Die Führer der "Wahdah Islamiyah" argumentieren, dass der Staat sich auf islamische Organisationen wie sie selbst berufen muss. Denn sie seien es, die einen Beitrag für die Führung leisteten, damit die Einhaltung der islamischen Gebote in Indonesien gewahrt werde.

Die "Wahdah Islamiyah" weist in Unterweisungen und Predigten auch immer wieder auf die "Gefahren" sogenannter abweichender Überzeugungen wie die der Ahmadiyya und der Schiiten hin. Nachdem ein gemeinsames Ministerialdekret die Rechte der indonesischen Ahmadiyya-Gemeinschaft stark eingeschränkt hatte, arbeitete die Organisation beispielsweise 2008 mit dem Innenministerium zusammen, um die vermeintlichen Gefahren der Ahmadiyya-Lehre in ganz Makassar zu thematisieren.

Gespaltene Öffentlichkeit

Die Kader der "Wahdah Islamiyah" schafften es auch, in der Stadt Makassar jegliches öffentliche Gedenken an Ashura offiziell verbieten zu lassen, also den schiitischen Feiertag, der an den Tod des Enkels des Propheten Muhammad erinnert. Daraus resultierten in den letzten fünf Jahren massive Schikanen gegen die schiitische Gemeinde von Makassar. Die Öffentlichkeit ist mittlerweile gespalten. Teile akzeptieren die Repressalien sogar.

Die Sozialkritik der "Wahdah Islamiyah" beschränkt sich nicht nur auf islamische Minderheiten, sondern erstreckt sich auch auf nichtmuslimische Indonesier, die zwar in der vielfältigen Bevölkerung des Landes akzeptiert sind, denen es aber untersagt werden soll, öffentliche Ämter zu bekleiden, damit sie die muslimische Gemeinschaft nicht korrumpieren.

Die Kader argumentieren, dass Muslime von der Regierung bei der Sozialfürsorge bevorzugt behandelt werden sollten. Darüber hinaus argumentieren sie, dass gewählte Mandatsträger und ihre Berater das gleiche Glaubensbekenntnis wie die sunnitische Mehrheit haben müssten.

Ein Prediger aus Makassar verkündete jüngst öffentlich, dass es nichtmuslimische Politiker und politische Helfer seien, die die gegenwärtige Generation indonesischer muslimischer Politiker korrumpiert hätten. Dies sei durch verdeckte Praktiken geschehen, indem politische Kandidaten am Morgen vor einer Wahl Geld an potenzielle Wähler verteilt hätten.

Islam und Staatsbürgerschaft

Die Aktivisten der "Wahdah Islamiyah" propagieren damit eine nach Schichten geordnete Staatsbürgerschaft, was die in der indonesischen Verfassung verankerte Anerkennung von sechs Religionen zugunsten der muslimischen Mehrheit verzerren würde. Die Rechte aller anderen anerkannten Religionen sollen zwar weiter staatlich garantiert bleiben, jedoch nur sofern sie die Hegemonie oder die Werte des sunnitischen Islam nicht infrage stellen.

Die Rechte derjenigen, die nicht unter diese Kategorien fallen, wie die Schiiten, die Ahmadiyya oder Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, seien einzuschränken. Nicht nur aufgrund ihrer religiösen "Abweichung", sondern weil sie angeblich die Einheit und Moral der indonesischen Nation als Ganzes bedrohten.

Es mutet ironisch an, dass die wachsende politische Akzeptanz eines solchen konservativen islamischen Aktivismus und die zunehmende Präsenz religiöser Diktate im öffentlichen Leben mit dem Ausbau demokratischer Institutionen und Praktiken in Indonesien einhergehen. Der Rücktritt von Suharto ebnete den Weg für Gruppen wie die "Wahdah Islamiyah", die damit ihren Einflussbereich ausweiten konnten.

Diese Gruppen bauten Beziehungen zu politischen Akteuren und Ministerien auf. Ihr Einfluss auf den öffentlichen Diskurs über das Zusammenfließen nationaler und religiöser Identitäten ist größer geworden. Diese Ansichten mögen nur von einer Minderheit der indonesischen Bevölkerung geteilt werden, aber sie haben beträchtlich an Boden gewonnen, wie die Massenproteste gegen "Ahok" zeigen. Unterm Strich geht in Indonesien damit eine allmähliche, aber tiefgreifende Umgestaltung des Begriffs der Staatsbürgerschaft einher.

Chris Chaplin

© Inside Indonesia 2017

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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