Picasso-Ausstellung in Istanbul

Mehr als eine Pirouette am Bosporus

Unter dem Titel "Picasso Istanbul'da" präsentiert das Sakip Sabanci Museum in Istanbul eine grosse Schau zum Werk von Pablo Picasso - es ist die erste Einzelausstellung eines Vertreters der westlichen Moderne, die je in der Türkei stattgefunden hat. Von Samuel Herzog

Unter dem Titel "Picasso Istanbul'da" präsentiert das Sakip Sabanci Museum in Istanbul eine grosse Schau zum Werk von Pablo Picasso - es ist die erste Einzelausstellung eines Vertreters der westlichen Moderne, die je in der Türkei stattgefunden hat.

​​Leise flucht der Taxifahrer und stemmt sich mit beiden Händen gegen das Lenkrad. Doch der Renault will nicht in der Spur bleiben, drückt sich langsam aus der Achse der Strasse weg und setzt wenige hundert Meter über der Atatürk-Brücke zu einer elefantösen Pirouette an - wie in Zeitlupe schiebt sich das Goldene Horn an der Windschutzscheibe vorbei.

Eine veränderte Situation

Schnee am Bosporus - das kommt gelegentlich vor. Und doch versinkt die Stadt ein jedes Mal in einem totalen Verkehrschaos. Picasso in Istanbul - das hingegen gab es noch nie. Jetzt aber ist der Meister aus dem Westen in jeder Strasse präsent. "Picasso Istanbul'da" verkünden da Fahnen und Plakate, auf denen ein spätes, kubistisches Porträt von Picassos letzter Frau Jacqueline Roque Hutin abgebildet ist: "Picasso ist in Istanbul".

Und während der Schnee in diesen Tagen die ganze Stadt immer wieder ins Chaos stürzt, ist bei Picasso alles wohl organisiert und gesichert, als handle es sich nicht um Bilder, sondern um gefährdete Politiker.

Gezeigt wird die Schau in dem sonst vor allem auf ottomanische Kalligraphie spezialisierten Sakip Sabanci Müzesi, das eine gute halbe Autostunde nördlich des Zentrums am Bosporus liegt - eine ältere Villa über einem neuen Museum, dessen Etagen in den Hang hinein gebaut worden sind. Drumherum ein Park, wo sich unter riesigen Pinien griechische Gottheiten durch die Jahreszeiten lächeln.

Im Licht der Scheinwerfer scheinen die Flocken riesig, die da aus dem Himmel über dem Marmarameer auf die Stadt herab streuseln. Der Fahrer drückt seine Zigarette durch den Fensterschlitz, doch sie bleibt in dem zähen Wasser kleben, das der Schnee auf der Scheibe hinterlassen hat - wie eine Kork-Boje in einem Eismeer gleitet sie langsam dahin.

Auch die Picasso-Schau ist bis zu einem gewissen Grad eine Test-Boje in einem noch wenig erschlossenen Gewässer - zumindest ist es die erste monographische Schau eines westlichen Künstlers der Moderne, die je in der Türkei stattgefunden hat.

Zwar waren die nach französischem Geschmack eingerichteten Kunstakademien der Stadt schon im letzten Jahrhundert durchaus offen für Strömungen der Moderne - Ausstellungen aber gab es bis vor rund fünfzehn Jahren kaum, sieht man von eher zweifelhaften Unternehmungen wie der Präsentation von Dalí-Grafik ab.

In den letzten Jahren allerdings hat sich die Situation stark verändert. Eine zentrale Rolle spielte dabei bestimmt die Istanbul-Biennale, die seit 1987 regelmässig stattfindet - zu Beginn noch eher dem lokalen Schaffen verpflichtet, spätestens seit 1992 aber mehr und mehr international ausgerichtet.

Im Verlauf der neunziger Jahre sind daneben auch unabhängige Kunsträume (wie etwa das bis heute aktive "Dulcinea") und zahlreiche Galerien gegründet worden, deren Programme sich an westlichen Standards orientieren.

Vor gut einem Jahr dann öffnete mit dem idyllisch am Bosporus gelegenen Istanbul Modern das erste Museum für zeitgenössische Kunst seine Tore. Und im Juni dieses Jahres kam mit dem Pera-Museum ein Haus hinzu, das sich gleichermassen der orientalistischen Kunst wie der Moderne und dem Zeitgenössischen verpflichtet hat.

