Politischer Islam und Staatsbürgerschaft in Indonesien

Ein Dorf, ein Prediger

Indonesiens salafistische Organisationen wie die "Wahdah Islamiyah" gewinnen in der Inselrepublik immer mehr an Einfluss und streben eine islamische Staatsbürgerschaft an. Was es damit auf sich hat, erklärt Chris Chaplin.

Islamische Organisationen sind seit Anfang des 20. Jahrhunderts fester Bestandteil des sozialen Gefüges Indonesiens. Islamische Organisationen wie die "Muhammadiyah" oder die "Nahdlatul Ulama" verfügen über breit aufgestellte soziale Einrichtungen, die sich der Förderung des Islam, der Bildung und der Wohlfahrt widmen. Folgerichtig spielen sie eine wichtige Rolle bei der Herausbildung einer nationalen und religiösen Identität ihrer Mitglieder. Ihr landesweiter Einfluss, ihre große Anhängerschaft und ihr politischer Einfluss machen sie seit jeher zu einer nationalen Einflussgröße.

Nach dem Rücktritt von Staatspräsident Suharto 1998 gewann ein noch breiteres Spektrum islamischer Organisationen an Bekanntheit und Bedeutung. Diese Gruppierungen sind zu lautstarken Meinungsmachern in den nationalen Debatten über religiöse Minderheitenrechte und Moralvorstellungen geworden. Oft stellen sie dabei größere und etabliertere Gegenspieler in den Schatten.

Die vergangenen religiös aufgeheizten Massenproteste gegen den ehemaligen christlichen Gouverneur von Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama, im Volksmund "Ahok" genannt, machten deutlich, dass einige neue Gruppen unter dem Banner des Islam ein eigenes Mobilisierungspotenzial entwickelt haben. Hierzu zählen die "Islamic Defenders Front" (FPI), die "Hidayatullah" und die "Hizbut Tahrir Indonesia" (HTI).

Eine weitere Gruppierung ist "Wahdah Islamiyah", eine vom Salafismus beeinflusste Gemeinschaft, die ihren Ursprung in der Provinzhauptstadt Makassar hat.  Mittlerweile betreibt die "Wahdah Islamiyah" 120 lokale Ableger und 170 Schulen in ganz Indonesien. In Vorträgen und mit intensiven Kaderprogrammen werden die Mitglieder darin unterrichtet, in allen Aspekten ihres Lebens den ersten drei Gründergenerationen der Muslime nachzueifern und auf eine strenge Auslegung des Islam in der Gesellschaft zu achten. So will die Gemeinschaft nicht nur Einfluss darauf nehmen, wie Indonesier den Islam auslegen; sie will auch Form und Inhalt der Staatsbürgerschaft in Indonesien verändern.

Der fromme Muslim als guter Bürger

Die "Wahdah Islamiyah" und vergleichbare Organisationen argumentieren, die Heranbildung frommer Menschen und guter Bürger korreliere miteinander. Die Organisation ermutigt ihre Mitglieder dazu, eine aktive Rolle in der Förderung sozialer Fürsorge und islamischer Erziehung zu übernehmen.

Teaching children at Al-Muhtadin Koranic Education Centre, Indonesia (source: tpamuhtadin.wordpress.com)
Die Bildungsmission der religiösen Eiferer: Salafistische Organisationen wie die "Wahdah Islamiyah" ermutigen ihre Mitglieder dazu, eine aktive Rolle in der Förderung sozialer Fürsorge und islamischer Erziehung zu übernehmen.

Die Kader sind davon überzeugt, durch Einhaltung regelkonformer islamischer Praktiken zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen. Sie betonen zwar, dass eine solche Aufgabe eine weltweite Dynamik impliziere (da sie sich als Teil der globalen Umma verstehen), aber faktisch konzentriert man sich vor allem auf den indonesischen Nationalstaat.

Agenten des Wandels

Die Kader werden ermutigt, sich als "Agenten des Wandels" zu verstehen. Sie verpflichten sich, Gemeinden durch nachhaltige Programme zu unterstützen, wie z. B. durch die islamische Unterrichtung von Kindern im Rahmen von "Taman Pendidikan Al-Quran" (Koranbildungsprogramme).

