Einen Fall kann Saloua Mohammed bis heute nicht vergessen. Es ging um ein sehr junges Mädchen, das sie aus ihrer Arbeit an Bonner Schulen kannte. "An einem Morgen habe ich einen Anruf von ihren Freundinnen bekommen, die mir gesagt haben: Saloua, sie ist abgetaucht. Wir wissen nicht, wo sie ist. Kurz davor hatten die Freundinnen herausbekommen, dass das Mädchen über Facebook mit einem deutlich älteren Mann aus der salafistischen Szene Kontakt aufgenommen und Heiratspläne geschmiedet hatte."

In einer Nacht- und Nebelaktion sei das Mädchen dann zu dem Mann gefahren. Glücklicherweise sei es mit Hilfe der Eltern und der Polizei gelungen, sie innerhalb weniger Stunden aufzuspüren und wieder zurückzuholen. Dann habe sie lange Gespräche mit dem Mädchen geführt, erzählt Saloua Mohammed. "Dabei hat sich herausgestellt, dass sie all das nur gemacht hat, um ihre Eltern wieder zusammenzubringen. Die hatten vor, sich zu trennen. Das war eine reine Verzweiflungsaktion."

Zurück aus der Hölle des IS

Immer wieder hat die Streetworkerin auch mit Rückkehrerinnen zu tun. Junge Frauen, die für ihre extremen religiösen Überzeugungen bis nach Syrien und in den Irak gegangen sind, um dort den vermeintlichen Traum vom Leben im IS-"Kalifat" zu leben.

Die Frauen, die jetzt von dort wieder zurückkommen, sind für Mohammed in erster Linie hoch traumatisierte Menschen. "Rückkehrerinnen sprechen teilweise von einer regelrechten Hölle, die sie erlebt haben. Sie haben Gewalterfahrungen gemacht, haben teilweise ständige Ortswechsel hinter sich. Und das Gefühl, nirgendwo mehr sicher zu sein."

Salafistinnen in Deutschland; Foto: picture-alliance/dpa/B. Roessler
Gefahr durch dschihadistische Syrien-Rückkehrer: Die Bedrohung durch militante Islamisten in Deutschland hat sich binnen eines Jahres verändert. Während die Sicherheitsbehörden bis zum Sommer 2017 vor allem darauf fokussiert waren, die Rekrutierung von Kämpfern für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu unterbinden und vom IS nach Europa eingeschleuste Terror-Kommandos zu entdecken, machen ihnen inzwischen insbesondere Einzeltäter, kleine Salafisten-Zirkel und Rückkehrer aus dem IS-Gebiet zu schaffen. Frauen spielen hierbei eine immer größere Rolle: Zwölf Prozent der 3.000 Anhänger der salafistischen Szene in NRW sind weiblich, heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht, der im Sommer 2018 veröffentlicht wurde.

Für einige seien die Erfahrungen derart traumatisch, dass sie nach ihrer Rückkehr nur noch verdrängen und am liebsten gar nicht mehr darüber sprechen wollten. In manchen Fällen könne ein Schweigen allerdings auch ein Indiz dafür sein, dass die Frauen sich innerlich nicht von der IS-Ideologie losgesagt hätten, ist Mohammed überzeugt.

Das deckt sich mit der Einschätzung des Verfassungsschutzes, wonach es gerade auch unter zurückkehrenden Frauen viele gibt, die hochgradig ideologisiert, radikalisiert und auch gewaltbereit nach Deutschland zurückkommen und direkt in ihr altes salafistisches Umfeld zurückkehren.

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