Pamphlet gegen den Islam

Kassandra zündelt wieder

Nach dem 11. September 2001 war die ehemalige italienische Starjournalistin bereits über den Islam hergezogen; das Madrider Attentat ist ein neuer Auslöser für die gleichen wüsten Parolen. Das jüngste Buch verkauft sich, löst aber keine Debatte aus.

Oriana Fallaci, Foto: AP
Oriana Fallaci

​​Im September 2001 verfertigte die italienische Autorin Oriana Fallaci innerhalb von zwei Wochen "Die Wut und der Stolz", ein Instant-Buch für die Emotionen der abendländischen Massen nach den Attentaten in Amerika, ein rabiater Aufruf zum heiligen Krieg gegen den Islam.

Jetzt reitet die ehemalige Starjournalistin mit 75 Jahren wieder einmal die Konjunktur der Angst, in erstaunlich geschäftiger Eile so kurz nach den Bomben von Madrid. Vergangene Woche erschien ihr neues Pamphlet "La forza della ragione" (Die Kraft der Vernunft), ein vulgäres Delirium über "die Söhne von Allah" in Europa, die "sich vermehren wie die Ratten".

Im Zentrum dieser unsäglichen Hetzschrift steht die These von der politischen Verschwörung, durch die Europa "wie eine Nutte an die Sultane verkauft" wurde. Interessant ist dieses Buch nur unter einem Aspekt: als politische Wetterfahne für Italien.

Keine Debatte

Propagiert wird Oriana Fallacis neuer Kreuzzug nämlich von Berlusconis Wochenzeitschrift "Panorama" und vom "Corriere della Sera", der einst unabhängig konservativ liberalen Tageszeitung, die in der letzten Zeit eine deutliche politische Wende durchgemacht hat. Auf ganzen zweieinhalb Seiten des grossformatigen Blattes wurde Fallacis Machwerk vorabgedruckt. Täglich wird seitdem im "Corriere" in einem halbseitigen Inserat des hauseigenen Rizzoli-Verlages dafür geworben. Der Aufwand lohnt sich offenbar finanziell - in wenigen Tagen waren laut Verlag drei Auflagen von je 50.000 verkauft.

Doch während Fallacis Schmähschrift zum 11. September 2001 wochenlange Debatten ausgelöst hatte (nebst einem gerichtlichen Nachspiel in Frankreich und in der Schweiz wegen rassistischer Äusserungen), ist es nun erstaunlich still in den Meinungsspalten. Keine seriöse Zeitung hat das Buch besprochen, nur in einer Talkshow ereiferten sich hitzige Katholiken und Muslime gegeneinander. Noch ist nicht der kleinste Skandal in Aussicht, nicht einmal eine Klage bei einem Provinzgericht.

Oriana Fallaci stellt sich selbst als Kassandra dar, die einsam und hellseherisch "gegen den Wind" anrede, während "Troja brennt", während Europa bereits zur arabischen Provinz "Eurabien" verkommen sei und die "islamische Arroganz" sich weltweit breit mache.

In Wirklichkeit zündelt die Journalistin jedoch mit dem Rückenwind der europäischen Stimmung. Und mit populistischem Pathos gibt sie Binsenweisheiten als ihre grosse Erkenntnis aus: dass der islamische Fundamentalismus Europa verunsichert, dass die Frauen im Islam benachteiligt sind, dass in vielen islamischen Ländern eine haarsträubende Rechtsprechung herrscht, dass der Westen in seiner politischen Korrektheit zu blauäugig ist.

In dieselbe Richtung, mit mehr Differenziertheit, doch ohne rechte Lösung, schreiben mittlerweile auch namhafte und zu Recht besorgte Intellektuelle. Bei Fallaci ist allerdings die Lösung handgreiflich und die Botschaft nur notdürftig verschlüsselt: Kanonen der Militärmarine gegen die Schlauchboote der illegalen Immigranten. Raus mit den zwanzig Millionen Muslimen aus unserem Europa. - Ein gruseliger Aufruf zwischen den Zeilen, sechzig Jahre nach dem letzten grossen europäischen Völkermord.

Hiebe für (fast) alle

Es ist nicht einfach, Fallacis primitive Thesen in ihrer Widersprüchlichkeit zusammenzufassen. Schuld am Ausverkauf Europas an den Islam sei einerseits die "dreifache Allianz" der Verschwörer: katholische Kirche, politische Linke und Rechte. (Andererseits gebe es aber in Italien seit achtzig Jahren keine politische Rechte mehr, denn Mussolini sei ein verkappter Kommunist gewesen.)

Schuld seien auch rundweg die "gefickten Intellektuellen", ebenso wie die "islamfreundlichen Schweinereien der Uno" und die Komplizenschaft der Schweiz mit bin Ladin (was nicht näher erklärt wird). Für fast alle hagelt es Hiebe von der rasenden Autorin. Für den Papst und für Tony Blair, die feigen Franzosen und die opportunistischen Deutschen; für die linke italienische Opposition und für die zu laxe Ausländerpolitik der rechten Alleanza Nazionale; für den Bischof von Caserta, diesen pazifistischen "No-Global-Gassenjungen", der gegen die politische Instrumentalisierung des Krieges im Irak gepredigt hatte.

Vor allem aber Hiebe für Romano Prodi, den Präsidenten der Europäischen Union, der bekanntlich als Konkurrent von Berlusconi in die italienische Politik zurückkehren will. Weil Prodi das Wahlrecht für Ausländer in Europa fordert, wird Fallaci gegen ihn besonders ausfällig, mit verbalen Entgleisungen, die man dem einst anspruchsvollen Verlag Rizzoli und dem distinguierten "Corriere della Sera" nicht zugetraut hätte.

Die Rettung des gesamten Abendlandes ist offenbar nur eines der Ziele dieses Buches, das in den nächsten Monaten die Massen beglücken wird (anvisierte Gesamtauflage: eine Million). Es ist auch das Signal für die Vorverlegung des italienischen Wahlkampfs. Denn bei genauer Betrachtung gibt es neben Fallacis Schmähungen der zahllosen Schurken unter den italienischen Politikern nur zwei Ausnahmen, zwei einsame Fraktionen von Guten und Wahren, die Lega Nord und Forza Italia.

Und nur von diesen zwei Seiten kommt nun erwartungsgemäss das Lob für die aggressive Autorin. Etwa von der Lega-Zeitung "La Padania", wo neben dem üblichen Ausländer-raus-Gegröle "Die Kraft der Vernunft" der verbalen Kriegerin besungen wird.

Oder von der Tageszeitung "Libero", Berlusconis Kampfblatt fürs Grobe, wo der Knüppel nicht nur gegen Romano Prodi geschwungen wird, auch gegen den eigenen, rechten Koalitionspartner Gianfranco Fini, der aus taktischen oder vernünftigen Gründen ebenfalls ein Wahlrecht für Ausländer vorgeschlagen hatte. So ist Oriana Fallacis vehemente Schrift auch ein erster wirrer Wegweiser durch den kalten Bürgerkrieg der Ideen, der Italien in der nächsten Zeit bevorsteht.

Franz Haas

© Neue Zürcher Zeitung, 16. April 2004

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