Die Funde von Mértola zeigen aber noch viel mehr, nämlich die tiefe Verbindung zwischen Europa und der islamischen Welt, wobei sie den bisherigen Blick auf die Geschichte Portugals infrage stellen.

Portugals vergessene islamische Vergangenheit

Im 13. Jahrhundert eroberte König Alfons III. von Portugal die letzte muslimische Festung im Westen von Al-Andalus und vollendete damit die portugiesische Reconquista. Zwei Jahrhunderte später wurden Muslime und Juden gezwungen, entweder zum Christentum zu konvertieren oder ins Exil zu gehen. Die Koexistenz hatte ein Ende, Portugal wurde ein fast  ausschließlich katholisches Land.

Im Westen von Al-Andalus verweist der heutige Name Algarve (von Al-Gharb, im Westen) immer noch auf die arabisch-islamischen Wurzeln, die überall im Land bis heute zu finden sind. Dennoch ist das islamische Erbe weitgehend unterschätzt oder gänzlich vergessen.

Historisch gesehen werden Muslime seit jeher als Bedrohung dargestellt. "Die nationale Identitätssuche entstand in Abgrenzung zu den Muslimen. Die mittelalterliche Vergangenheit wurde als ein Kampf zwischen dem christlichen Norden und dem islamischen Süden reduziert", erklärt Susana Martínez, Professorin für Mittelalterliche Geschichte und Archäologie an der Universität von Évora.

"Die nördlichen Königreiche wollten sich nach Süden ausdehnen und brauchten dafür eine ideologische Begründung. Also inszenierten sie sich als Erben des Westgotenreichs, das vor den maurischen Eroberungen auch die iberische Halbinsel umfasste. Dabei waren die nördlichen Königreiche und die Westgoten stets erbitterte Feinde", so Martínez. "Das Westgotenreich befand sich im ständigen Krieg mit den nördlichen Königreichen."

Die als Reconquista bekannte Periode der Ausdehnung der christlichen Reiche der Iberischen Halbinsel unter Zurückdrängung der muslimischen Herrscher, die als Feinde dargestellt wurden, mündete später in die Entwicklung einer nationalen Identität und Bildung der Nationalstaaten Portugal und Spanien. "Auch Diktatoren rekurrierten gerne auf die Idee der Reconquista. Heute wird sie im Kern von den rechtspopulistischen Parteien in Europa wieder aufgegriffen", ergänzt Martínez.

Was Archäologen in Mértola fanden, erzählt jedoch eine ganz andere Geschichte. Es gab offenbar eine Koexistenz und Kontinuität zwischen dem Norden und dem Süden. "Die Idee der Konfrontation und des Kampfes zwischen Christen und Muslimen wurde von den Eliten gepflegt", sagt Martinez. Archäologen in Mértola möchten hingegen die Geschichten der einfachen Menschen und deren alltägliches Zusammenleben nacherzählen. Geschichten, die in der offiziellen Geschichtsschreibung getilgt wurden.

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Leserkommentare zum Artikel: Wo Christen in Richtung Mekka beten

Danke für den schönen Bericht...Algarve in Portugal ist wunderschön! viel Kultur und für mich sehr nordmarokkanisch geprägt!

Ulla Schmidt03.06.2019 | 13:40 Uhr