Portrait Muhammad Habash

Engagement für den Dialog der Religionen

Der Parlamentarier Muhammad Habash gilt als populärster Vertreter eines gemäßigten politischen Islam in Syrien. Kristin Helberg traf ihn in seinem privaten Islaminstitut in Damaskus, in dem er täglich den Dialog mit dem Westen praktiziert.

Der Parlamentarier Muhammad Habash gilt als populärster Vertreter eines gemäßigten politischen Islam in Syrien. Kristin Helberg traf ihn in seinem privaten Islaminstitut, in dem er täglich den Dialog mit dem Westen praktiziert.

Muhammad Habash; Foto: www.parliament.gov.sy
Muhammad Habash: "Wir wollen einen säkularen Staat - ähnlich wie in der Türkei."

​​Muhammad Habash ist ein vielseitiger Mann. Er sitzt im syrischen Parlament, ist Imam einer Damaszener Moschee, leitet das Islamische Studienzentrum und ist Vorsitzender der islamischen Gelehrten in Syrien. Der kleine Mittvierziger mit dem kurz gestutzten Vollbart wandelt gerne zwischen den Welten.

In Anzug und Krawatte eilt er zur Parlamentssitzung, Stunden später steht er in bodenlanger Galabia vor den Betenden. Dazwischen empfängt er europäische Botschaftsvertreter in seinem Büro und organisiert ein Seminarprogramm für Islam-Interessierte. Was ihn antreibt, scheint eine Mischung aus tiefem Glauben, persönlichem Ehrgeiz und Wille zu politischer Macht zu sein.

Habash selbst spricht von einer Botschaft, die er verbreiten wolle. "Für mich gehören alle Menschen zu einer Familie, zur Familie Gottes", erklärt der Gelehrte. Deshalb rufe er zu Brüderlichkeit und Verständnis zwischen dem Islam und anderen Religionen auf. Das klingt weltverbesserisch, aber wer Muhammad Habash in Aktion gesehen hat, weiß, dass hinter den vermeintlich leeren Floskeln tatsächliche Überzeugungen stehen.

Im Islamischen Studienzentrum, einem kleinen Institut in einer ausgebauten Damaszener Privatwohnung, empfangen Habash und seine Mitarbeiter fast täglich westliche Besucher, um mit ihnen über den Islam zu diskutieren: amerikanische Wissenschaftler, deutsche Bundestagsabgeordnete, österreichische Reiseveranstalter, aber auch interessierte Touristen.

Koranrezitation für Bildungsreisende

Eine Gruppe aus Nordrhein-Westfalen sitzt im Konferenzraum des Zentrums und lauscht der Koranrezitation des Gastgebers. Während Habash den Teil einer Sure im arabischen Original vorträgt, können die Zuhörer auf einer Leinwand die deutsche Übersetzung mitlesen.

Dann interpretiert der Islamgelehrte den Inhalt und beantwortet Fragen. Nach dem Verhältnis zu Syriens Christen, der Stellung der Frau, dem Umgang mit "Abtrünnigen", also Leuten, die vom Islam zu einer anderen Religion übergetreten oder Atheisten geworden sind. Die Besucher kennen die heiklen Themen im Islam, sie sind Bildungsreisende Mitte 50, interessiert, kritisch, gut vorbereitet.

Habash seinerseits hat Erfahrung mit vorurteilsbelasteten Europäern, er weiß, wie er ihrer Skepsis am besten begegnet: ruhig, ehrlich und selbstkritisch. Ja, es gebe im Koran Textstellen, die Gewalt erlaubten, aber diese gälten nur im Falle der Verteidigung. Wo Muslime verfolgt und unterdrückt würden, dürften sie sich wehren, erklärt der Imam geduldig.

Eine Frage der Übersetzung und Auslegung

Die Beherrschung verliert Habash erst im Vier-Augen-Gespräch, als es darum geht, woher dieses Bild eines gewaltbereiten, missionierenden Islam stammt.

"Als ich zum ersten Mal eine englische Version des Koran durchblätterte, war ich entsetzt", erzählt Habash. Das heilige Buch der Muslime sei nicht konservativ, sondern regelrecht radikal übersetzt worden. "Wenn ich Amerikaner wäre und so etwas zu lesen bekäme, würde ich den Islam auch bekämpfen."

