Politische Zukunft Iraks

Angekündigter Tod eines Staates

Der Irak war immer ein künstliches Land, ein von außen geschaffenes und bedrängtes Gebilde. Die Destabilisierung begann 1990 mit Saddam Husseins Versuch, Kuwait zu annektieren. Durch eine humanitäre Aktion der USA lässt sich die Verwüstung heute nicht mehr reparieren. Der Spaltpilz wuchert im Inneren. Von Rudolph Chimelli

Der Irak leidet an den Sünden seiner Gründerväter. Seine Grenzen sind künstlich und wurden von den Siegern des Ersten Weltkriegs nach deren Interessen gezogen. Die Gier nach Öl war dabei aber stärker als die ursprünglichen Vereinbarungen über die Aufteilung des Osmanischen Reichs.

Das Sykes-Picot-Abkommen zwischen London und Paris hatte Mossul den Franzosen zugeteilt. Doch schon nach einem Friedensjahr erreichten die Briten, dass Mossul und sein Erdöl ihnen übergeben wurden. Frankreich erhielt dafür "freie Hand" in Syrien und Libanon. "Einen Preis aus einem Märchenland, größer als in unseren kühnsten Träumen", nannte Winston Churchill das Petroleum. Er meinte das iranische, doch die enge Verbindung von Öl und Macht galt grenzüberschreitend ebenso für den Irak und den Golf.

Von Anfang an waren die zentrifugalen Kräfte in dem neuen, von den Briten gezimmerten Staat stark. Den kurdischen Stämmen im Norden wurde in den Zwanzigerjahren die Loyalität durch Luftangriffe der Royal Air Force eingebombt. Intern wunderte sich Churchill, dass dabei nicht Giftgas angewendet wurde.

Es war das erste Mal, dass auf dem Boden des heutigen Irak Kampfflugzeuge gegen die Bevölkerung eingesetzt wurden. Jahrzehntelang wiederholten sich die Aufstände der Kurden gegen die Zentralregierung in Bagdad. Erst der Diktator Saddam Hussein griff gegen sie zu Giftgas.

US Army soldier parachute riggers palletise water for a humanitarian air drop, 6 August 2014 (photo: picture-alliance/dpa)
Tropfen auf dem heißen Stein: "Durch eine humanitäre Aktion der USA, durch den Abwurf von Lebensmitteln und Wasserflaschen aus der Luft, lässt sich die Verwüstung an Leib und Seele heute nicht mehr reparieren", schreibt Chimelli.

Über Jahrzehnte kämpften die Kurden gegen Bagdad

Viele im Militär bezweifeln, dass sich heute die gut gerüsteten Terrorgruppen des Islamischen Staates allein durch Luftangriffe aus dem Feld schlagen lassen. Ihr selbst ernannter Kalif Ibrahim hat die Grenzen zwischen islamischen Ländern für abgeschafft erklärt. Doch sein Regime schreckt die große Mehrheit der Gläubigen von der Idee der Einheit aller Rechtgläubigen und Ausrottung aller Ketzer ab.

Ibrahim selbst dürfte sich anderen Zielen zuwenden, falls er nicht nach Erbil und Bagdad gelangt. Diese wären verstärkt Aleppo und der weitere syrische Norden sowie Libanon mit Stoßrichtung auf das sunnitische Tripoli. Im äußersten Süden des irakischen Kurdengebiets haben sich seine Kampftrupps zudem bis auf 20 Kilometer Chanakin genähert, dem Grenzübergang an der Hauptstraße von Bagdad nach Teheran. Da der falsche Kalif Realitäten zu begreifen scheint, wird er sich Iran und der Türkei indessen kaum zuwenden.

Die Destabilisierung des Irak begann 1990 mit dem Versuch Saddams, Kuwait zu annektieren. Das führte in die Katastrophe. Immerhin ließ sich US-Präsident Bush I. noch davon überzeugen, der Irak sei nur durch Saddam oder einen Mann wie Saddam zu regieren. Anders als sein Sohn ließ er die Truppen noch nicht bis nach Bagdad marschieren.

Dauerhaft sind die Blessuren, welche der amerikanische Angriffskrieg unter Präsident Bush II. im Jahr 2003 und die acht Jahre währende Besetzung dem Land zugefügt haben. Mindestens 300.000 Iraker wurden in dieser Phase des Bürgerkriegs getötet. Die Infrastruktur wurde zerstört, die Öleinnahmen wurden vergeudet. Durch eine humanitäre Aktion der USA, durch den Abwurf von Lebensmitteln und Wasserflaschen aus der Luft, lässt sich die Verwüstung an Leib und Seele heute nicht mehr reparieren.

Iraks neuer Premier Haider al-Abadi; Foto: picture alliance/AP
Schatten der Vergangenheit: "Unsicher ist es, ob die neue Regierung unter Haider al-Abadi durch Vermeidung der Fehler des bisherigen Premiers Nuri al-Maliki den Staat Irak in seiner bisherigen Form retten kann. Die Wunden, die der schikanös regierende Schiit Maliki dem Selbstwertgefühl der Sunniten geschlagen hat, sind schwer zu heilen", so Chimelli.

Die Wunden sind schwer zu heilen

Um die Zukunft des Irak sieht es düster aus. Unsicher ist es, ob die neue Regierung durch Vermeidung der Fehler des bisherigen Premiers Nuri al-Maliki den Staat Irak in seiner bisherigen Form retten kann. Die Wunden, die der schikanös regierende Schiit Maliki dem Selbstwertgefühl der Sunniten geschlagen hat, sind schwer zu heilen.

Der konfessionelle Bürgerkrieg und der Terror haben mindestens vier Millionen Iraker aus ihrer angestammten Heimat verdrängt und in die Flucht getrieben. So waren in Bagdad einst 45 Prozent der Einwohner Sunniten, heute sind es vielleicht noch fünf Prozent. Derartige demografische Revolutionen lassen sich nicht rückgängig machen.

Der Nachbar Iran, der mit dem Irak einst acht Jahre im Krieg lag, hat Maliki bis zuletzt unterstützt. Doch auch der neue Premier in Bagdad hat das Plazet der Regierung in Teheran. Iran will vor allem kein Chaos im Zweistromland – und kein unabhängiges Kurdistan. Dieses akzeptieren, nach jahrzehntelangen Vorbehalten, bisher allein die Türken.

In der Geschichte war der Irak immer eine Landschaft. Für orientalische Geografen und Reisende gab es seit Menschengedenken den "Irak adschami", das westpersische Bergland, und den "Irak arabi", das arabische Mesopotamien. Ein Staat Irak existierte nie, bevor ihn seine westlichen Geburtshelfer ins Leben riefen. Heute bedroht kein Nachbar und keine Weltmacht die Grenzen des Irak. Der Spaltpilz wuchert im Inneren.

Rudolph Chimelli

© Süddeutsche Zeitung 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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