Bis zu einem gewissen Grad könnte man also sagen, dass in der Türkei die klassische europäische Moderne vom Zeitgenössischen her allmählich erschlossen wird.

Ein seriöses Unterfangen

Immer noch ganz langsam gleitet jetzt der Galata-Turm schräg vor der Windschutzscheibe vorbei. In dem dichten Schnee sehen die Häuser aus wie auf einer alten Foto. Der Fahrer hat die Handbremse gezogen und starrt etwas ratlos vor sich hin. Es ist fast völlig still in dem Wagen - nur aus dem Radio ist leises Gelächter zu hören, wahrscheinlich hat jemand einen Witz erzählt.

Mit mehr als hundertdreissig Exponaten aus allen Schaffensperioden ist die Picasso-Schau ein durchaus ernstzunehmendes Unterfangen - wobei mehr als hundert der Bilder, Zeichnungen, Keramiken und Skulpturen aus dem Besitz der Familie stammen.

Die Auswahl hat schwergewichtig Bernard Ruiz-Picasso besorgt - ein Enkel des grossen Pablo. An der Pressekonferenz wurde er darauf angesprochen, warum er für die Präsentation seiner Familiensschätze ausgerechnet Istanbul ausgewählt habe - die Türkei, so liess er wissen, sei für ihn eine Kulturnation wie jedes andere europäische Land auch.

Kultureller Aufbruch

Aus der Frühzeit des Künstlers zeigt die Schau kleine Studien wie "Science et charité" (1897), die an Picassos Nähe zur España Negra erinnern. Aus der blauen Periode gibt es zum Beispiel das bezaubernde Porträt einer Frau mit Schal ("La mujer del mechón") von 1903 zu sehen. Die rosa Periode ist mit einem stark schematisierten und doch auch sehr zarten "Tête de femme, de face" (1906) vertreten.

Die kubistische Frühzeit wird mit einer Zeichnung zu den "Demoiselles d'Avignon" (1907) sowie prachtvollen Stillleben und anderen Kompositionen illustriert. Das kleine Gemälde "Femme et enfant" von 1921 stellt einen Höhepunkt jenes Klassizismus dar, den Picasso nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt hat.

Den Surrealisten Picasso führt die Ausstellung vor allem mit Zeichnungen wie den "Nus" von 1933 oder "Femme dessinant" vom 5. Februar 1935 vor. Aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nebst plastisch stark durchgearbeiteten Werken eines späten Kubismus vor allem auch diverse Keramiken zu sehen.

Auch die letzten Jahre, in denen Picasso ja ganz enorm viele Bilder produziert hat, sind mit einigen recht überzeugenden Stücken wie etwa der nach einem etruskischen Sarkophag gestalteten "Conversation" vom 28. Oktober 1970 vertreten.

Die Ausstellung erhebt keinesfalls den Anspruch, sie wolle einen neuen oder ganz anderen Picasso zeigen - und sie will sicher auch keinen fundamentalen Beitrag zur Forschung leisten. Trotzdem gelingt es ihr da und dort, sehr schöne Bezüge herzustellen.

Doch gleichgültig, was man von der Schau im Detail auch halten mag - eine Ausstellung wie "Picasso in Istanbul" ist auf jeden Fall sicher mehr als die Pirouette einer westlichen Ikone am Bosporus. Das Unterfangen macht in jeder Beziehung deutlich, dass sich die Türkei in Sachen Kultur jedenfalls immer stärker auf westeuropäische Standards zubewegt - langsam, aber stetig.

Mit einem leisen Knirschen schieben sich die Stossdämpfer unseres Renaults in den Kotflügel eines kleinen Lasters hinein - gemächlich, zärtlich fast. In dem Schneegestöber wirkt die Szene wohl eher wie ein Kuss zwischen zwei Fahrzeugen denn wie ein Autounfall.

Der Fahrer zündet sich eine "Ikibin" an und kurbelt das Fenster ein paar Zentimeter herunter - aussteigen wird er wohl erst, wenn der Schnee etwas nachgelassen hat. Picasso ist schon in Istanbul - irgendwann werden wohl auch Winterpneus folgen.

Samuel Herzog

© Neue Zürcher Zeitung 2005

Qantara.de

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Website Picasso İstanbul'da (engl.)

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