Portät Ramsan Kadyrow
Idi Amin des Kaukasus?

Seit Anfang März ist Ramsan Kadyrow Präsident der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien. Marcus Bensmann porträtiert den ehemaligen Kampfsportler, der mit harter Hand gegen jegliche Opposition vorgeht.

Seit Anfang März ist Ramsan Kadyrow Präsident der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien. Marcus Bensmann porträtiert den ehemaligen Kampfsportler, der mit harter Hand gegen jegliche Opposition vorgeht und damit liebäugelt, die Scharia einzuführen.

Ramsan Kadyrow; Foto: AP
Ramsan Kadyrow ist neuer Präsident der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien - Beginn einer neuen Schreckensherrschaft?

​​Lebende Löwen und Tiger gehören zu Ramsan Kadyrows Haustieren. Eine ihm ergebene Sicherheits-truppe verbreitet unter der Bevölkerung Angst und Schrecken. Entführungen, Folter und Tötungen gehören in Tschetschenien zur Tagesordnung.

Die Archive amerikanischer und russischer Menschen-rechtsorganisationen sowie von Human Rights Watch und Memorial quellen über von Schreckensberichten über zerstörte Menschenleben. Und Ramsan Kadyrow soll höchstpersönlich Folterungen beigewohnt und angeordnet haben.

Die russische Kaukasusrepublik Tschetschenien hat seit dem 2. März 2007 einen Präsidenten, der im Klima der Gewalt eines zehnjährigen Bürgerkriegs heranwuchs.

Bilder und Plakate, die das jugendliche Gesicht mit dem rötlichen Bart zeigen, sind an jeder Straßenecke der zerschossenen Stadt Grosny zu sehen. Das lokale Fernsehen singt Lobeshymnen über den neuen energischen Führer der Tschetschenen:

Ramsan Kadyrow tanzt mit ausladenden Armbewegungen einen tschetschenischen Volkstanz bei der Wiedereröffnung des Flughafens in Grosny und lässt keinen Zweifel daran, dass man die Neueröffnung nur ihm und seiner Herrschaft zu verdanken habe.

Wie er das Geld für den Wiederaufbau zusammenbekommt, erklärte der Tschetschene bei einem Interview mit "Radio Free Europe": "Wie finden wir das Geld? Wir sprechen zu denen, die Geld haben und bitten sie, beim Wiederaufbau zu helfen". Es ist klar, dass keiner der so Angesprochenen eine Bitte Kadyrow des Jüngeren ablehnen kann.

Flirt mit der Scharia

Gleichzeitig ist der Mann fieberhaft um ein besseres Image bemüht. Er lädt den US-amerikanischen Boxer Mike Tyson in die tschetschenische Hauptstadt Grosny ein, veranstaltet gemeinsame Kampfsportturniere und stellt sich internationalen Journalisten zum Interview, wo er dann Sätze sagt: "Ein Führer muss gefürchtet werden".

Der heute 30-jährige Kampfsportler kämpfte anfänglich an der Seite seines Vaters Achmed Kadyrow gegen die russischen Föderations-truppen im ersten Tschetschenienkrieg. Nun ist er auf dem besten Wege, unter der Patronage des Kremls zu einem Idi Amin des Kaukasus zu werden.

Russland ist es unter Putin gelungen, das blutige Sterben in den südlichen Provinzen zu "tschetschenisieren" und die vom Krieg brutalisierten Banden und Klane gegeneinander auszuspielen.

Dabei scheint es auch niemanden in Moskau zu stören, dass der junge Heißsporn und neue mächtige Mann in Tschetschenien offen mit der Einführung der Scharia flirtet. Auch lässt man ihn publikumswirksam gegen das Zentrum wettern. Er allein habe das Geld für den Wiederaufbau aufgetrieben, aus Moskau käme gar nichts, und das föderale Zentrum würde das Öl der Tschetschenen stehlen, behauptet Ramsan Kadyrow stolz.

In Moskau werden immer wieder milliardenschwere Aufbau-programme für das zerstörte Land verabschiedet, die zum größten Teil jedoch in einem eng geflochtenen Korruptions-netz versickern. Durch Tschetschenien führt die wichtige Ölpipeline aus Baku nach Russland, und das Land verfügt zudem über eigene Ölfelder.

Diesen Reichtum hat sich der junge Präsident mit der eigenen Schlägertruppe zu Eigen gemacht. Und spendabel steckt er hin und wieder seinem Gegenüber ganz spontan dicke Geldbündel zu.

Solange er sich dem russischen Präsidenten Wladimir Putin unterordnet - und das tut Ramsan Kadyrow bisher -, kann er in Tschetschenien nach eigenem Gutdünken schalten und walten.

Seitenwechsel des Kadyrow-Klans

Achmed Kadyrow; Foto: AP
Achmed Kadyrow wurde zum Dank seines Seitenwechsels zum Führer der Kaukasusrepublik ernannt

​​Sein Vater Achmed Kadyrow hatte als Mufti noch den Unabhängig-keitskampf gegen die russischen Truppen zu einem Heiligen Krieg erklärt. Er gehörte nach Einschätzung der im Oktober ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja zu den brutalsten Warlords des an grausamen Figuren reichen Tschetschenienkrieges.

