In seinem Buch "Nonviolent Soldier of Islam" beschreibt der indische Philosoph Eknath Easwaran Khan und seine unbequeme Botschaft an die Paschtunen so: "Niemand spürte diese Widersprüche [in der paschtunischen Gesellschaft] stärker als Badshah Khan und niemand war sich so sehr des Preises bewusst, den die Paschtunen für ihre Gewaltverliebtheit zahlen mussten. Er vertrat die Ansicht, dass sie allein aufgrund ihrer selbstzerstörerischen Tendenzen ihrer Freiheit beraubt wurden".

Angesichts der gewaltigen Herausforderung für Khan, ist seine Lebensleistung beeindruckend und bis heute wohl beispiellos: Im Jahr 1929 gründete Khan die Bewegung der "Khudayi Khidmatgar" (Diener Gottes), der sich über einhundert Tausend Paschtunen anschlossen. Mit den "Waffen" des Propheten - Geduld und Rechtschaffenheit - ausgerüstet schwor Khan die Anhänger der "Khudayi Khidmatgar" auf vollkommenen Gewaltverzicht bei ihrem Kampf gegen die Briten ein. Die paschtunische Bewegung wuchs so zur ersten professionellen gewaltlosen Armee der Welt heran. Jeder Anwärter der "Khudayi Khidmatgar" musste vor Beitritt einen Eid ablegen, in dem er sich dazu verschrieb, der Menschheit zu dienen, seinen Unterdrückern zu vergeben und täglich zwei Stunden soziale Arbeit zu verrichten.

Das Massaker vom Qissa Khwani Bazaar in Peschawar am 23. April 1930, bei dem die Briten rund 250 unbewaffnete Männer der "Khudayi Khidmatgar" niederschießen ließen, wurde zur härtesten Bewährungsprobe für Khans Bewegung. Doch trotz der massiven Gewaltanwendung durch die Kolonialmacht blieben Khans Männer den Waffen fern. Die Briten waren ihrerseits von der Gewaltlosigkeit der Paschtunen überrascht. Das Massaker wurde zu einem wichtigen Momentum im indischen Unabhängigkeitskampf und rief im ganzen Subkontinent Bestürzung hervor. Khan Abdul Ghaffar Khan schrieb später: "Die Briten fürchteten einen gewaltlosen Paschtunen mehr als einen gewalttätigen. All die Schrecken, welche die Briten über die Paschtunen brachten, hatten nur ein Ziel: sie zur Gewaltanwendung zu provozieren".

Wegweisender Pazifismus auf dem Fundament des Islam

Khans Pazifismus, den er gänzlich auf das Wertefundament des Islam aufbaute, ist gerade heute in vielerlei Hinsicht wegweisend. Auf Grundlage von islamischen Prinzipien - wie universeller Brüderschaft sowie Hingabe und Dienst an Gott durch den Dienst an seinen Geschöpfen - leitete er nicht nur eine nachhaltige Transformation der bis dahin als gewaltvernarrt geltenden Gesellschaft ein, sondern trug entscheidend zum Erfolg des indischen Unabhängigkeitskampfes bei.

Umso tragischer erscheint Khans Leben nach der Unabhängigkeit Indiens und der Abspaltung Pakistans im Jahr 1947. Als Führer einer paschtunischen Oppositionspartei,  der "Pakistan Azad Partei", saß der "Badshah" jahrelang in pakistanischen Gefängnissen. Die Behandlung, welche er durch die Behörden des neu gegründeten pakistanischen Staates erfuhr, beschrieb Khan als schlechter als den Umgang der Briten mit ihren Gefangenen. Auch Amnesty International machte in den 1960er Jahren auf Khans damalige Gefangenschaft aufmerksam.

In der Zeit der Militärregierung verbrachte Khan sechs Jahre in der Stadt Jalalabad im afghanischen Exil. 1984 wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. Vier Jahre später starb Khan im Alter von 97 Jahren unter Hausarrest in Peschawar. Um die Beerdigung in seinem Wohnhaus in Jalalabad zu ermöglichen, vereinbarten die Kriegsparteien, die sich in Afghanistan im Konflikt mit der Sowjetunion befanden, einen kurzzeitigen Waffenstillstand. Zehntausende überquerten damals von Pakistan aus den Khyberpass, um an Khans Beerdigung teilzunehmen.

Augenscheinlich konnte Khan selbst mit seinem Tod, zumindest für ein paar Tage, Frieden herbeiführen. Doch Afghanistan sollte schon bald in einen blutigen Bürgerkrieg rutschen, an dem die Paschtunen und Pakistan eine wesentliche Mitschuld tragen. Khans Worte aus dem Jahr 1985 haben somit bis heute nichts an Aktualität verloren: "Die Welt heute bewegt sich in eine sonderbare Richtung. Sie sehen, dass die Welt auf Zerstörung und Gewalt zugeht. Die Besonderheit von Gewalt ist, dass sie Hass und Angst unter Menschen schürt. Ich glaube an Gewaltlosigkeit und ich sage, dass kein Frieden und keine Ruhe bei den Menschen der Welt einkehren wird, bevor sie nicht Gewaltlosigkeit praktizieren, denn Gewaltlosigkeit ist Liebe und diese erweckt Mut in den Menschen".

Gerade in einer Zeit, in denen der Islam in erster Linie mit Gewalt in Verbindung gebracht wird, ist es weise, sich mit Khans Idealen zu beschäftigen - als ein schillerndes Beispiel dafür, wie der Islam in den richtigen Händen zu einer Kraft der positiven Veränderung werden konnte. Der Philosoph Easwaran urteilte über Khan: "Wäre sein Beispiel besser bekannt, so würde die Welt vielleicht verstehen, dass die höchsten religiösen Werte des Islam kompatibel mit einem Verständnis für Gewaltlosigkeit sind, welche die Kraft besitzt, selbst aussichtslose Konflikte zu lösen".

Hillary Clinton jedenfalls hatte mit ihrem Khan-Zitat im Ramadan 2009 eine hervorragende Wahl getroffen.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2018

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.