Porträt des syrischen Sängers Omar Souleyman

Der König des Elektro-Dabke

Omar Souleyman kommt nicht aus einer musikalischen Familie. Doch als er mit seinen Musikern anfing, traditionelle Instrumente aufs Keyboard zu übertragen, schuf er einen neuen Stil, den Elektro-Dabke. Stefan Franzen traf den Syrer, der heute durch ein amerikanisches Label weltweite Bekanntschaft erlangte.

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Omar Souleyman; Foto: CD-Cover Sublime Frequencies

Auch wenn der Weltmusikmarkt dabei ist, aus westlicher Sicht jeden weißen Fleck der Erde mit Farbe zu füllen, entschlüpfen dem europäischen Ohr doch immer wieder erstaunliche Klänge. Dies gilt gerade auch für die Popmusik der arabischen Szene von Djakarta bis Damaskus. Dort hat sich – ähnlich wie in Afrika – die Musik-Kassette, aus europäischer Sicht ein uraltes Relikt, als vielgeliebtes Medium behauptet.

Bis von den lokalen Stars dieser Kassettenmärkte im Okzident einmal eine Spürnase Wind bekommt, können lange Jahre vergehen. Im Falle von Omar Souleyman sind es sechzehn gewesen. Der Syrer gilt in seiner Heimat als Superstar: Seit Anfang der Neunziger hat er sage und schreibe 600 Bänder herausgebracht, die buchstäblich an jeder Straßenecke verkauft werden.

Das US-Label Sublime Frequencies, spezialisiert auf obskure Folk- und Pop-Klänge des ganzen Planeten, hat nun Schätze aus seiner Karriere zusammengetragen. Die Verlagsleute aus Seattle werben damit, dass Souleymans Musik wie ein "verbotener Morse-Code" klingt. Und so unrecht haben sie damit nicht: Da heulen einem anachronistische Keyboards um die Ohren wie Alarmsirenen von Polizeiautos aus einem uralten Action-Film oder wie eine wild gewordene Schalmei.Daneben schlängelt sich eine E-Gitarre, die eine arabische Verwandte von Dick Dales Instrument, dem Meister des Surf-Rock sein könnte und durch eine Batterie von Effektgeräten geschickt wurde.

Anarchisch-elektronische Lust der Musik

Hitzige Perkussion, halb aus dem Computer, halb von Rahmentrommeln treibt das Geschehen unheimlich rasant voran. Und dann diese Stimme, die zwischen verzückten, genäselten Mäandern und galoppierenden Ausrufen hin- und herschwankt. Plötzlich hält das Geschehen inne und ein langsamer, bauchtanzartiger Groove hebt an, darüber ein halsbrecherisches Lautensolo. Dies alles in einer Tonqualität, die kein Mischer nördlich von Istanbul durchgehen lassen würde.

Was verbirgt sich hinter dieser Musik? Und wer hinter Omar Souleyman, der sich auf den Covern unter einer Kufiya, hinter einer immensen Sonnenbrille und einem ebensolchen Schnauzer versteckt? ​​Souleyman stammt aus dem ländlichen Nordosten Syriens, in der sich die verschiedensten Traditionen der islamischen Welt kreuzen. "Ich wurde nicht in eine musikalische Familie hineingeboren, aber in meiner Heimatregion kann man der Musik kaum entfliehen", sagt er.

"Ein Freund ermutigte mich, auf lokalen Festen zu singen und wenig später, 1995, stieß ich auf den kurdisch-syrischen Keyboarder Rizan Said. Seitdem singe ich mit ihm zusammen professionell auf Hochzeiten im ganzen Nordosten von Syrien." In seinen Songs schöpft Souleyman aus verschiedensten Quellen, darunter der kurdische Rhythmus Shekhani, der irakische Choubi oder der Mawal, mit dem der Sänger in einer einleitenden Sektion seine Improvisationskunst präsentiert. Sein Markenzeichen ist jedoch vor allem der Dabke.

Einflüsse verschiedenster Kulturen

"Dabke, das ist der moderne Folkloretanz, den man an der ganzen Levante finden kann, sowohl in Syrien, als auch im Libanon, in Palästina, Jordanien, dem Irak und Teilen der Türkei", erläutert Souleyman. "Mein Sound spiegelt den Dabke der Region Jazeera wider, wo mit einer muslimischen, christlichen, kurdischen und armenischen Bevölkerung die verschiedensten Einflüsse aufeinander stoßen. Auch die Nähe zum Irak macht sich in unserer Art von Musik bemerkbar."

Ursprünglich ein Reihentanz, zu dem man sich an Händen und Schultern fasst und in einer Reihe auf den Boden stampft, wird der Dabke bei Omar Souleyman mit anarchisch-elektronischer Lust aufgeladen. "Wir haben in den Neunzigern wirklich etwas Pionierhaftes gemacht", erzählt er stolz weiter. "Als erste haben wir die traditionellen Instrumente wie die Flöte Mijwiz und die Fiedel Rebab elektrifiziert, sie aufs Keyboard übertragen. Das wird extra dafür programmiert." Bouzouki und die Langhalslaute Saz werden ebenfalls verstärkt, der Spezialist hierfür ist Ali Shaker, der den oben erwähnten Surf-Effekt erzeugt. Von Dick Dale, so beteuert Souleyman, haben er und seine Musiker jedoch noch nie etwas gehört.

Spontane Reime über die Liebe

Omar Souleyman; Foto: YouTube
Ketterauchend steht der Dichter Mahmoud Harbi neben Omar Souleyman auf der Bühne und flüstert ihm die Worte spontan ins Ohr.

In kongenialer Partnerschaft mit der Musik wirkt die Poesie auf den Hörer ein, die sich "Ataba" nennt – ebenfalls ein traditionelles Genre. Souleyman bedient sich dabei der Dichtkunst seines langjährigen Partners Mahmoud Harbi, und sie entspringen dessen Hirn oftmals erst in der laufenden Darbietung: Kettenrauchend steht er neben dem Sänger auf der Bühne, flüstert ihm die Worte spontan ins Ohr.

​​"Das sind alles improvisierte Verse, der Poet muss einen cleveren Weg finden, die Namen der Familie einzuflechten, von der wir für die Hochzeitsfeier verpflichtet worden sind", so Souleyman. "Die Themen ranken sich natürlich um Liebe, vor allem die verlorene Liebe und andere Probleme, die das Leben eben so mit sich bringt." Die Vielzahl der Tonträger Souleymans erklärt sich auch aus diesen Feierlichkeiten: Der findige Crooner schneidet einfach alle seine Auftritte bei den Feierlichkeiten mit und veröffentlicht sie dann. Mit seinem Electro-Dabke hat es der Syrer ins nationale Fernsehen geschafft.

Vor ihm war diese Ehre noch keinem Vertreter des Genres beschieden gewesen, sagt er. Doch dank des amerikanischen Labels Sublime Frequencies hat er mittlerweile nun schon ein weitaus größeres Forum: "Das hat uns in der ganzen Welt berühmt gemacht! Für uns eine riesige Überraschung und wir können uns nur darüber freuen, dass jetzt überall unserer Musik zugehört wird."

Stefan Franzen

© Qantara.de 2010

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