Der junge Kadyrow wird auch als einer der möglichen Auftraggeber für die Ermordung der Journalistin im Oktober 2006 genannt. Dies weist der Tschetschene jedoch empört zurück und erklärt, er töte keine Frauen. Die angesehene Journalistin wäre zudem besser zuhause geblieben und hätte sich um den Haushalt gekümmert.

Im zweiten Tschetschenienkrieg hatte Achmed Kadyrow jedoch zusammen mit dem Sohn die Seiten gewechselt und stützte seither die russischen Föderationstruppen. Der zweite Krieg hatte 1999 mit dem Einfall des zwielichtigen Warlords Schamil Bassajew nach Dagestan begonnen.

Der angebliche Grund für den Seitenwechsel des Kadyrow-Klans war der wachsende Einfluss so genannter wahhabitischer Strömungen auf den tschetschenischen Befreiungskrieg.

Ausbildungslager für Extremisten

In der Tat hatte der blutige Bürgerkrieg gegen die russische Armee viele Abenteurer aus arabischen Ländern angezogen, der bekannteste unter ihnen war Chatab, der mit wallendem Haar zusammen mit Schamil Bassajew kämpfte.

Mit den Legionären aus den meist arabischen Staaten kam auch Geld aus dubiosen Stiftungen, und es entstand ein regelrechtes Netzwerk an Ausbildungslagern für extremistische Kämpfer in Tschetschenien.

Der Mufti Achmed Kadyrow sah sich um seinen Einfluss beraubt und wechselte die Seiten. Zum Dank ernannte der russische Präsident Putin ihn zum Führer der Kaukasusrepublik und ließ ihn in zweifelhaften Wahlen von den Tschetscheniern zum Präsidenten wählen.

Die Herrschaft des Vaters dauerte jedoch nicht lange. Am 9. Mai 2004 explodierte bei der Abnahme einer Militärparade zur Erinnerung an den Sieg im Zweiten Weltkrieg im Stadion der tschetschenischen Hauptstadt eine Bombe unter der Ehrentribüne und tötete den Statthalter des Kremls.

Zu jung fürs Präsidentenamt

Der Sohn hatte mit der ruchlosen Miliz, den Kadyrowzji, die kurze Präsidentschaft des Vaters genutzt und den väterlichen Machtbereich mit Entführungen, Tötungen und Folter von möglichen Gegnern und Konkurrenten geräumt und trat das Erbe des Vaters an. Wegen des jugendlichen Alters blieb ihm die Präsidentschaftsehre anfänglich jedoch versagt.

Der russische Präsident Wladimir Putin und der tschetschenische Präsident Alu Alchanow in Grosnyj; Foto: AP
Der ungeliebte tschetschenische Übergangspräsident Alu Alchanow wurde von Kadyrow zum vorzeitigen Rücktritt gezwungen

​​Formal wurde dem jungen Kämpfer der ebenfalls moskauhörige tschetschenische Präsident Alu Alchanow vorgesetzt, dessen faktische Machtlosigkeit spätestens im Sommer 2006 sichtbar wurde: Mitarbeiter und Wächter Alchanows verschwanden oder starben eines gewaltsamen Todes.

Nach dem Erreichen des 30. Geburtstags zwang Kadyrow den ungeliebten Übergangspräsidenten Alchanow mit dem Segen Putins zum vorzeitigen Rücktritt und ließ sich vom tschetschenischen Marionettenparlament zum Präsidenten wählen.

Im Gegensatz zu dem öffentlichen Sterben im Irak sind die Willkürakte in Tschetschenien aus den Medien verschwunden. Und es ist in den europäischen Hauptstädten eine gewisse Erleichterung zu verspüren, dass das Tschetschenienproblem gelöst zu sein scheint. "Der Krieg ist zu Ende" heißt es, doch die Gewaltakte in Tschetschenien gehen weiter.

Und es scheint nur eine Frage der Zeit, wann sich Ramsan Kadyrow stark genug fühlt, sich erneut mit Moskau anzulegen, oder er das Schicksal seines Vaters teilt.

Marcus Bensmann

© Qantara.de 2007

Qantara.de

Islam im Nordkaukasus
Eine Nation aus Rußländern?
Der Versuch der russischen Regierung, die Völker der Rußländischen Föderation zu einer Einheit zusammenzuschweißen, wird insbesondere bei der muslimischen Bevölkerung in Tschetschenien auf Widerstand stoßen. Michael Ludwig berichtet.

Tschetschenien
Wiederkehr der Geschichte?
Vor 60 Jahren deportierte Stalin Hunderttausende Tschetschenen und Inguschen nach Sibirien und Kasachstan. Gasan Gusejnov erinnert an ein grausames Kapitel sowjetischer Geschichte und zieht Parallelen zu heute.

Verwandte Themen