Portrait Atiq Rahimi

Lieber Mystik als Dschihad

Atiq Rahimi schrieb Bücher, die niemanden interessierten. Dann kam der 11. September 2001, und Rahimi war plötzlich die literarische Stimme Afghanistans. Ein Portrait

von Brigitte Neumann.

​​ Atiq Rahimi hat Afghanistan 1984 verlassen. 22 Jahre war er damals alt. Der junge Mann aus wohlhabender und gebildeter Familie - sein Vater war zur Zeit des Königs Zahir Schah Gouverneur im Pandschir-Tal, seine Mutter Lehrerin - floh vor den Russen, den Kommunisten und dem drohenden Wehrdienst, zuerst nach Pakistan, dann nach Frankreich.

In Paris schrieb er sich an der Sorbonne ein und lernte, Dokumentarfilme zu drehen. Bevor er Filme machte, schrieb Rahimi Bücher, die jahrelang niemanden interessierten. Dann kam der 11. September 2001 und Rahimi war plötzlich die literarische Stimme Afghanistans.

Seine beiden Bücher "Erde und Asche" sowie "Der Krieg und die Liebe" handeln von der Frage: Was mag für die Menschen, die den Krieg kennen gelernt haben und von ihm übriggelassen wurden, 'Weiterleben' bedeuten? Rahimi beantwortet sie für sich mit einem Satz von Nietzsche: "Wir haben die Kunst, um nicht an der Wahrheit sterben zu müssen."

Rahimi: "Schmerz ist eine Bombe!"

In seinem ersten, lange unübersetzt gebliebenen Roman "Erde und Asche" schreibt er über das Leiden durch Kriege: "Der Schmerz schmilzt entweder und rinnt aus den Augen, oder er wird zu einem Dolch und legt sich auf die Zunge, oder aber er verwandelt sich in eine Bombe. Eine Bombe, die eines Tages hochgeht und dich zerbersten lässt."

Sein Vater, sagt er, habe von der Heimat immer als "Fghanistan"
gesprochen, ohne das "A" davor. Das bedeutet dann "Land der Klagen und der Schreie". Aber für ihn sei Afghanistan eher ein "Land der unheimlichen Stille: Wenn man durch die Straßen Kabuls geht, sieht man Menschen mit engelsgleichen Gesichtern, mit entrücktem Blick und wundersamem Lächeln. Man denkt: Es kann doch nicht möglich sein, dass dieses Volk so kriegerisch ist!

"Aber wenn man in das Innere der Leute vordringt, fühlt man Verlorenheit, Verzweiflung und Gewalt. Für mein Empfinden sind 20 Jahre Krieg die Folge der anhaltenden Stille der Menschen. Wir Afghanen äußern uns nicht gern. Unsere Leiden hüten wir sorgsam und verwahren sie gut. Es täte zu weh, unsere Schwächen und unsere Ohnmacht in Worte zu fassen. Sei es aus Stolz oder aus Schamgefühl. Und diese ganzen verstockten Gefühle entladen sich immer wieder in Akten der Gewalt. Denn wenn es keine Trauer gibt, bleibt nur noch die Rache."

Kultur gibt emotionalen Halt

Die Zukunft seiner Heimat sieht der "kulturelle Flüchtling", wie er sich selbst bezeichnet, trotzdem optimistisch. "Mehr und mehr Intellektuelle kehren wieder zurück, sie kommen aus Pakistan und Iran. Im Moment gibt es 150 Publikationen in Afghanistan zu kaufen. Und bei der jungen Generation ist ein unglaublich großer Elan zu spüren, etwas aufzubauen und etwas zu schaffen. Was die Warlords angeht, natürlich drohen sie und verüben Anschläge. Aber das ist ein Zeichen ihrer schwindenden Stärke, sie haben Panik. Denn sie spüren, es geht mit ihnen zuende."

Er selbst hat kürzlich in Kabul ein Kulturzentrum eröffnet: "In dem Moment wo die Afghanen ein Dach über dem Kopf haben und was zu essen, aber keine kulturelle Identität, an der sie sich festmachen können, führt das unweigerlich in die nächste politische Krise." Auch mit der Verfilmung seines erfolgreichen Romanerstlings "Erde und Asche" will er demnächst in Kabul beginnen. Aber ganz nach Afghanistan zurückkehren möchte er nicht. "Um dort zu leben, müsste ich sein dürfen wie ich jetzt in Europa bin: frei in meinen Gedanken, frei in meinem Schreiben, akzeptiert als der, der ich bin."

Lieber Mystik als Dschihad

Für die Region wünscht sich der 41-jährige die Rückkehr eines sinnlichen, dem Sufismus nahestehenden Islam. "Vor dem 18. Jahrhundert gab es einen mystischen Islam, der nichts mit diesem 'ständig-den-Dschihad-ausrufen' zu tun hatte. In Afghanistan, in Zentralasien hat der Islam ein besonderes Fundament: Den Buddhismus und den nach dem altiranischen Religionsstifter Zarathustra benannten Zoroastrismus.

"Der Islam hat diese religiösen Strömungen nicht bekämpft, sondern sich auf sie gestützt. In der Mystik Zarathustras spricht man von Gott als einer Frau. Religion ist da eine sehr erotische Sache. In dieser Zeit war offenbar alles sehr weiblich. Zu weiblich vielleicht. Deshalb vielleicht dann anschließend die Revanche. Ja, der Mann hat Angst vor der Frau. Hatte er immer. "

Brigitte Neumann, Deutsche Welle; © 2003, Deutsche Welle

Verwandte Themen
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.