Römisches Theater:  Diese aktuelle Aufnahme zeigt, dass das um 200 n. Chr. erbaute Amphitheater in gutem Zustand ist. Zu sehen sind die Palastfront und die Zuschauerränge. Einst wurden hier Stücke in aramäischer Sprache aufgeführt. Der IS missbrauchte das Theater als Hinrichtungsstätte von 25 Syrern im Mai vergangenen Jahres.
Palmyra nach dem IS

Geisel in Assads Spiel mit dem Westen

Für Palmyra sei Baschar al-Assad nicht besser als der IS. Das berühmte UNESCO-Weltkulturerbe komplett wieder aufzubauen, würde es in ein Disneyland verwandeln, meint die französische Historikerin Annie Sartre-Fauriat im Gespräch mit Sabine Oelze.

Frau Sartre-Fauriat, was wissen Sie über den Zustand Palmyras nach der "Wiedereroberung" durch Baschar al-Assad?

Annie Sartre-Fauriat: Ich habe in den letzten Tagen viele Fotos von mir bekannten syrischen Archäologen erhalten. Auf diesen Aufnahmen sieht man das Militär von Baschar al-Assad, wie es gerade dabei ist, die Ruinen zu vermessen. Heute habe ich auch erstmals Aufnahmen vom Inneren des ehemaligen Baal-Tempels sehen können. Das war vorher nicht möglich, weil man befürchtete, dass der Ort vermint sei.

Sind Sie erleichtert, dass Palmyra von der Terrormiliz, die sich "Islamischer Staat" (IS) nennt, befreit ist?

Sartre-Fauriat: Ja und nein! Ich bin erleichtert, dass die Dschihadisten vertrieben wurden. Natürlich. Sie haben schreckliche Verwüstungen an dem Weltkulturerbe angerichtet. Aber ich bin auch nicht erleichtert. Die Erinnerungen an das, was Baschar al-Assad in den Ruinen von Palmyra angerichtet hat, sind noch zu lebendig. Als seine Armee während der Revolution zwischen 2012 bis 2015 die Zitadelle von Palmyra besetzt hielt, hat er dort großen Schaden angerichtet. Er hat Granaten und Raketen auf Palmyra abgefeuert und so zahlreiche Säulen und Mauerwerke zerstört. Außerdem haben seine Truppen Gräber geplündert, die Objekte geraubt und illegal verkauft. Solange Baschar al-Assad in Palmyra ist, fürchte ich, dass er den Ort noch weiter zerstören könnte und seine Leute wieder plündern.

Aber es macht doch den Eindruck, wenn man etwa dem Chef der Antikenbehörde, Maamun Abdulkarim zuhört, dass sich Baschar al-Assad nun um Palmyra kümmern wolle, die Weltkulturerbestätte sogar mit Hilfe der UNESCO wieder aufbauen will.

Historisches Bild des Baal-Tempels in Palmyra; Foto: picture-aliance/dpa
Dem Erdboden gleich gemacht: So sah der Baal-Tempel in Palmyra aus, bevor die IS-Dschihadisten ihn zerstörten.

Sartre-Fauriat: Ich weiß, die Presse hat die Nachricht von der Wiedereroberung Palmyras positiv kommentiert. Doch nur weil sich Palmyra nun wieder in den Händen des Diktators Assad befindet, ist der Krieg noch lange nicht zu Ende. Deshalb bin ich in Bezug auf Palmyra nicht allzu optimistisch. Erstmal muss Frieden einkehren, der Ort muss gesichert werden, bevor man überhaupt darüber nachdenken kann, den Ort wieder aufzubauen oder die Monumente zu restaurieren. Ich bin für eine Restaurierung dessen, was möglich ist. Zu den Bauwerken, bei denen das möglich ist, zählt der große Triumphbogen, denn so wie ich dies auf den Fotos erkennen konnte, ist er nicht in die Luft gesprengt, sondern nur zerschlagen worden. Zweifel habe ich, was die Rekonstruktion des großen Baal-Tempels angeht, von dem sind nur noch Steinchen übrig.

