Wenig später kam ein neuer Haftbefehl - mit dem Vorwurf, Kavala stecke hinter dem Putschversuch im Juli 2016. Angeblich habe die Pelikan-Gruppe Druck auf die Istanbuler Staatsanwaltschaft ausgeübt, um Kavala im Gefängnis zu halten, so ein verbreitetes Gerücht.

Netzwerk mit Partei und Denkfabrik

Die Pelikan-Gruppe ist nach Einschätzung des türkischen Investigativ-Journalisten Alican Uludağ ein Flügel der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, die maßgeblich vom Finanzminister, Erdoğans Schwiegersohn Berat Albayrak, geführte wird. Die Gruppe solle die Erdogan-Nachfolge vorbereiten und habe besonders großen Einfluss auf die Justiz des Landes, urteilt Uludağ.

Der Journalist Firat Erez ist ein ehemaliger Mitarbeiter der Istanbuler Denkfabrik Bosphorus Global. Sie gilt als Propagandainstrument der türkischen Regierung und Erez als Aussteiger der Pelikan-Gruppe. Er berichtet über regelmäßige Treffen mit dem türkischen Präsidenten. Die luxuriöse Zentrale der Gruppe - eine osmanische Holzvilla mit exklusiver Lage am Bosporus - und die Gehälter der Mitarbeiter seien von einem Privatkrankenhaus von Erdoğans engem Vertrauten, Leibarzt und Gesundheitsminister Fahrettin Koca finanziert worden.

Solidarität mit Osman Kavala - Plakat bei einer Pressekonferenz seiner Anwälte im Oktober 2018; Foto: AFP/Getty Images
Solidarität mit Osman Kavala: Gegen den türkischen Intellektuellen Osman Kavala liegt rund drei Wochen nach seinem Freispruch und seiner Wieder-Festnahme ein neuer Haftbefehl vor. Grund sei der Vorwurf der "politischen und militärischen Spionage" im Zusammenhang mit dem Putschversuch von 2016. Kavala streitet dies ab. Er machte den türkischen Präsidenten in einer Stellungnahme persönlich für seine erneute Verhaftung verantwortlich.

Laut Erez ist die Pelikan-Gruppe Erdoğans Troll-Armee. Er gibt Einblicke in die perfide Medienstrategie von Pelikan: Die Gruppe versuche, politische Gegner in den sozialen Netzwerken zu verleumden und Desinformation zu streuen. "Trolle überziehen sie mit ungerechtfertigten Anschuldigungen und Drohungen." Das sei eine komplexe Strategie, die gegen mächtige Feinde angewendet werde, sagte Erez der türkischen Zeitung "Ahval".

Pelikan gegen Erdoğan-Konkurrenten

Bekanntestes Opfer einer solchen Verleumdungskampagne soll der ehemalige Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu sein. Im Jahr 2016 veröffentlichte die Gruppe auf einem öffentlichen Blog ein Dossier, bekannt geworden als "Akte Pelikan", das 27 Punkte auflistet, die Davutoğlus angeblichen Verrat gegenüber dem "Oberhaupt" Erdoğan beweisen sollen. Das Dossier hetzte große Teile der türkischen Bevölkerung so sehr gegen den Ministerpräsidenten auf, dass er zurücktreten musste.

Die Pelikan-Gruppe soll auch versucht haben, die Kommunalwahlen in Istanbul am 31. März 2019 zu manipulieren, um einen Wahlsieg des Oppositionspolitikers Ekrem Imamoğlu von der Sozialdemokratischen Partei (CHP) zu verhindern. In den sozialen Netzwerken hätte sie die Behauptung verbreitet, dass der CHP-Kandidat Stimmen gestohlen und einen "Putsch an der Wahlurne" angezettelt habe. 

Wie weit reicht also der Einfluss der Pelikan-Gruppe? Ist sie Erdoğans Troll-Armee oder Erdoğans Schatten-Justiz oder beides? Viele Gerüchte ranken sich um die Gruppe. Wirklich klar ist eines: Die zahlreichen Spekulationen sind ein Zeichen für das tiefe Misstrauen weiter Teile der Bevölkerung gegenüber dem türkischen Staat und seinen Entscheidungsträgern.

Hülya Schenk & Daniel Derya Bellut

© Deutsche Welle 2020

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