Abgestelltes Fahrrad am Wegesrand am Sufi-Trail; Foto: Marian Brehmer
Pilgerweg von Istanbul nach Konya

Auf dem Sufi-Trail durch Anatolien

Der Sufi-Trail ist ein Fernwanderweg von Istanbul nach Konya und ein Abschnitt auf dem alten Pilgerweg nach Mekka. Sedat Çakır hat den Trail iniitiert und die Strecke nach historischen Angaben rekonstruiert. Marian Brehmer hat mit ihm gesprochen.

Herr Çakır, wie ist die Idee für den Sufi-Trail entstanden?

Sedat Çakır: Im Mai 2006 beschloss ich, den Jakobsweg in Spanien zu gehen, und zwar im Geiste von Rumi, dessen Vision, Menschen zusammenzubringen, mich schon länger inspiriert. Bevor ich mich auf den Weg machte, traf ich den Bischof von Haarlem, meiner Heimatstadt in den Niederlanden. Der Bischof gab mir einen Brief an den Bischof von Santiago mit, den ich dann zusammen mit einer Kopie des Koran auf Spanisch überbrachte.

Nachdem ich den Pilgerweg gelaufen war, kam mir die Idee, die alte Fußpilgerroute nach Mekka wieder aufleben zu lassen. Je größer allerdings die Idee wurde, desto schwieriger erschien sie mir. Also beschlossen wir, die Route in kleine Stücke aufzuteilen. Im Jahr 2009 wanderte ich von den Niederlanden in die Türkei. Der Rest ist Geschichte: Wir entwickelten die erste Etappe des Mekka-Wegs und nannten sie den "Sultan's Trail". Der Sultan’s Trail ist eine internationale Wanderroute von Wien bis nach Istanbul. Vor fünf Jahren eröffneten wir dann den Sufi-Trail von Istanbul nach Konya.

Worum geht es denn beim Sufi-Trail?

Çakır: Es geht beim Sufi-Trail darum, sein Herz mit anderen zu verbinden; das Gefühl zu erleben, in eine Heimat zu kommen, die einem zwar unbekannt ist, aber sich schnell vertraut anfühlt. Du spürst, dass die Menschen, die entlang des Trails leben, dich bereits erwarten. Allerdings sollte man nicht in Eile sein, sonst verpasst man viel.

Historische Karawanserei in der kleinen Stadt Sultandagı in der Provinz Afyonkarahisar; Foto: Marian Brehmer
Der Sufi-Trail wurde auf der Basis historischer Quellen neu rekonstruiert. "Wir haben die Route also nicht von Grund auf neu entwickelt, wir lassen sie lediglich wieder aufleben,“ sagt Cakir. In der osmanischen Zeit pflegten Pilger und Händler in Karawansereien zu rasten. In solchen Herbergen wechselten die Boten ihre Pferde und Reisende erneuerten ihren Proviant. Einige von ihnen, wie das historische Gasthaus hier auf dem Bild in der kleinen Stadt Sultandagı, Provinz Afyonkarahisar, stehen auch heute noch.

Ein paar Minuten mit jemandem Tee zu trinken, kann schon ausreichen, um ein paar Lebensweisheiten auszutauschen. Beim Wandern gibt man diesen spontanen Gesprächen Zeit zu reifen und kann sie in sich aufnehmen. Das ist es, was das Pilgern so einzigartig macht. Der Name "Sufi-Trail" kam uns in den Sinn, weil der Pfad in Konya endet, der Stadt Rumis.

Wie sind Sie bei der Erschließung der Sufi-Trail-Route vorgegangen?

Çakır: Bei den Recherchen für die Mekka-Route — zu welcher der Sufi-Trail gehört — haben wir uns auf diverse historische Quellen gestützt. In der osmanischen Zeit pflegten Pilger und Händler in Karawansereien zu rasten. In solchen Herbergen wechselten die Boten ihre Pferde und Reisende erneuerten ihren Proviant. Bei der Erstellung der Weg-Etappen haben wir uns an der Lage dieser historischen Gasthäuser orientiert.

