Personenkult um ehemaligen Präsidenten in Ägypten

Nasser ist überall

Hagiographie am Nil: Der Kult um Gamal Abdel Nasser nimmt immer weiter zu, auch deshalb, weil er Ägyptens amtierendem Präsidenten nützt. Von Joseph Croitoru

Der ägyptische Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi sieht sich bekanntlich als großen Erneuerer, nicht wenigen im Land gilt er gar als Heilsbringer. Dieses Image, das auch Resultat der immer strengeren Kontrolle der Medien durch die Regierung ist, wird noch potenziert durch den in Ägypten häufig bemühten Vergleich zwischen al-Sisi und dem legendären ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser: Wie der berühmte Anführer der panarabischen Bewegung strebe auch sein heutiger Amtsnachfolger eine umfassende Modernisierung des Landes an.

Und wie seinerzeit Nasser zeige sich auch der jetzige Präsident kompromisslos, wenn es darum gehe, die islamistischen Muslimbrüder auszuschalten – was Nasser trotz schwerer Repressionen nicht gelang.

Der Konsolidierung des Personenkults um den amtierenden ägyptischen Präsidenten al-Sisi verdankt es sich wohl, dass allmählich auch sein Vorbild Gegenstand staatlicher Glorifizierung werden durfte. Schon 2016 wurde das erste ägyptische Museum zum Gedenken an Nasser in dessen ehemaliger Residenz im Osten Kairos eröffnet – von al-Sisi höchstpersönlich.

Der offizielle Name des Hauses lautet "Museum des Führers Gamal Abdel Nasser", was wieder eine Assoziation zu al-Sisi hervorruft, der von seinen Bewunderern gerne als "Führer" (Arabisch: "za'im") bezeichnet wird. Die Schau im Museum, die auch die Wohn- und Arbeitsräume des berühmten Staatsmannes mit einschließt, stützt das gängige Bild vom charismatischen Politiker und zeigt Nasser mit Vorliebe als entschlossenen Revolutionär und leidenschaftlichen Redner, der die Massen zu begeistern versteht.

Al-Sisi in den Fußstapfen Nassers

Hier darf aber auch eines jener Fotos nicht fehlen, auf denen sich der arabische Sozialist als Mekka-Pilger inszenierte – al-Sisi, der sich als dessen politischen wie geistigen Erben sieht, ist für seine Frömmigkeit bekannt. In der zentralen Ausstellungshalle werden Fotografien präsentiert, die die verschiedenen Etappen vor allem der militärischen und politischen Karriere Nassers nachzeichnen, sowie etliche persönliche Gegenstände, offizielle Geschenke, Büsten und Staatsakten.

Anhänger des früheren ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser in den Straßen Kairos im Jahr 1967; Foto: public domain
Popularität ungebrochen: Für viele Ägypter war Abdel Nasser eine charismatische Persönlichkeit, die eine panarabische Ideologie vertrat und sich gegen den Imperialismus wandte. Bis heute hält die Verehrung seiner Person und seines politischen Wirkens in großen Teilen der Bevölkerung an, weshalb die Führung in Kairo bemüht ist, am Mythos Nasser festzuhalten.

In einem weiteren, der "Geschichte des Volkes" gewidmeten Ausstellungsraum wird hauptsächlich mit Filmausschnitten an Nassers Wirken als ägyptischer Politiker und Anführer der panarabischen Revolution erinnert.

Für Nassers ehemalige Residenz begann man sich überhaupt erst unter Präsident al-Sisi zu interessieren, obgleich sie von Nassers Söhnen schon nach dem Tod ihrer Mutter 1992 an den Staat übergeben worden war. Seine Nachkommen spielen heute bei der öffentlichen Ehrung Gamal Abdel Nassers eine zentrale Rolle, pflegen sie doch zugleich auch den Kult um al-Sisi, indem sie ihn zum einzig wahren Nachfolger Nassers erklären.

Im Gegenzug werden sie ihrerseits vom Staat hofiert.

An Nassers Geburts- und Todestag (15. Januar und 28. September), die mittlerweile für die ägyptische Presse und Öffentlichkeit zu Pflichtterminen geworden sind, werden sie als Ehrengäste zu Gedenkzeremonien eingeladen, die im Nasser-Museum wie auch an seiner Grabstätte in der nach ihm benannten Moschee in Kairo begangen werden.

Nasser-Kult allerorten

Die Zahl solcher Staatsrituale wächst auch deshalb kontinuierlich, weil immer mehr Kultureinrichtungen hinzukommen, die zur Verbreitung des Kults um Nasser beitragen.

