Das ist sozialer Sprengstoff. Es sind nicht nur die fehlenden Jobs. Die Menschen sehen, wie Posten nicht nach Qualifikation, sondern aufgrund von Beziehungen vergeben werden. Sie sehen, dass Teile der internationalen Hilfsgelder in dunklen Kanälen versickern und Klientelismus das Land durchzieht wie eine ansteckende Krankheit.

Keine Perspektive für Veränderung

Die Frustration entlud sich im Mai 2018 in den größten Protesten seit 2011, nachdem Premierminister Hani Mulki höhere Einkommensteuern angekündigt hatte und die Preise für Strom und Treibstoff erhöht wurden. Demonstranten trafen sich am 4. Kreis in Amman in der Nähe des Sitzes des Premierministers und in anderen Landesteilen mit für jordanische Verhältnisse relativ vielen Teilnehmenden.

Mulki musste gehen und König Abdallah ernannte im Juni 2018 den Weltbankexperten Omar Razzaz zu seinem Nachfolger. Danach ebbten die Demonstrationen wieder ab, es kam nur noch vereinzelt zu Protesten wie etwa einem Marsch der Arbeitslosen von Aqaba nach Amman.

Der Austausch der Regierung gilt für das Königshaus als ein probates Mittel, um dem Druck der Straße zu begegnen. Razzaz versprach einen "neuen sozialen Kontrakt" für alle Jordanier, passiert ist jedoch wenig. Die neuen Steuergesetze wurden in abgemildeter Form Ende 2018 verabschiedet.

Arabischer Frühling in Jordanien: Proteste in der Hauptstadt Amman am 21. Januar 2011; Foto: picture-alliance/dpa
Brodeln unter der Oberfläche: Amtlichen Angaben zufolge liegt die Arbeitslosenrate in Jordanien bei 18,5 Prozent, ein Fünftel der Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze. Vom "Arabischen Frühling" des Jahres 2011, bei dem es in mehreren Ländern der Region zu Revolten kam, war Jordanien wenig betroffen. Allerdings hatte es in dem Jahr auch in dem Königreich Proteste gegeben, als die Regierung Zuschüsse für Benzin strich.

Die Demonstrationen waren ein Einschnitt im sonst eher unpolitischen Königreich, meint die Journalistin Rana Sabbagh. "Die Menschen wollten wissen, was sie für ihre Steuern bekommen", sagt sie. "Bildungs- und Gesundheitswesen sind sehr schlecht, Straßen und Infrastruktur miserabel. Warum sollen wir Steuern zahlen, wenn wir nichts bekommen?"

Die jordanische Mittelschicht demonstrierte. Die Muslimbrüder konnten die Proteste nicht für ihre Zwecke vereinnahmen. Ein Aktivist, der dabei war, sagt heute: "Ich erinnere mich gerne an die Volksfeststimmung während der Proteste und das Gefühl der Verbundenheit unter uns Demonstranten. Aber erreicht haben wir nichts. Unsere Frustration ist geblieben."

Dauernd würde den Jordaniern erzählt, sie sollten froh sein, nicht in Syrien oder in Ägypten zu leben. "Natürlich wollen wir keine Situation wie in diesen Ländern", sagt er. "Aber wir brauchen eine Perspektive, dass sich hier etwas ändert und die haben wir nicht."

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