Vor allem jene, die aus Darfur nach Khartum gereist waren, um am Protestlager teilzunehmen, haben die Zeiten der marodierenden Janjawid-Milizen nicht vergessen. "Wenn ich die RSF-Milizen jetzt in Khartum sehe, dann denke ich zurück an die Massaker zwischen 2003 und 2005 in Dafur, vor denen ich damals geflohen bin", sagt Idris Adam, einer der Darfur-Aktivisten, die sich in einem speziellen Protestzelt der Darfuris jeden Abend versammeln. "Der RSF ist ein Instrument des alten Regimes und sollte komplett aufgelöst werden. Ihre Präsenz in der Hauptstadt ist völlig unakzeptabel", meint auch die Dafur-Aktivistin Halima Ashak.

Doch der Menschenrechtler Maali warnt die politische Führung der Demonstranten davor, den RSF automatisch zu verteufeln. Dabei hat er eine einfache Rechnung aufgestellt. "Sie sind zwar stark, haben aber kein wirkliches politisches Programm für die Zukunft des Sudan. Wir können sie nicht besiegen. Also liegt die einzige Chance darin, den Dialog mit ihnen zu führen", argumentiert er.

Söldner der Golfstaaten

Die Stärke der Nachfolger der Janjawid-Milizen entspringt auch ihrem Einsatz im Jemenkrieg. Dort werden sie von den Emiraten und Saudi-Arabien als Söldner-Bodentruppen gegen die Huthi-Rebellen eingesetzt. Das hat ihnen viel Geld und damit noch mehr Macht im Sudan verschafft. Und dies macht die RSF-Milizen im Machtkampf im Sudan möglicherweise auch zu einem willfährigen Instrument der Golfautokraten, die keinerlei Interesse an einem demokratischen Experiment im Sudan haben.

Die Golfstaaten versuchen über viele Wege Einfluss zu nehmen, doch der RSF ist wohl ihr wichtigstes Instrument. Man kennt sie aus dem Krieg im Jemen, wo sie Waffen und Geld bekamen.

Die Beziehungen der Golfstaaten zum RSF sind stärker als zur sudanesischen Armee“, beschreibt der Journalist Saleh das Verhältnis. Welche Rolle Hemeti und seine Miliz in Zukunft im Machtkonflikt im Sudan einnehmen werden, hängt von Hemetis persönlichem Ehrgeiz und dem regionalen Einfluss auf ihn ab, meint Saleh. Dass Hemetis erste Auslandsreise in seiner neuen Position als Vizechef des sudanesischen Militärrates nach Saudi Arabien ging, wo er ausgerechnet den umstrittenen Kronprinzen Muhammed Ben Salman traf, lässt bei den Demonstranten in Khartum sämtliche Alarmglocken läuten.

Doch es gibt bei der Unterstützung der RSF-Milizen möglicherweise eine europäische Komponente. Im sogenannten Khartum-Prozess, versucht die EU den Grenzschutz gegen Migranten weiter südlich in Afrika auszulagern. Dabei sind auch Gelder in den Sudan geflossen.

Das doppelte Spiel der Europäischen Union

"Die EU sagt, dass dieses Geld dazu verwendet wird, um in jenen Teilen des Landes, die die Migranten aufhalten sollen, den Lebensstandard der Einwohner zu verbessern. Ein anderer Teil ging als technische Hilfe an den Sicherheitsapparat, um die die Grenze absichern", beschreibt der Journalist Saleh das EU-Engagement.

"Der EU-Botschafter in Khartum streitet zwar ab, das Finanzmittel direkt an den RSF geflossen sind. Doch wurde Geld zur Verbesserung des Grenzschutzes gezahlt; und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ein Teil davon an den RSF gegangen ist, denn diese Milizen operieren im Grenzgebiet zu Libyen und Tschad", schlussfolgert er.

Ob und wieviel EU-Gelder indirekt an den RSF geflossen sind, dafür gibt es keine Beweise. Aber was ihre Wahrnehmung angeht,  glauben viele Sudanesen, dass hier Geld an die Milizen gezahlt wurde. "Die Milizen haben einen schlechten Ruf wegen ihrer massiven Menschenrechtsverletzungen in Darfur. Die Menschen sind daher verständlicherweise schockiert. Einerseits ruft die EU zum Respekt der Menschenrechte auf, anderseits finanziert sie diese Truppe wahrscheinlich mit, um Migranten zu stoppen", so die Ansicht des Menschenrechtler Maali.

Sollten tatsächlich EU-Gelder indirekt bei den RSF-Milizen angekommen sein, dann hätte Europa eine ziemlich explosive Mischung im Sudan mitfinanziert. Denn wenn die Demonstranten in Khartum sich mit ihrer Forderung nach einer zivilen Regierung nicht erfolgreich durchsetzen, läuft der Sudan Gefahr, von einem Militärstaat zu einem von Milizen geführten Staat zu mutieren.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2019

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