So wurden 2018 – man feierte seinen hundertsten Geburtstag – zwei weitere nach ihm benannte Häuser eröffnet: ein kleines Museum mit Bibliothek in Nassers Geburtshaus in Alexandria und ein Kulturhaus in dem nahe der mittelägyptischen Stadt Asyut gelegenen Dorf Bani Mar.

Letzteres hat mit dem ehemaligen Präsidenten freilich nur indirekt etwas zu tun: Es ist der Geburtsort seines Vaters. So liegt es nahe, wenn nun auch Nassers Enkel Gamal Khaled Abdel Nasser die Aufmerksamkeit der ägyptischen Öffentlichkeit genießt.

Er brachte anlässlich des Todestages seines Großvaters im vergangenen September einen Sammelband heraus, in dem die wichtigsten Schriften des berühmten ägyptischen Präsidenten versammelt sind, darunter seine Memoiren aus dem israelisch-arabischen Krieg von 1948 und sein Revolutionsmanifest von 1954.

Wiederentdeckung des verhinderten Literaten

Mit dem Buch, zu dem Gamal Khaled die Einleitung geschrieben hat und mit dem er seit Monaten in Ägypten und auch in anderen arabischen Ländern auf Lesereise geht, reiht sich der Enkelsohn in den Reigen der ägyptischen Publizisten und Journalisten ein, die Nasser-Hagiographie betreiben.

Dazu gehört auch seine Wiederentdeckung als verhinderter Literat. So wurde unlängst die einst von dem Oberschüler Gamal angefangene Erzählung "Auf dem Weg zur Freiheit" ausgegraben, in der Nasser die Schlacht von Raschid 1807 thematisierte, bei der die Ägypter eine britische Invasion abzuwehren vermochten.

Für ihre Fertigstellung hatte der spätere Präsident zwar keine Zeit mehr gefunden. Seine Hofpropagandisten jedoch, die nach dem Suezkrieg 1956 eifrig an der Inszenierung des Präsidenten als Sieger über Israel und dessen britische und französische Verbündete arbeiteten, griffen gern auf Nassers Fragment gebliebene Geschichte zurück.

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi; Foto: Reuters
Vom Glanz vergangener Zeiten: "Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi sieht sich bekanntlich als großen Erneuerer, nicht wenigen im Land gilt er gar als Heilsbringer. Dieses Image, das auch Resultat der immer strengeren Kontrolle der Medien durch die Regierung ist, wird noch potenziert durch den in Ägypten häufig bemühten Vergleich zwischen al-Sisi und dem legendären ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser", schreibt Joseph Croitoru.

1958 schrieb das ägyptische Kulturministerium einen Wettbewerb aus, der Schriftsteller dazu einlud, Nassers Erzählung zu vollenden. Drei regimenahe Autoren wurden für ihre eingereichten Werke ausgezeichnet. Anfang der siebziger Jahre wurde eines davon nach Nassers Tod sogar zur Pflichtlektüre an den Schulen.

Niedergang des Panarabismus und Aufstieg des Islamismus

Dass heute in den Chor der Nasser-Verehrer auch prominente Aussteiger aus der islamistischen Muslimbruderschaft einstimmen und die Muslimbrüder dafür geißeln, nach wie vor am Feindbild Nasser festzuhalten, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn gerade Nassers Großmachtphantasien waren bekanntlich mitursächlich dafür, dass Ägypten im Krieg von 1967 gegen Israel eine verheerende Niederlage erlitt, die den Niedergang des Panarabismus einläutete – und den Aufstieg des Islamismus begünstigte.

Solche Zusammenhänge werden im Zuge des heutigen Nasser-Kults ausgeblendet, was auch dazu führt, dass in Ägypten jedes Rütteln an seinem Mythos reflexartig den Muslimbrüdern zugeschrieben wird. So etwa der die Ägypter derzeit aufwühlende Beschluss der Regierung Mauretaniens, die "Nasser-Allee" in der Hauptstadt Nouakchott in "Straße der nationalen Einheit" umzubenennen.

Die noch davor bekanntgegebene Umbenennung einer Nasser-Schule im libyschen Tripolis nach einer dort agierenden islamistischen Miliz hat schon in den vergangenen Wochen zu so heftigen Protesten in den arabischen Medien geführt, dass sich der libysche Erziehungsminister schließlich gezwungen sah, die Entscheidung zurückzunehmen.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2019

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