Porträt des Fotografen Judah Passow

Blick für die Tragik eines Konflikts

Der viermal mit dem "World Press Award" ausgezeichnete Fotograf Judah Passow sucht Motive, die vordergründig einfach wirken, hinter denen sich jedoch vielschichtige Geschichten verbergen, wie zum Beispiel die Tragik des palästinensisch-israelischen Konflikts. Von Alexandra Senfft

Der viermal mit dem "World Press Award" ausgezeichnete Fotograf Judah Passow sucht Motive, die vordergründig einfach wirken, hinter denen sich jedoch vielschichtige Geschichten verbergen, wie zum Beispiel die Tragik des palästinensisch-israelischen Konflikts. Alexandra Senfft hat Passow in London getroffen.

Judah Passow; Foto: &copy privat
Enttäuscht zeigt sich Judah Passow heute über die gesellschaftliche Realität in seiner Heimat Israel: "Soziale Toleranz ist von religiösem Eifer verdrängt worden. Kultureller Stolz hat sich in politische Arroganz verwandelt."

​​"Der Konflikt hat meinen Freund, den palästinensischen Schriftsteller Samir el-Youssef ins Exil getrieben und ich habe seinetwegen getötet. Realer als das kann es nicht mehr werden", sagt Judah Passow und blickt durch seine braun-umfasste, runde Brille nachdenklich auf die Straße, auf der sich der Londoner Rushhour-Verkehr zäh voran schiebt.

1973 kämpfte Judah an vorderster Front im Jom-Kippur-Krieg, und er war einer der ersten sechs israelischen Soldaten, die als Kundschafter in Ruderbooten den Suez-Kanal überquerten.

Die Kämpfer des ägyptischen Widerstands waren geflohen, und so funkte seine Einheit an die Armee das Signal, die Militäroperation zu beginnen. Als Ariel Sharon schließlich den Waffenstillstand erklärte, war Judah mit seinen Leuten bereits tief ins Zentrum von Ägypten vorgerückt: "Wir konnten die Lichter von Kairo funkeln sehen."

Abstraktionen als grundlegendes Problem

Wenn Judah eines nicht leiden kann, dann sind es Menschen, die abstrakt und dazu oft noch ahnungslos über diesen Konflikt diskutieren und keine praktischen Lösungsmodelle entwickeln.

"Viele Leute meinen, zur Beilegung des Konflikts etwas beitragen zu können. Dabei sind gerade jene, die das zu ihrem intellektuellen Hobby gemacht haben und in Abstraktionen reden, das eigentliche Problem. Sie haben nichts zu verlieren, aber verkomplizieren alles mit ihren Argumenten, die oft Anlass für Instrumentalisierungen bieten", sagt er.

Israelischer Soldat neben jungen Palästinenser in Hebronn; Foto: &copy Judah Passow
Passow wurde in den letzten Jahrzehnten von vielen internationalen Verlagshäusern engagiert, um Konflikte wie in Afghanistan oder in den besetzten Gebieten zu dokumentieren.

​​ Auch Juden in der Diaspora haben seiner Ansicht nach nicht selbstverständlich das Recht, sich einzumischen – Israel sei zunächst einmal eine Angelegenheit, die nur Israelis selbst etwas angehe.

Es sei nicht Israels Aufgabe, die Identitätsfragen von amerikanischen, britischen oder deutschen Juden zu lösen, sagt Judah. Freilich könne jeder, gleichgültig ob jüdisch oder nicht, seine Meinung äußern, schließlich lebten wir in einer Demokratie.

Die meisten dieser Leute sollten sich jedoch besser fern von Israel halten: "Das letzte, was Israel gegenwärtig braucht, sind neurotische Immigranten aus dem Westen."

Asymmetrische Machtverhältnisse

Judahs Fotos zeigen die unterschiedlichsten Realitäten und Perspektiven. Sie regen die Gefühle an, oft unbewusst. Stets sucht er Motive, die vordergründig einfach wirken, hinter denen sich jedoch vielschichtige Geschichten verbergen, wie zum Beispiel die Tragik des palästinensisch-israelischen Konflikts. Häufig thematisiert er die asymmetrischen Machtverhältnisse von Palästinensern und Israelis.

Wenn der 61jährige an die künstlerische und intellektuelle Szene Tel Avivs denkt, ist er ganz in seinem Element: Das ist Zukunft. Jerusalem hingegen symbolisiert für ihn die Antithese des modernen, säkularen, zionistisch-sozialistischen Staates, den er sich gewünscht hat. Zu religiös, zu ideologisch, intolerant, unkreativ.

Foto: &copy Judah Passow
Spannungen, Ambivalenzen und Komplexitäten im Nahen Osten vor dem Objektiv: Judah Passows Foto aus dem Jahr 2004 zeigt eine junge Palästinenserin die sich durch einen Spalt der Mauer bei Abu Dis im Westjordanland zwängt.

​​Judah kam Anfang 1949 in Holon zur Welt, der Staat Israel war noch kein Jahr alt. Judahs Vater David leitete die Öffentlichkeitsarbeit des renommierten Weizmann-Instituts für Naturwissenschaften, dessen Direktor zu jenem Zeitpunkt kein geringerer als Staatspräsident Haim Weizmann selbst war.

