstärke, antwortet Kermani:

"Natürlich, denn das fördert nicht nur das Gefühl, nicht dazu zu gehören in dieser Gesellschaft, sondern führt auch dazu, dass die Muslime glauben, dies sei nicht ihr Land, nicht ihr Staat und nicht ihr Gemeinwesen. Dies ist nicht gut für die Integration der Muslime, besonders bei der zweiten Generation der Türken, die in den Großstädten leben. Viele von ihnen leben in ihrer eigenen Welt, sie sprechen kein Deutsch. Dieses Problem muss ernst genommen werden."

Şebnem Bahadir

Şebnem Bahadir, Forscherin im Bereich Interkulturelle Kommunikation an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, vergleicht den französischen Gesetzentwurf mit dem Kopftuchverbot an Universitäten und öffentlichen Ämtern in der Türkei.

"Ich möchte prinzipiell sagen, dass das französische Gesetz eine Beschränkung der persönlichen Freiheitsrechte der Frau darstellt. Manche glauben, dass das Kopftuchverbot der Ausbreitung islamischer Symbole eine Grenze setzt, aber es handelt sich in erster Linie um die Frau.

Das laizistische System in Frankreich ist ein bisschen überholt. Es ist nicht mehr ganz aktuell und da kann man natürlich einen Vergleich mit der Türkei ziehen.

In der Türkei hat man es zur Zeit der Republikgründung ähnlich gemacht, und dies war von Frankreich übernommen. Man muss aber bedenken, dass man sich in der Türkei vor einem ganz anderen historischen Hintergrund und in einer ganz anderen Zeit befand. Das ist jetzt siebzig oder achtzig Jahre her. Damals hat man gegen ein 500 Jahre altes religiös dominiertes Osmanisches Reich gekämpft, um eine Republik zu gründen, um Staat und Religion voneinander zu trennen.

Man kann diese beiden Systeme vergleichen, aber man kann nicht sagen, dass so ein Schritt von Frankreich irgendwie erklärbar oder verständlich ist. Ich hätte einen solchen Schritt von Frankreich jetzt nicht erwartet. In der Türkei versuchen die Menschen seit etwa zehn Jahren nicht auf juristischer, sondern auf politischer und gesellschaftlicher Ebene diese starre Haltung zu ändern, und mit der Zeit gibt es in diesem laizistischen System immer mehr Schlupflöcher.

Ich selber unterrichte im Sommersemester an einer Universität in Istanbul, und obwohl es verboten ist, mit Kopftuch an der Universität zu erscheinen, tendieren die Dozenten und die Studentenvereine dazu, hier eine Änderung herbei zu führen. Ich kann zum Beispiel das Tragen von Kopftüchern in meinen Vorlesungen erlauben. Daran sieht man, dass der Staat sich nicht mehr so sehr einmischen kann wie früher.

Das Kopftuch ist nicht nur ein religiöses Symbol, sondern auch ein kulturelles Phänomen wie viele andere auch. Als Forscherin für interkulturelle Kommunikation möchte ich, dass allem Raum gegeben wird, denn das Verbotene ist immer reizvoll für die Jugend. Man sollte das Kopftuch als Kleidungsstück betrachten, genau wie eine Mütze oder Feder oder eine wie Punkfrisur.

Für Deutschland glaube ich, dass Lehrerinnen mit Kopftüchern eine heilsame Erscheinung wären. Wenn ich sehe, dass das Fremde, also das Andere, was ich sonst absondere und ausgrenze, wenn das jetzt in meiner Schule einen Platz gefunden hat, dann ist es ja gar nicht mehr so fremd. Dann wird die Lehrerin mit Kopftuch eine unter vielen sein. Ich glaube nicht, dass das Kopftuchverbot die so genannten rückständigen muslimischen Familien und Frauen modernisiert, im Gegenteil."

Ahmed Farouk

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2004

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