Der Fokus der Wissenschaftler liegt nicht auf den Kämpfen und Ambitionen der damals herrschenden Eliten, sondern darauf, wie einfache Menschen verschiedenen Glaubens zusammenlebten, in der gleichen Erde begraben wurden und ähnliche Traditionen und Lebensweisen teilten.

Kontinuität friedlicher Koexistenz

Cláudio Torres sieht in der Kirche von Mértola den besten Beleg für eine friedliche Koexistenz. Die Kirche ist gleichzeitig Portugals besterhaltene mittelalterliche Moschee. Ein Ort, an dem Christen noch immer in Richtung Mekka beten. "In der Stadt mit ihren vielfältigen Spuren islamischer Geschichte konnten wir ein Bewusstsein für diese Kontinuität entdecken", so Torres. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf den historischen Beziehungen zwischen den Menschen im Mittelmeerraum.

Torres ist davon überzeugt, dass der muslimische Glauben nicht gewaltsam in Form von Kämpfen durchgesetzt wurde, sondern sich allmählich über den Handel in den Mittelmeerhäfen ausbreitete. Die archäologischen Stätten in Mértola deuten sogar darauf hin, dass es Massenkonvertierungen zum Islam gab.

Ausgehend von der gemeinsamen Vergangenheit zwischen Portugal und Nordafrika versucht Torres, die Vorstellung zu widerlegen, Muslime seien Invasoren und der Islam in Europa ein Fremdkörper.

Susana Martínez, Professorin für Mittelalterliche Geschichte und Archäologie an der Universität von Évora; Foto: Marta Vidal
. „Auch Diktatoren rekurrierten gerne auf die Idee der Reconquista. Heute wird sie im Kern von den rechtspopulistischen Parteien in Europa wieder aufgegriffen“, berichtet Susana Martínez, Professorin für Mittelalterliche Geschichte und Archäologie an der Universität von Évora.

In seiner Jugend war Torres ein Gegner des katholisch-autoritären Regimes, das Portugal bis 1974 diktatorisch beherrschte. Er wurde wegen seines gewaltsamen Widerstands verhaftet und gefoltert.

Torres hatte nicht das Geld, um Schleuser für die Flucht nach Frankreich zu bezahlen. Er floh daher gemeinsam mit seiner schwangeren Frau und weiteren Dissidenten auf einem kleinen Motorboot nach Marokko. Bei der Überfahrt wären sie fast im Mittelmeer ertrunken. Die Reise erinnert an die heutigen Bootsflüchtlinge.

Nach dem Ende der Diktatur kehrte Torres aus dem Exil zurück. In der Auseinandersetzung mit der islamischen Vergangenheit Portugals arbeitet er an einem Projekt, das man als Gegenpol zum damaligen faschistoiden katholischen Regime betrachten kann. "Unsere archäologische Arbeit war Teil eines Projekts zur Förderung des politischen Wandels", sagt Torres.

Angesichts der zunehmenden Islamophobie und Intoleranz in Europa könnte sein Projekt relevanter sein denn je.

Marta Vidal

© Qantara.de 2019

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Wo Christen in Richtung Mekka beten

Danke für den schönen Bericht...Algarve in Portugal ist wunderschön! viel Kultur und für mich sehr nordmarokkanisch geprägt!

Ulla Schmidt03.06.2019 | 13:40 Uhr