Eine Installation auf dem Parlament hat den Mord sinnfällig gemacht: Babysocken und Babyschuhe, in den betroffenen Ländern angefertigt und an Schnüren aufgehängt, bilden ein deprimierendes Labyrinth, durch das der Besucher hindurch schreiten muss. Ein Paar Schuhe steht dabei für zehntausend verlorene Mädchen.

Die Sorge um die Umwelt ist religiös

Das größte Thema aber war der Klimawandel. Man muss nicht religiös sein, um ihn auf die politische Agenda zu setzen. Dass aber die Sorge um Klima und Umwelt auch ein Anliegen der Religionen ist, sollte sich verstehen. An vorderster Front: Die Indigenen, etwa die Yanonami-Indianer in Brasilien. Oder Angaangaq Angakkorsuaq, Ältester und Schamane aus Grönland, dem das Eis vor der Nase weg schmilzt. Man ahnt, dass der säkularisierte Verstand, der die Natur lediglich als Objekt sieht, hier von den indigenen Religionen zu lernen hätte.

Aber auch die "Hochreligionen" machen die Umwelt inzwischen zu ihrem Anliegen. Pomnyun Sunim, Zen-Buddhist aus Südkorea, hat die Umweltbewegung "EcoBuddha" gegründet. Papst Franziskus, in Gestalt seines Umweltbeauftragten anwesend, hat mit Enzyklika "Laudato Si" im Jahr 2015 nachgezogen. Ingrid Mattson kann aus dem Koran zitieren. Gott hat den Menschen zum Statthalter über die Erde eingesetzt. Folglich muss er sie schützen.

Mit der Klimathematik haben progressive, alternative Bewegungen (das Parlament der Religionen zählt sich dazu) ihren archimedischen Punkt gefunden. Beim Klima ansetzend, so die Hoffnung, gelingt es endlich, die globale Herrschaft des Kapitalismus aufzubrechen.

Religiös und nicht-religiös orientierte Menschen teilen damit ein großes, gemeinsames Anliegen. Vor diesem Hintergrund könnte sich sogar der Ruf nach bedingungsloser Trennung von Religion und Politik als reaktionär entpuppen: nämlich als Versuch, die Religionen davon abzuhalten, sich für die Umwelt und gegen einen enthemmten Liberalismus einzusetzen.

Es fehlte nur der Streit

Dass die Vereinbarkeit von Geschlechtergerechtigkeit und Religion ähnlich reibungslos funktioniert wie die von Religion und Kampf für die Umwelt, ist schwerer vorstellbar. In Toronto funktionierte es, freilich um den Preis, dass konservative und fundamentalistische Strömungen nicht vertreten waren. Iranische Geistliche suchte man ebenso vergeblich wie saudische Salafisten, christliche Fundamentalisten und ultraorthodoxe Juden.

Dieses "Parlament" hat keinen offiziellen, institutionellen Charakter. Es ist eine Versammlung von Menschen mit ähnlichen Anliegen. Wer mit seinem Glauben hingegen einen exklusiven Wahrheitsanspruch vertritt, musste sich in Toronto verloren fühlen. Dass die Religionen endlich aufhören, sich als Konkurrenz zu verstehen, ist ein riesiger Fortschritt. Trotzdem hätte ein bisschen Streit der Konferenz nicht geschadet.

"Interfaith" lautet der immer wieder beschworene Name für die Suche nach Gemeinsamkeiten. In Toronto, das sich mit dem Titel der multikulturellsten Stadt der Welt, war es unmöglich, zu bestimmen, wer unter den Teilnehmern "wir" und wer die "anderen" sind. Weiße Kanadier entpuppten sich als Bahais, die Buddhisten kamen aus Australien, der Chinese plädierte für einen spirituellen Humanismus. Eine Palästinenserin sang englisch zu arabischen Rhythmen, während amerikanische Musiker persische Verse von Rumi intonierten und die portugiesische Tänzerin Carolina Fonseca das Ritual der wirbelnden Mevlevi-Derwische auf feminine Weise neu in Szene setzte.

Wenn es diesen gut gelaunten und progressiv eingestellten Religionsvertretern gelingt, ihre Begeisterung und ihr politisches Engagement auf die Straße zu tragen, könnte Religion auch im säkularisierten Westen bald eine ganz neue Rolle spielen.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2018

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