Pluralismus in Indien

"Noch kein hinduistisches Pakistan"

Modis hindu-nationalistische Politik werten viele als Angriff auf Indiens Pluralismus. Doch muss man diesen deshalb totsagen? Eine Reportage von Marian Brehmer aus der muslimischen Pilgerstadt Ajmer

Schon im Nachtzug der Indian Railways stellt der Reisende fest, dass er sich auf dem Weg in die muslimische Pilgerstadt Ajmer befindet. Der Schlafwagen ist ein buntes Potpourri an Menschen und Geräuschen. Tobende Kinder, beleibte Frauen in Saris, Geschäftsmänner und eine Gruppe wandernder Hindus.

Mittendrin, auf einer der blau gepolsterten Liegen, sitzen zwei ältere Herren, deren weißer Rauschebart sie unverkennbar als Muslime identifiziert. Plötzlich ziehen die beiden aus ihren Taschen weiße Gebetskappen hervor und nehmen, ohne sich vom Fleck zu rühren, eine konzentrierte Haltung an. Dann schließen sie die Augen, murmeln eine Sure vor sich hin, krümmen ihre Rücken und legen die Hände auf die Oberschenkel.

Das muslimische Ritualgebet, sitzend in einem schaukelnden Zug, irgendwo zwischen den indischen Bundesstaaten Gujarat und Rajasthan. Für einen Moment scheinen die Männer in ihrer Ausrichtung nach Mekka dem Treiben um sie herum entflohen. Niemand von den anderen Passagieren schaut auf, niemand wundert sich über die improvisierte Abendandacht.

Die zwei Pilger sind unterwegs auf einer ziyarat, um Moinuddin Chishti, Indiens populärsten Sufi-Heiligen aus dem 13. Jahrhundert, in seinem Schrein einen Besuch abzustatten. Ajmer zieht Jahr für Jahr viele Millionen Pilger aus dem gesamten Subkontinent an, darunter vor allem Muslime aus allen Ecken des Landes. Unter den Besuchern sind aber auch Hindus, Sikhs und Christen, die Chishti als großen Heiligen ihrer gemeinsamen Heimat anerkennen und verehren.

In weniger als zwei Generationen höchste muslimische Bevölkerung

Indien ist mit 195 Millionen Muslimen nach Indonesien das Land mit der weltweit höchsten muslimischen Bevölkerung. Laut einem Bericht des "Pew Research Centers" aus diesem Jahr wird Indien 2060, also in weniger als zwei Generationen, mit über 300 Millionen die meisten Muslime auf der Erde beherbergen.

Indiens Premier Narendra Modi; Foto: Getty Images/AFP
Als Indiens Präsident Narendra Modi 2014 von der BJP sein Amt als Premierminister Indiens antrat, hatten viele von Indiens Muslimen - traditionell Wähler der Kongresspartei - ein ungutes Gefühl. Da waren einerseits Modis unrühmliche Verstrickungen in die anti-muslimischen Progrome in Gujarat im Jahr 2002, andererseits seine Zugehörigkeit zu einer Partei, die sich seit Jahrzehnten eine hindu-nationalistische Politik auf die Fahnen geschrieben hat.

Während Indiens Muslime auf dem Subkontinent die mit Abstand am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe sind, scheinen sie zurzeit auch die deutlich verletzlichste von Indiens Minderheiten zu sein. Als Indiens Präsident Narendra Modi 2014 von der BJP sein Amt als Premierminister Indiens antrat, hatten viele von Indiens Muslimen - traditionell Wähler der Kongresspartei - ein ungutes Gefühl. Da waren einerseits Modis unrühmliche Verstrickungen in die anti-muslimischen Progrome in Gujarat im Jahr 2002, andererseits seine Zugehörigkeit zu einer Partei, die sich seit Jahrzehnten eine hindu-nationalistische Politik auf die Fahnen geschrieben hat.

Modi bemühte sich damals, die Sorgen der Muslime zu zerstreuen, indem er ihnen nach dem Erringen der absoluten Mehrheit bei den Wahlen versprach, ein Premierminister aller Inder sein zu wollen. Doch wie sieht es fünf Jahre später aus, nachdem Modi nun ein zweites Mal in seinem Amt bestätigt wurde?

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