Hierbei handelt es sich um Islamkurse, die in örtlichen Moscheen in ganz Makassar abgehalten werden. Die Kader fungieren zudem als Pool von Freiwilligen, die sich bei Bedarf für Sozialfürsorge- und Katastrophenhilfeprogramme mobilisieren lassen. So reisten Mitglieder der "Wahdah Islamiyah" bereits von Süd-Sulawesi in die Provinzen Aceh und Yogyakarta, um nach dem Tsunami von 2004 und dem Erdbeben von 2006 Katastrophenhilfe zu leisten.

Hierzu baut die "Wahdah Islamiyah" auch Beziehungen zu lokalen und nationalen Behörden auf. So unterhält die Organisation beispielsweise eine Vereinbarung mit dem Sozialministerium zur Unterstützung der Regierung bei der Bereitstellung von Sozialleistungen in entlegenen Dörfern.

Ähnliches gilt für eine Vereinbarung mit dem Ministerium für Entwicklung und Transmigration abgelegener Dörfer. Sie sieht das Programm "Ein Dorf, ein Prediger" vor, das dazu beitragen soll, Drogenabhängigkeit und Sittenverfall unter der indonesischen Jugend zu bekämpfen.

Geschärftes öffentliches Profil

Diese Aktivitäten schärfen das öffentliche Profil von "Wahdah Islamiyah". Sie ideologisieren aber auch die Beziehungen zwischen Indonesien und seinen islamischen Organisationen. Nach Ansicht eines führenden Mitglieds der Organisation sollten Regierung und islamische Organisationen Partner sein, wobei letzteren eine wichtige Rolle in der Sozialfürsorge und Bildung zukäme.

Dies ergibt sich schon aufgrund der schieren Größe Indonesiens. Angesichts der Rolle, die die beiden anderen islamischen Organisationen, die "Nahdlatul Ulama" und die "Muhammadiyah" seit Jahrzehnten spielen, ist dieses Selbstverständnis historisch gewachsen.

Dementsprechend sieht sich die "Wahdah Islamiyah" in der Tradition anderer islamischer Partner des Staates. Fromme Muslime haben sich immer als gute Bürger verstanden, die die indonesische Nation stärken.

Emblem of the Indonesian Islamic Convention sponsored by Wahdah Islamiyah (source: wahdahmakassar.org)
Agenten des Wandels: Die salafistische „Wahdah Islamiyah“ setzt sich für eine buchstabengetreue, ausschließlich sunnitische Interpretation des Korans ein. Auf der Grundlage der Scharia strebt die Organisation Verordnungen an, die die Kleiderordnung regeln und die Vermischung von Geschlechtern oder Mischehen einschränken sollen.

Moral und Privatsphäre

Die "Wahdah Islamiyah" weist durch seine Sozialfürsorge-  und Bildungsprogramme den Weg zu einer bestimmten Auslegung islamischer Moralvorstellungen und zur Vision einer indonesischen Staatsbürgerschaft. Diese Vision deckt sich nicht mit derjenigen der "Muhammadiyah" oder der "Nahdlatul Ulama". Die "Wahdah Islamiyah" sieht ihre Kader als Botschafter, die mit ihren Aktivitäten islamische Grundsätze und deren Rolle im Alltag fördern.

Eine wichtige Dimension dieser Vision ist die fehlende Differenzierung zwischen privatem und öffentlichem Bereich.  Unbestritten betrachtet jede religiöse Gruppe jeden Aspekt des eigenen Verhaltens und Denkens mit Blick auf die möglichen transzendentalen Folgen. Doch die "Wahdah Islamiyah" stellt jede liberale Auslegung der Staatsbürgerschaft infrage, die die Privatsphäre der staatlichen Regulierung entzieht.

Sie unterstützt Bestrebungen, das Verhalten der Bürger zu regulieren, mit der Begründung, dass der Staat den moralischen Charakter der indonesischen Nation aufrechterhalten und ein günstiges Umfeld schaffen müsse, in dem Muslime ihren Glauben ungehindert ausüben können. Auf der Grundlage der Scharia strebt die Organisation Verordnungen  an, die die Kleiderordnung regeln und die Vermischung von Geschlechtern oder Mischehen einschränken sollen.

Die Kader haben hierbei klare Vorstellungen: Die indonesischen Behörden müssen die öffentliche Ordnung wahren und Probleme wie Alkoholkonsum, Diebstahl und Glücksspiel bekämpfen. Der Islam müsse in Schulen gelehrt werden. Alle Regierungsangestellten hätten die islamischen Prinzipien und Verpflichtungen zu verinnerlichen. Sogenannte abweichende islamische Sekten sowie die Gemeinschaft von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender seien zu verbieten.

