In der Zwischenzeit jedoch hat er eine (euphemistisch betitelte) "Kampagne zur Korruptionsbekämpfung" eingeleitet, die bei außenstehenden Beobachtern die Warnglocken hat schellen lassen. Seit letztem November hat MBS hunderte von Mitgliedern der saudischen Elite – darunter Prinzen und Geschäftsmänner mit internationalem Profil – mit zweifelhaften Begründungen und unter Missachtung der Rechtsstaatlichkeit verhaften lassen.

Natürlich hat Saudi-Arabien keinen grundlegenden Gesetzeskodex oder gesetzlich verankerte Rechte. Und viele frustrierte Saudis begrüßen es möglicherweise, dass diejenigen, die bei der Säuberungsaktion verhaftet wurden, sich unter Zwang bereiterklärten, einen Teil ihrer offensichtlich unrechtmäßig erworbenen Vermögen an das Finanzministerium – das natürlich vom Kronprinzen kontrolliert wird – "zurückzuzahlen".

MBS – ein werdender autoritärer Despot

Doch auch wenn MBS es schafft, kurzfristig seine Macht zu stärken und sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen, ist klar geworden, dass er die Absicht hat, als autoritärer Despot zu regieren, wenn er einmal seinem Vater, König Abdulaziz al-Saud, nachfolgt. Dies wäre eine radikale Abkehr von der traditionellen Machtteilung des Königreiches zwischen den Prinzen innerhalb eines hochgradig dezentralisierten Systems.

MBS’ rücksichtsloser politischer Stil hat auch internationale Auswirkungen. Zunächst einmal verfolgt er zunehmend eine harte Linie gegenüber dem Iran und dessen regionalen Ambitionen und verschärft damit die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten.

Besuch des saudischen Kronprinzen MBS bei US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus in Washington; Foto: Reuters
Waffenkäufe à la carte: Die US-Regierung hatte im März Militärhilfen im Umfang von mehr als einer Milliarde Dollar für Saudi-Arabien genehmigt. Das US-Außenministerium gab grünes Licht für den Export von Panzerabwehr-Raketen für insgesamt 670 Millionen Dollar, einen Vertrag über Hubschrauber-Instandhaltung mit einem Volumen von 106 Millionen Dollar und für Fahrzeug-Ersatzteile im Umfang von 300 Millionen Dollar.

MBS' Ansatz – der u.a. wenig sachkundige Äußerungen umfasst, in denen das iranische Regime mit Nazideutschland verglichen wird – wird von anderen sunnitischen Ländern wie Ägypten und Jordanien sowie von US-Präsident Donald Trump und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu unterstützt. Doch es lässt für die Stabilität der Region nicht viel Gutes erwarten.

Außenpolitische Fehlschläge

Zudem war MBS’ Militärintervention im Jemen ein Fehlschlag, und seine Entscheidung, ein Embargo gegen Qatar – einen kleinen, aber wohlhabenden Golfstaat, der die saudische Hegemonie in Frage stellt – zu verhängen, ging nach hinten los. In ähnlicher Weise endete sein Versuch vom Ende letzten Jahres, den libanesischen Ministerpräsidenten Saad Hariri loszuwerden, in einem Fiasko.

Es ist schwer zu sagen, welchen Weg Saudi-Arabien einschlägt. Das Land braucht mit Sicherheit umfassende Reformen. Doch ist noch unklar, ob MBS' Ansatz der richtige ist. Wenn er Erfolg hat, wird er mit einem Ruf als Reformer aus der Situation hervorgehen. Doch er ist eindeutig nicht daran interessiert, repräsentative Institutionen zu schaffen oder die Rechtsstaatlichkeit zu stärken; daher wird sein Land dann zu einer persönlichen Diktatur geworden sein.

Alternativ könnten MBS’ autoritäre Neigungen und peinliche außenpolitische Fehlschläge im Lande Opposition provozieren, und zwar sowohl vonseiten der traditionellen Eliten, die zu dezimieren er geschworen hat, und der beträchtlichen schiitischen Minderheit in der östlichen Provinz des Königreichs, deren Angehörige sich dem Iran als Schutzherrn zuwenden könnten.

Und an der internationalen Front könnte MBS' Eskalation gegenüber dem Iran seiner Kontrolle entgleiten. Trotz seiner jüngsten Waffenkäufe aus den USA wäre Saudi-Arabien in einer militärischen Konfrontation dem Iran weiterhin unterlegen. Falls es zu einer derartigen Konfrontation kommt, muss man hoffen, dass sie nicht zu einem umfassenderen regionalen Krieg führt.

Shlomo Avineri

© Project Syndicate 2018

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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