Portugals islamische Wurzeln

Wo Christen in Richtung Mekka beten

Seit rund 40 Jahren sichern Archäologen in Mértola im Südosten des Landes Spuren der islamischen Vergangenheit Portugals. Ihre Funde zeigen, dass der Islam in Europa kein Fremdkörper ist, sondern die portugiesische Geschichte und Kultur stark beeinflusst hat. Von Marta Vidal

Als der Archäologe Cláudio Torres die Kleinstadt Mértola zum ersten Mal besuchte, stieß er in der Altstadt nahe der mittelalterlichen Burg auf Keramikscherben. Das Gelände oben auf einem Hügel am Ufer des Río Guadiana lag über Jahrhunderte in einem Dornröschenschlaf.

In Nähe der Burgruinen sah er eine imposante Kirche mit weiß getünchten Wänden und Hufeisenbögen. In ihrem gewölbten Inneren zeigte eine Mihrāb, also eine Gebetsnische, die die Richtung nach Mekka angibt, dass die christliche Kirche einst eine Moschee war.

"Wir ahnten, dass es in Mértola wichtige Hinweise auf die islamische Zeit der Stadt geben müsse und begannen umgehend mit Ausgrabungen", sagt Torres, der 1976 zusammen mit dem Historiker António Borges Coelho anreiste. Die Keramikscherben, die sie unter einem Feigenbaum fanden, erwiesen sich als wichtige islamische Artefakte.

Im 8. Jahrhundert eroberten muslimische Heere aus Nordafrika weite Teile des heutigen Portugals und Spaniens. Ein Großteil der iberischen Halbinsel war über mehrere Jahrhunderte muslimisch. Die muslimische Herrschaft über das als Al-Andalus bezeichnete Gebiet endete erst mit der Reconquista durch die christlichen Königreiche im Norden.

Historische Spurensuche

Nach Entdeckung der Keramikscherben reiste jeden Sommer ein Team aus Archäologen und Studierenden nach Mértola und machte sich auf die Suche nach weiteren Spuren der islamischen Geschichte Portugals.

Der portugiesische Archäologe Cláudio Torres; Foto: Marta Vidal
Bewusstsein für friedliche interreligiöse Koexistenz: Cláudio Torres sieht in der Kirche von Mértola den besten Beleg für ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen. Die Kirche ist gleichzeitig Portugals besterhaltene mittelalterliche Moschee. Ein Ort, an dem Christen noch immer in Richtung Mekka beten.

"Mértola war bedeutender, als wir anfangs dachten", berichtet Torres. Der Binnenhafen machte die Stadt zu einem wichtigen regionalen Handelszentrum, dessen Blüte erst im 13. Jahrhundert nach der Reconquista endete.

Die Bedeutung der Funde veranlasste Torres 1978, den Campo Archeológico zu gründen und mit seiner Familie dauerhaft nach Mértola zu ziehen.

Seitdem entdeckten Archäologen seltene islamische Keramiken, ein Berberviertel aus dem 12. Jahrhundert und ein Taufbecken aus dem 6. Jahrhundert. Mértola beherbergt heute eine der bedeutendsten islamischen Kunstsammlungen Portugals. Die zuvor vernachlässigte Stadt in einer Randregion Portugals wandelte sich dadurch zu einer Museumsstadt, die jedes Jahr Zehntausende von Besuchern anzieht.

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Leserkommentare zum Artikel: Wo Christen in Richtung Mekka beten

Danke für den schönen Bericht...Algarve in Portugal ist wunderschön! viel Kultur und für mich sehr nordmarokkanisch geprägt!

Ulla Schmidt03.06.2019 | 13:40 Uhr