Wir haben die Route also nicht von Grund auf neu entwickelt, wir lassen sie lediglich wieder aufleben. Im nächsten Schritt wollen wir eine Rad- und Wanderroute bis zur syrischen Grenze entwickeln. Wenn es die Zukunft erlaubt, werden wir sie von dort aus bis Damaskus und dann weiter nach Mekka verlängern. Im Moment ist die Durchquerung Syriens unsere größte Herausforderung.

Wie sieht diese Arbeit konkret aus?

Çakır: Man muss die Route an die heutige Zeit anpassen, damit sie für moderne Radfahrer und Wanderer praktikabel ist. Einige der alten Wege gibt es nicht mehr, weil sie durch dreispurige Autobahnen ersetzt wurden. Zum Beispiel führte der Mekka-Weg früher über den Sakarya-Fluss, doch es gibt an dieser Stelle schon längst keine Brücke mehr. Nach ersten Recherchen muss man den Weg selbst erwandern.

Wir haben fünf Reisen mit Gruppen von Freiwilligen durchgeführt, die uns bei der Wegmarkierung, Öffentlichkeitsarbeit und Instandhaltung halfen. Es dauert 10 bis 15 Jahre, bis ein Trail so weit ist, dass man ihn als fertig bezeichnen kann. Der Sufi-Trail ist noch in Arbeit, man kann ihn noch nicht als fertige Route bezeichnen.

Kann der Trail einen Beitrag zur lokalen Wirtschaft in den Dörfern am Weg leisten?

Çakır: Von Anfang an war es uns ein Anliegen, dass die Einheimischen einen Bezug zur Idee des Sufi-Trails entwickeln. Das braucht viel Zeit. Zunächst einmal müssen die Menschen sicher sein, dass man ihnen keinen Schaden zufügt. Das ist verständlich, denn Dorfbewohner, die in ihrem Leben kaum Ausländer gesehen haben, werden deren Absichten nicht sofort erkennen. Damit ländlicher Tourismus entstehen kann, braucht man mindestens 10 bis 15 Wanderer pro Tag. Einheimische können dann ihre Ressourcen anbieten oder eine Unterkunft im Bed-and-Breakfast-Stil zur Verfügung stellen.

Wir sind als Trail noch nicht so etabliert, aber wir ermutigen immer wieder Einheimische, die etwa Cafés oder Herbergen auf dem Sufi-Trail führen, gezielt Wanderer und Biker anzusprechen. Das verschafft ihnen ein zusätzliches Einkommen. Wir haben auch mit Gemeinden zusammengearbeitet und den Dorfvorstehern unser Projekt vorgestellt. Außerdem brauchen wir die Unterstützung von Reiseveranstaltern, die den Trail für ihre Reisen nutzen und bewerben möchten.  

Wie finanzieren Sie das Projekt?

Çakır: Das Projekt basiert komplett auf Freiwilligenarbeit. Manchmal kann der Mangel an finanziellen Mitteln ein Fluch sein. Auf der anderen Seite lehrt es einen, sich auf nasip zu verlassen, was im Islam bedeutet, darauf zu vertrauen, dass Gott dich mit dem versorgen wird, was du brauchst. Tatsächlich liegt darin eine der großen Lektionen des Pilgerns. Nasip ist heutzutage in der Türkei zu einer hohlen Phrase geworden, weil die meisten Menschen immer Geld in der Tasche tragen.

Aber die meisten Dinge, die man unterwegs bekommt, lassen sich nicht mit Geld kaufen, sie werden einem geschenkt. Wenn man auf dem Weg ist, weiß man diese Geschenke zu schätzen. Sie kommen einem wie ein Wunder vor. Aber spirituell betrachtet, ist diese göttliche Fürsorge immer präsent. Allerdings bemerken wir sie nicht in unserem alltäglichen Stadtleben, wo wir so sehr mit unserer Arbeit beschäftigt sind. Als Pilger auf dem Trail jedoch wird man leer und bereit, zu empfangen.