Die Führer der "Wahdah Islamiyah" argumentieren, dass der Staat sich auf islamische Organisationen wie sie selbst berufen muss. Denn sie seien es, die einen Beitrag für die Führung leisteten, damit die Einhaltung der islamischen Gebote in Indonesien gewahrt werde.

Die "Wahdah Islamiyah" weist in Unterweisungen und Predigten auch immer wieder auf die "Gefahren" sogenannter abweichender Überzeugungen wie die der Ahmadiyya und der Schiiten hin. Nachdem ein gemeinsames Ministerialdekret die Rechte der indonesischen Ahmadiyya-Gemeinschaft stark eingeschränkt hatte, arbeitete die Organisation beispielsweise 2008 mit dem Innenministerium zusammen, um die vermeintlichen Gefahren der Ahmadiyya-Lehre in ganz Makassar zu thematisieren.

Gespaltene Öffentlichkeit

Die Kader der "Wahdah Islamiyah" schafften es auch, in der Stadt Makassar jegliches öffentliche Gedenken an Ashura offiziell verbieten zu lassen, also den schiitischen Feiertag, der an den Tod des Enkels des Propheten Muhammad erinnert. Daraus resultierten in den letzten fünf Jahren massive Schikanen gegen die schiitische Gemeinde von Makassar. Die Öffentlichkeit ist mittlerweile gespalten. Teile akzeptieren die Repressalien sogar.

Die Sozialkritik der "Wahdah Islamiyah" beschränkt sich nicht nur auf islamische Minderheiten, sondern erstreckt sich auch auf nichtmuslimische Indonesier, die zwar in der vielfältigen Bevölkerung des Landes akzeptiert sind, denen es aber untersagt werden soll, öffentliche Ämter zu bekleiden, damit sie die muslimische Gemeinschaft nicht korrumpieren.

Die Kader argumentieren, dass Muslime von der Regierung bei der Sozialfürsorge bevorzugt behandelt werden sollten. Darüber hinaus argumentieren sie, dass gewählte Mandatsträger und ihre Berater das gleiche Glaubensbekenntnis wie die sunnitische Mehrheit haben müssten.

Ein Prediger aus Makassar verkündete jüngst öffentlich, dass es nichtmuslimische Politiker und politische Helfer seien, die die gegenwärtige Generation indonesischer muslimischer Politiker korrumpiert hätten. Dies sei durch verdeckte Praktiken geschehen, indem politische Kandidaten am Morgen vor einer Wahl Geld an potenzielle Wähler verteilt hätten.

Islam und Staatsbürgerschaft

Die Aktivisten der "Wahdah Islamiyah" propagieren damit eine nach Schichten geordnete Staatsbürgerschaft, was die in der indonesischen Verfassung verankerte Anerkennung von sechs Religionen zugunsten der muslimischen Mehrheit verzerren würde. Die Rechte aller anderen anerkannten Religionen sollen zwar weiter staatlich garantiert bleiben, jedoch nur sofern sie die Hegemonie oder die Werte des sunnitischen Islam nicht infrage stellen.

Die Rechte derjenigen, die nicht unter diese Kategorien fallen, wie die Schiiten, die Ahmadiyya oder Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, seien einzuschränken. Nicht nur aufgrund ihrer religiösen "Abweichung", sondern weil sie angeblich die Einheit und Moral der indonesischen Nation als Ganzes bedrohten.

Es mutet ironisch an, dass die wachsende politische Akzeptanz eines solchen konservativen islamischen Aktivismus und die zunehmende Präsenz religiöser Diktate im öffentlichen Leben mit dem Ausbau demokratischer Institutionen und Praktiken in Indonesien einhergehen. Der Rücktritt von Suharto ebnete den Weg für Gruppen wie die "Wahdah Islamiyah", die damit ihren Einflussbereich ausweiten konnten.

Diese Gruppen bauten Beziehungen zu politischen Akteuren und Ministerien auf. Ihr Einfluss auf den öffentlichen Diskurs über das Zusammenfließen nationaler und religiöser Identitäten ist größer geworden. Diese Ansichten mögen nur von einer Minderheit der indonesischen Bevölkerung geteilt werden, aber sie haben beträchtlich an Boden gewonnen, wie die Massenproteste gegen "Ahok" zeigen. Unterm Strich geht in Indonesien damit eine allmähliche, aber tiefgreifende Umgestaltung des Begriffs der Staatsbürgerschaft einher.

Chris Chaplin

© Inside Indonesia 2017

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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