Als Judah fünf Jahre alt war, gingen die Passows in die USA. Dort begann Judahs zweite identitätsbildende Phase, Sozialisierung à la New York.

Nach Israel fuhr die Familie nur noch in den Sommerferien – für Judah hieß das fortan Abenteuer. "Israel war wohl der einzige Ort in der Welt, an dem man materiell erfolgreich sein und dennoch sozialistische Ideale hochhalten konnte – das, was man in London 'Champagnersozialisten' nennt, gab es dort nicht", so Judah.

In seinem angenehm fließenden New Yorker Tonfall, den er sich in England bewahrt hat, spricht er auch über seine Ferien in den zionistischen Sommerlagern in Pennsylvania, die die israelische Jugendbewegung der Arbeitspartei organisierte.

Mythen als Problemfall

"Das war in den 1960er Jahren der Versuch, die Ideale aus der Pionierzeit vor der Staatsgründung zu bewahren, und das zu einem Zeitpunkt, als Israel versuchte, Sand und Staub von sich abzuklopfen!", sagt Judah. Dann wird er ein wenig ungehalten:

"Auf diese Weise entstand dieser riesige Graben zwischen der israelischen Realität und dem, was die zionistische Bewegung im Ausland von Israel vermittelte – einen Haufen Mythen. Das hat viele der Probleme geschaffen die es bis heute zwischen Israelis und den Juden in der Diaspora gibt, die diese Mythen unhinterfragt übernommen haben."

Nach dem Ende seines Filmstudiums an der Universität Boston im Jahr 1971, sollte er eingezogen werden und im Vietnam-Krieg kämpfen. Er war jedoch mehr mit Protesten gegen diesen Krieg und mit der Hippiebewegung beschäftigt. Auf Rat seiner Eltern beschloss er, nach Israel zurückzukehren, nicht ahnend, dass dort zwei Jahre später auch ein Krieg ausbrechen würde.

"Als ich auf dem Ben Gurion Flughafen landete, war ich mit meinen langen Haaren und meinen Einstellungen vermutlich der letzte, den die israelische Armee gerne aufgenommen hätte", sagt er amüsiert.

Porträtbild Judah Passows aus dem Jahr 1971; Foto: &copy privat
"Als ich auf dem Ben Gurion Flughafen landete, war ich mit meinen langen Haaren und meinen Einstellungen vermutlich der letzte, den die israelische Armee gerne aufgenommen hätte", amüsiert sich Judah Passow rückblickend auf die 1970er Jahre.

​​Dass der Dienst in der israelischen Verteidigungsarmee dann dazu führte, ihn zu disziplinieren und zu festigen, ergibt sich aus seinen bildhaften Erzählungen. "Diese Armee war damals wirklich so wie in der amerikanischen TV-Serie 'M*A*S*H'", sagt der Fotograph, "egalitär und sozialistisch ausgerichtet."

Das prägte seinen Bezug zu einem Israel, das es heute so nicht mehr gibt, weil sich die gesellschaftlichen und politischen Werte stark gewandelt haben. Dessen ist er sich schmerzlich bewusst:

"Soziale Toleranz ist von religiösem Eifer verdrängt worden. Kultureller Stolz hat sich in politische Arroganz verwandelt. Der Pioniergeist ist verschwunden und hat nichts als zerbrochene Träume zurückgelassen."

Schnelle Karriere als Fotograf

1974 kam plötzlich ein Anruf – bei der "Jerusalem Post" brauchte man ein Foto. Judah, der während seines Filmstudiums schon fotografiert hatte, schoss das Bild und bekam umgehend das Angebot, bei der Zeitung als Fotograf zu arbeiten.

Von da an ging es steil aufwärts. Vier Jahre später zog der israelisch-amerikanische Fotojournalist in die Metropole London um. Er arbeitete bald für namhafte überregionale Zeitungen und die Sonntagszeitungen wie "The Times" oder "Sunday Telegraph".

Ende der 1970er engagierte ihn "Der Spiegel", um den Konflikt in Afghanistan zu dokumentieren, und 1982 entsandte ihn der "Observer" in den Libanonkrieg, später kamen Bosnien und andere Krisenherde dazu. Andere renommierte internationale Publikationen folgten, darunter "DIE ZEIT".

Sein Freund Samir el-Youssef und er teilen heute den Traum von einem Café am Meer, einem stillen Ort unter der Sonne, an dem Individualisten wie sie sich wohl fühlen, diskutieren, lachen oder schweigen können.

Besucher kommen nur gelegentlich vorbei, und die, die vorbeischauen, sind frei von stereotypem Denken - keine Salon-Zionisten oder Palästina-Nationalisten, keine radikalen jüdischen Siedler oder extremistischen Hamas-Anhänger. Bis sich dieser Traum erfüllt, wird Judah Passow die Spannungen, Ambivalenzen und Komplexitäten im Nahen Osten weiter dokumentieren.

Alexandra Senfft

© Qantara.de 2010

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Gekürzt aus: "Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis", von Alexandra Senfft, edition Körber-Stiftung 2009

Qantara.de

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www

Judah Passows Webseite (engl.)

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