In seiner Wut schrieb der syrische Politiker einen Beschwerdebrief an Prinz Abdallah von Saudi-Arabien. "Die Saudis verbreiten Broschüren, in denen sie den Begriff des Dschihad erklären mit "zum Heiligen Krieg gegen Ungläubige aufrufen, um sie zum islamischen Glauben zu zwingen" – das ist einfach falsch! Wie können sie so etwas schreiben?"

Habashs Stimme überschlägt sich. Dschihad bedeute sich anstrengen, an sich arbeiten, sich und seine Familie verteidigen, das schließe jede Form von Aggression aus, betont er. Außerdem gelte für Muslime und Nicht-Muslime gleichermaßen der Grundsatz "kein Zwang im Glauben".

Die Kernfrage sei, wer den Koran wie auslege, sagt Habash. Er selbst fordert eine Interpretation aus der jeweiligen Zeit heraus, flexibel ohne beliebig zu sein. Zum Beispiel in Sachen Demokratie. "Ich bin überzeugter Demokrat", so Habash, "deshalb ordne ich den Islam der Demokratie unter, nicht umgekehrt."

Sollten einzelne Formulierungen im Koran den Grundsätzen einer modernen Demokratie auf den ersten Blick widersprechen, müssten sie uminterpretiert werden, erläutert der Abgeordnete. Nur so könne der Islam eine politische Rolle spielen.

"Wir wollen einen säkularen Staat"

Habashs Äußerungen sind wohl durchdacht. Er weiß, dass er sich als islamischer Gelehrter in Syrien zuerst zur Demokratie und dann zum Islam bekennen muss. Denn seitdem die Muslimbrüder in den 1980er Jahren versuchten, das Regime von Ex-Präsident Hafis Al Assad zu stürzen und dafür brutal bekämpft wurden, fürchten die syrischen Machthaber nichts so sehr wie einen wiedererwachenden Islamismus.

Eine begründete Angst? Habash schätzt die Gefahr des Extremismus gering ein, gerade weil Religion im syrischen Alltag eine wichtige Rolle spiele. Sowohl die muslimische als auch die christliche Kultur seien tief verwurzelt und bis heute lebendig, meint Habash, deswegen lebten Christen und Muslime so friedlich zusammen.

60 Prozent der Syrer seien Sunniten, etwa einem Prozent davon traue er radikale Positionen zu. Die übrigen setzten sich aus 80 Prozent Konservativen und 20 Prozent Reformern zusammen, erklärt der Islamgelehrte. "Die Konservativen treten für islamische Moralvorstellungen und Traditionen ein, haben aber keinerlei politische Ambitionen", so der Abgeordnete.

Die Reformer, zu denen er sich selbst zählt, propagierten eine islamische Demokratie. "Wir sind gegen einen religiösen Staat", betont Habash. "Wir wollen einen säkularen Staat, den wir als Muslime beeinflussen können – ähnlich wie in der Türkei."

Dafür wird sich der Abgeordnete in den kommenden Jahren einsetzen. Schon jetzt gilt Habash im sozialistisch und säkular geprägten Syrien als führender Vertreter eines gemäßigten Islam. Das macht seine politische Karriere zur Gratwanderung:

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kontakt@qantara.de Religiöse Parteien werden auch im Falle eines neuen Parteiengesetzes verboten bleiben, Habash muss deshalb aufpassen, nicht in der Islamistenecke zu landen. Das würde nicht nur ihm als Politiker, sondern auch der Arbeit des Islamischen Studienzentrums schaden.

Und dort sieht der Reformer seine Zukunft. "Nach fünf bis zehn Jahren in der Politik werde ich mich wieder voll auf das Verhältnis zwischen Islam und Westen konzentrieren", kündigt Habash an. Dann würden hoffentlich noch mehr Menschen das Institut so verlassen wie die Touristen aus Nordrhein-Westfalen: nicht bekehrt, aber erhellt.

Kristin Helberg

© Qantara.de

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