Sedat Cakir; Foto: Marian Brehmer
Sedat Cakir ist der Kopf hinter dem Sufi-Trail. Der Pilgerpfad trägt diesen Namen, weil er in Konya endet, der Stadt Rumis. "Es geht beim Sufi-Trail darum, sein Herz mit anderen zu verbinden,“ sagt Cakir, "das Gefühl zu erleben, in eine Heimat zu kommen, die einem zwar unbekannt ist, aber sich schnell vertraut anfühlt.“

Welche Elemente der türkischen Kultur erlebt ein Wanderer auf dem Sufi-Trail?

Çakır: Lassen Sie mich ein Beispiel für die Vielfalt geben, die Sie auf dem Pfad erleben können. Es gibt einen Abschnitt am Anfang, kurz hinter Istanbul, auf dem man innerhalb von wenigen Kilometern ein perfektes kulturelles Mosaik erleben kann. Dort gibt es ein Dorf namens Kurtköy, in dem alle Menschen zu den laz (Lasen) gehören, einer Ethnie aus der nordöstlichen Schwarzmeer-Region der Türkei. Die Bewohner sind während des Krieges mit Russland in den Jahren 1877/78 in dieses Dorf eingewandert.

Im nächsten Dorf, Güneyköy, leben Einwanderer aus der Region Dagestan im Nordkaukasus. Das folgende, Hamzalı, wurde von georgischen Einwanderern gegründet. Einmal war ein Anthropologe mit uns unterwegs, der feststellte, dass der Sufi-Trail ein Paradies für jeden Forscher sei. In der Türkei kämpfen die Minderheiten darum, ihre Identitäten zu bewahren. Die regionalen Sprachen sind fast verschwunden. Daher ist dieses Erbe sehr wertvoll und wir versuchen, es durch den Sufi-Trail am Leben zu erhalten.

Pflegen Sie irgendwelche Gewohnheiten oder Rituale, wenn Sie auf Pilgerreise sind?

Çakır: Um ehrlich zu sein, hatte ich selbst nie die Möglichkeit, nur ein Pilger auf dem Pfad zu sein, weil stets die Organisation im Vordergrund stand. Aber ich versuche, unterwegs Plätze aufzuräumen. Viele Gebiete in Anatolien sind stark vernachlässigt. Als Pilger gehört es zu unseren Pflichten, den den Pfad sauberer zu verlassen, als wir ihn betreten haben. Unsere Umwelt sauber zu halten, ist eine weltweite Herausforderung. Auch wenn man weiß, dass sie wieder schmutzig wird, nachdem man den Pfad verlassen hat, muss man seinen Teil dazu beitragen.  

Während der Pandemie sind viele Menschen unsicher, ob sie überhaupt reisen sollen. Welche Rolle spielt das Wandern in diesen Zeiten?

Çakır: Wir hatten einige Gruppenpilgerreisen auf dem Sufi-Trail geplant, die aufgrund der internationalen Reisebeschränkungen abgesagt wurden. In der Zwischenzeit habe ich viele neue Orte rund um meine Heimatstadt in den Niederlanden entdeckt. Ich würde sagen, machen Sie eine Runde um Ihr Haus. Erforschen Sie Ihre nähere Umgebung. Als Wanderer oder Radfahrer hält man automatisch den notwendigen Abstand ein. Nicht nur das, Sie stärken auch Ihr Immunsystem, was in diesen Zeiten sehr wichtig ist. 

Interview: Marian Brehmer

© Qantara.de 2021

Unser Autor Marian Brehmer hat über sein Fahrradreise auf dem Sufi-Trail ein Ebook geschrieben, das hier erhältlich ist: www.marianbrehmer.com/sufi-trail-ebook

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