Bemerkenswert allerdings: Niemand zeigte mit dem Finger auf den anderen, sondern Kritik war immer auch Selbstkritik. Für den Islam übernahmen diese Aufgabe bezeichnenderweise zwei bemerkenswerte Frauen: Sakena Yacoobi aus Afghanistan, seit 1995 in der Frauenbildung in aktiv, und Ingrid Mattson, die langjährigen Präsidentin der "Islamic Society of North America".

Kampf gegen Mädchenheirat

Yacoobi schildert, welche Hebel sie in Bewegung setzen musste, um ein Mädchen zur Familie zurückzuholen, das an einen viel älteren Großgrundbesitzer verheiratet wurde. Dieser verschanzte sich hinter der Religion: Mohammed habe dies erlaubt.

Yacoobi jedoch gelang es durch ihren Einsatz, dass die Leute anfingen, über den Fall zu reden und sich zu fragen, ob die alte religiöse Erlaubnis wirklich noch gelten könne. Der Großgrundbesitzer sah seinen Ruf gefährdet und gab nach. Andere Redner wiesen darauf hin, dass Bildung das beste Mittel gegen Kinderheiraten ist – ganz gleich ob im indischen oder im islamischen Kontext.

Die Flüchtlingskrisen waren ebenfalls ein großes Thema. Das wirkte glaubwürdig, weil viele der Redner selbst aus ihrer ersten Heimat nach Kanada geflohen waren, oft aus der islamischen Welt: Aus dem Iran etwa die Bahais vor den Verfolgungen nach der iranischen Revolution, aus dem Irak die Jesiden vor dem IS, der keineswegs an allen Fronten besiegt ist. Bitter beklagte sich das religiöse Oberhaupt der Drusen in Israel, Scheich Mowafak Tarif, über das Schweigen der Weltöffentlichkeit angesichts der Ermordung und Entführung mehrerer Drusen im Süden Syriens durch den IS erst Ende Oktober.

Installation auf dem Parlament der Weltreligionen; Foto: Stefan Weidner
"Kein Genozid, sondern ein "Genderzid": Eine Installation auf dem Parlament hat den Mord sinnfällig gemacht: Babysocken und Babyschuhe, in den betroffenen Ländern angefertigt und an Schnüren aufgehängt, bilden ein deprimierendes Labyrinth, durch das der Besucher hindurch schreiten muss. Ein Paar Schuhe steht dabei für zehntausend verlorene Mädchen.

Der größte Mord ist allerdings kein Genozid, sondern ein "Genderzid": Die Ermordung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts. Die Opfer sind praktisch ausschließlich Mädchen oder Frauen. In jedem Jahr gibt es über drei Millionen Frauen weniger als es biologisch die Norm wäre. Sie werden abgetrieben, sterben bei einer Geburt oder weil sie aus anderen Gründen schwer benachteiligt sind.

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