Porträt des türkischen Koranexperten Ömer Özsoy

Modernes Islamverständnis statt Missionsgedanke

Den Koran im historischen Kontext begreifen – so die Kernbotschaft von Ömer Özsoy. Seit 2006 ist der aus Kayseri stammende Koran-Experte erster muslimischer Theologieprofessor auf einem deutschen Lehrstuhl. Von Arian Fariborz

Koranexperte Ömer Özsoy, Foto: &copy Universität Frankfurt
Für eine moderne Interpretation des Korans: Prof. Ömer Özsoy ist seit 2006 Stiftungsprofessor für Islamische Religion an der Universität Frankfurt.

​​Allein die Titel seiner Veranstaltungen lassen vermuten, dass es sich bei Professor Özsoys Seminarangebot um keinen gewöhnlichen islamwissenschaftlichen Unterricht handelt – so etwa:

"Die Sprache des Koran zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit" oder "Das geistige Erbe des Islam und die Herausforderungen der Moderne". Der 43jährige muslimische Theologieprofessor ist offen für eine moderne Islaminterpretation, jenseits strikt buchstabengetreuer, traditioneller Auslegungen des Korans und des geistigen Erbes der Religion.

Den Koran im historischen Kontext begreifen

"Ich gehe davon aus, dass die Muslime von Beginn an den Koran als etwas historisches und mündliches angesehen und wahrgenommen haben", erklärt Özsoy. "Das hätte nicht anders sein können, weil die ersten Muslime, die ersten Adressaten des Korans, haben den Koran als solches erlebt, sie haben die Offenbarung miterlebt als Zeitgenossen des Propheten. Und die Wissenschaftszweige, wie die Offenbarungsgründe, mekkanische und medinensische Passagen des Korans, verdanken wir der ersten und zweiten Generation."

Nur etwa zehn Prozent dessen, was der Koran aussagen will, ließe sich auch im Text finden, der Rest sei vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit interpretationsbedürftig. Der Koran wird von Özsoy daher nicht als zeitlos und universell gültig betrachtet. Und mit dieser historisch-kritischen Sichtweise eckt der Koranexperte denn auch bei konservativen Muslimen an, die alle koranischen Handlungsanweisungen grundsätzlich auch für die Gegenwart reklamieren.

Ömer Özsoy, der an der Universität Ankara promovierte und seit 2004 Professor für Koran-Exegese ist, gehört zur so genannten "Schule von Ankara" – eine bedeutende reformislamische Strömung, die seit Mitte der 90er Jahre an der Universität Ankara entstanden ist.

Wachsendes Interesse an Özsoys Seminaren

Seitdem er 2006 im Fachbereich evangelische Theologie der Uni in Frankfurt Stiftungsprofessor wurde, ist das Interesse an seinen Forschungs- und Lehrmethoden sprunghaft gestiegen, so auch bei den rund 15 muslimischen und nicht-muslimischen Studenten, die in vergangenen Sommersemester an seinem Koran-Seminar teilgenommen haben, obgleich deren Motivation, die Veranstaltung zu besuchen, sehr verschieden war.

So berichtet beispielsweise ein türkischstämmiger Student, dass er die Veranstaltung von Ömer Özsoy bewusst gewählt habe: "Ich will so viele Veranstaltungen wie möglich von ihm besuchen, weil die Richtung, die er vertritt, nicht unbedingt der Richtung der Mehrheit der Muslime in der islamischen Welt entspricht. Von daher finde ich es sehr interessant, wie der Koran und die gesamte islamische Geschichte interpretiert werden – das hier der Versuch unternommen wird, den Historismus, der in Europa im 19. Jahrhundert entstanden, ist auch auf den Koran anzuwenden, um so eine neue Interpretation zu schaffen."

Und ein anderer Student fügt hinzu: "Meine Motivation, mich hier einzuschreiben war, dass ich später, wenn ich mein Lehramtsstudium fertig habe, als Gymnasiallehrer auch islamischen Religionsunterricht an Schulen erteilen kann. Es gibt Studiengänge, die solche Lehrer ausbilden."

Zwar sieht der Magisterstudiengang "islamische Religion" im Rahmen der Stiftungsprofessur in Frankfurt keine spezielle Fortbildung zum Imam oder Seelsorger vor. Auch werden hier keine Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausgebildet, wie etwa am "Centrum für religiöse Studien" an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo ein Master-Studiengang der "islamischen Theologie" eingerichtet wurde. Doch nicht wenige Studenten aus Özsoys Seminaren belegen im Anschluss an den Magisterstudiengang eine zusätzliche Ausbildung für den islamischen Religionsunterricht.

Interreligiöser Dialog in der Sackgasse

Neben Özsoys Forschungs- und Lehrtätigkeit mit dem Schwerpunkt Koranforschung, "Islam und Moderne", "Islam und Muslime in Europa" soll der Koranexperte aber auch den interreligiösen Dialog zu den Kollegen anderer Glaubensrichtungen im Fachbereich Evangelische Theologie intensivieren. Hierzu sei es höchste Zeit, denn noch immer werde von deutscher Seite ein geeigneter muslimischer Ansprechpartner händeringend gesucht, der Dialog stecke gegenwärtig in der Sackgasse, meint Özsoy:

"Ich bin zwar relativ neu in Deutschland, aber ich habe den Eindruck, das läuft irgendwie schief. Auf der einen Seite gibt es gut gebildete christliche Theologen, die über den Islam studiert oder promoviert haben und auf der anderen Seite einfache Arbeiter oder – in den besten Fällen – Ingenieure oder Ärzte, die mit dem Islam von Herzen verbunden sind und sich dazu zuständig fühlen. Doch das ist kein Dialog! Das läuft nicht auf derselben Augenhöhe, das ist offensichtlich so. Und die christliche Seite beklagt sich auch darüber, dass ihnen geeignete, ausgewiesene Partner fehlen. Aber vielleicht werden diese Lehrstühle in Münster, Erlangen und hier bei uns, mittelbar oder unmittelbar dazu beitragen."

Arian Fariborz

© Qantara.de 2007

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