Porträt Ali Bulaç

Jenseits von Konservatismus und Nationalismus

Den einen gilt der türkische Intellektuelle Ali Bulaç als Vordenker eines rückwärtsgewandten politischen Islam, für die anderen repräsentiert er einen modernen Reformislam, der jedweder politischer Ideologie eine Absage erteilt. Von Guenter Seufert

Ali Bulaç; Foto: www.kultur.gov.tr/EN
Ali Bulaç: Repräsentant des intellektuellen Strangs des türkischen Islamismus unserer Zeit

​​Wenn vom politischen Islam in der Türkei die Rede ist, nennt man zuerst die Namen von Politikern: Necmettin Erbakan, der über die letzten 35 Jahre hin fünf islamistische Parteien gründete (oder gründen ließ), die der Reihe nach verboten wurden.

Oder man spricht von Recep Tayyip Erdogan, der in Erbakans Parteientradition groß wurde, und dessen post-islamistische Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) heute das Land regiert.

Islamistische Denker der Türkei dagegen sind viel weniger bekannt. Sie stehen im Schatten der Politiker, schreiben auf Türkisch, das wenig rezipiert wird und sind eher kritische Begleiter der Politik als Führer der politischen Bewegung.

Das gilt auch für Ali Bulaç, der wie kein anderer in der Türkei den intellektuellen Strang des türkischen Islamismus unserer Tage repräsentiert. Dreimal hat Ali Bulaç den politischen Diskussionen im türkischen Islam grundsätzlichen und kritischen Anstoß gegeben, und heute muss sich auch Erdogans AKP der Kritik von Ali Bulaç stellen.

Bulaçs Wirkung hängt eng damit zusammen, dass er in vieler Hinsicht die intellektuelle Generation seiner Zeit abbildet und sich gleichzeitig in wichtigen Dingen von ihr unterscheidet. Wie andere islamische Intellektuelle ist er Kind einfacher und frommer Leute aus Anatolien und hat seine erste religiöse Unterweisung im inoffiziellen Korankurs und später in der staatlichen Predigerschule erhalten.

Botschafter für die Jugend

Und wie die anderen muslimischen Denker richtet er sich primär an die Jugend einer landflüchtigen Bevölkerung, die in den neuen Großstädten der Türkei mit der Auflösung von Gemeinschaft und Vereinzelung, mit dem Verlust von Tradition und dem Verfall moralischer Normen sowie mit Säkularisierung und Politisierung konfrontiert ist.

Doch anders als der Großteil islamistischer Akademiker und Aktivisten verfügt Bulaç sowohl über eine solide theologische, als auch über eine universitäre semiwissenschaftliche Ausbildung: Er besuchte das "Hohe Islaminstitut" und absolvierte daneben die Fakultät für Soziologie der Universität Istanbul.

Nicht weniger wichtig ist, dass die Muttersprache des 1951 geborenen Ali Bulaçs Arabisch und nicht Türkisch ist, und dass er in dem religiös und sprachlich heterogenen Milieu der südostanatolischen Stadt Mardin, nahe der Grenze zu Syrien, aufwuchs.

Letzteres trug sicher dazu bei, dass Bulaç bereits zu Beginn seiner Karriere mit der ausschließlichen Orientierung auf die Türkei und später auch mit türkisch-nationalistischen Kreisen des türkischen Islamismus brach.

Abrechnung mit politischen Ideologien

Nachdem er eine Zeitlang für die Zeitschrift "Hareket" (Bewegung) Nurettin Topçus geschrieben hatte, startete er 1976 sein eigenes Periodikum "Düşünce" (Überlegung), welches in der Türkei das Tor vom nationalen zum internationalen Islamismus aufstieß.

In seinem gleichzeitig gegründeten Verlag desselben Namens erschien dann auch eine Vielzahl von Übersetzungen: von Werken des Afghanen Gulbuddin Hekmatyar bis zu denen der Iraner Ali Schariati und Ayatollah Chomeini, von den Büchern der Ägypter Hassan al-Banna und Sayyid Qutb bis zu denen des Inders Mawlana Abul Ala Mawdudi.

Nach einer Übersetzung des Korans und einem Buch zum Verhältnis von Koran und Hadith bemühte sich Bulaç – im Einklang mit al-Banna und Mawdudi – in seinem ersten explizit politischen Werk "Moderne Begriffe und Systeme" (Çağdaş Kavramlar ve Düzenler) um eine Abrechnung mit konkurrierenden politischen Ideologien wie Liberalismus, Marxismus, Sozialismus und Faschismus.

Manifest der jungen islamistischen Bewegung

Das Buch entwarf ein Bild des Islam jenseits von Konservatismus und Nationalismus und zeichnete die Religion als Mittel zur Lösung von Klassenkonflikten und als Antidot gegen den Imperialismus. Es wurde zum Manifest der jungen islamistischen Bewegung der Türkei und über 500.000 Mal verkauft.

1980 folgte "Zum Verständnis des Islam" (İslâm'ın Anlaşılması üzerine), das einerseits versuchte, den politischen Islam theologisch fester zu verankern und andererseits den modernistischen Islamismus der osmanischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts als Kapitulation vor dem Denken Europas kritisierte.

Der Staatsstreich von 1980 bedeutet das Ende für Zeitschrift und Verlag, und als sich Ali Bulaç im Jahr 1986 mit der Gründung der Tageszeitung Zaman (die Zeit) erneut an eine größere Öffentlichkeit wandte, da war die Ambiguität zwischen Islam als Ideologie und Islam als modernismuskritischer Haltung in Bulaçs Denken bereits entschieden.

Bulaç erteilte allen Versuchen, die Religion in den Begriffen und Parametern politischer Ideologien zu verstehen und sie dadurch zur alternativen Ideologie zu stilisieren ebenso eine Absage wie dem Bemühen, die Geistes- und Naturwissenschaften mit islamischen Positionen zu versöhnen.

Islam als einzige Alternative zur Moderne

Jetzt war ihm der Islam die einzige Alternative zur Moderne, ihren Parametern und Konzepten, ihren Ideologien und ihrem Staatsmodell. Im Entwurf einer idealen gesellschaftlichen Ordnung, die sich von der Verfassung von Medina (Medine Vesikası) aus der Zeit des Propheten herleitet, fand diese Perspektive ihre politische Konkretisierung.

Eine "Konföderation von Rechtsgemeinschaften" ist darin für Bulaç die Alternative zum modernen Nationalstaat, der im Namen so moderner wie künstlicher sozialer Einheiten wie "Nation" und mit Hilfe der modernen Sozialwissenschaft "moderne Religionen" schafft und mehr oder weniger für alle Staatsbürger verpflichtend macht.

Die theoretische Ausgestaltung von Bulaçs Ansatz erfolgte in den Jahren 1993 bis 1996 in den Seiten der Zeitschrift "Bilgi ve Hikmet" (Information und Weisheitswissen), die es für die Türkei erstmals vermochte, nicht-religiöse Intellektuelle in die islamistische Diskussion einzubeziehen und mit Muslimen gemeinsame Anliegen zu formulieren.

Guenter Seufert

© Qantara.de 2007

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