Ich möchte nicht, dass Palmyra komplett neu gebaut wird, da bin ich ganz ehrlich. Schauen Sie sich zum Beispiel an, wie vor gar nicht so langer Zeit das Theater in Palmyra restauriert wurde. Überall sieht man, dass neue Steine verwendet wurden. Es fehlt die Patina, es fehlt die Geschichte. Wenn man das jetzt mit dem Baal-Tempel genauso macht, dann gleicht Palmyra einem Disneyland. Das möchte ich auf jeden Fall verhindern.

Zehn Monate lang dachte die ganze Welt, dass Palmyra dem Erdboden gleich gemacht worden sei. Nun sieht es so aus, als seien etwa 20 Prozent zerstört. War es gezielte Propaganda des IS, uns glauben zu lassen, dass alle Statuen und Ruinen für immer verloren sind?

Sartre-Fauriat: 20 Prozent, das hört sich zwar wenig an. Aber die Terroristen haben die wichtigsten Monumente des Weltkulturerbes zerstört: den Baal-Tempel und den Balschamin-Tempel, die beiden größten und schönsten Bauwerke Palmyras. Außerdem haben sie sieben der schönsten Grabtürme und den Triumphbogen zerstört. Und viele Flächen, auf denen noch gegraben wurde. Die Plünderungen – ob durch Assads Truppen oder durch den IS – haben auch Areale betroffen, die Archäologen und Historiker noch weiter erforschen wollten. Das sind Verluste historischen Ausmaßes. Wenn jetzt von 20 Prozent die Rede ist, dann muss man das relativieren: Die bedeutendsten 20 Prozent des Weltkulturerbes sind ausradiert worden.

Der Baal-Tempel in Palmyra: vor (links) und nach (rechts) der Zerstörung durch den IS; Foto: picture-alliance/dpa
Bild der Zerstörung: Luftaufnahmen vom 26. März zeigen auch, welches Ausmaß die Zerstörungen haben. Vom Baal-Tempel, der 32. n. Christus geweiht wurde, ist nur der Eingangsbogen erhalten geblieben. Das linke Bild zeigt den Baal-Tempel vor der Verwüstung durch den IS, rechts danach.

Was soll also passieren mit Palmyra?

Sartre-Fauriat: Ich bin für den Wiederaufbau, aber gegen eine Rekonstruktion. Aber ich bin auch dagegen, dass man so tut, als hätte das, was in Palmyra passiert ist, einfach nicht stattgefunden. Man sollte einen Teil des zerstörten Palmyras als Mahnmal belassen, als Zeugnis der Geschichte. Es muss im Gedächtnis bleiben, was dort los war.

Ich komme nochmal auf meine Frage zurück: Handelte es sich bei der Zerstörung Palmyras um Propaganda des IS?

Sartre-Fauriat: Ja, sicher. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in den Augen des IS Palmyra in zweifacher Hinsicht zerstört werden musste. Zum Ersten, weil Palmyra für den Westen ein Symbol ist, das es zu erhalten galt. Wobei ich klar stellen möchte, dass der IS auch Zeugnisse islamischer Geschichte wie Moscheen oder Mausoleen zerstört hat. Und zum Zweiten, weil Palmyra ein Symbol Syriens ist. Man muss sich nur syrische Briefmarken oder Geldscheine ansehen – überall ist Palmyra abgedruckt.

Wie schätzen Sie die "Befreiung" Palmyras ein. Versucht Baschar al-Assad daraus auch persönlich Profit zu schlagen?

Sartre-Fauriat: Als Baschar al-Assad Palmyra dem "Islamischen Staat" im Mai 2015 gewissermaßen überlassen hat, war das ein gezielter politischer Schachzug: Seine Strategie bestand darin, dass der Westen ihm zur Hilfe kommt, um den IS zu bekämpfen. Doch erstmal ist seine Rechnung nicht aufgegangen, weil der Westen natürlich einem Diktator wie Assad nicht zur Hilfe kommen wollte. Die syrische Luftüberwachung muss genau gesehen haben, dass die Truppen des IS sich durch die Wüste Palmyra näherten. Sie haben absichtlich nichts dagegen unternommen, weil sie es darauf angelegt hatten, Hilfe vom Westen zu bekommen. Statt den IS anzugreifen, haben sie Bomben über Aleppo abgeworfen. Jetzt ist dort eine ähnliche Situation zu beobachten: Assad ist es gelungen, Russland und die Hisbollah auf seine Seite zu ziehen, um Palmyra zu befreien und sich jetzt feiern zu lassen. Er hofft, dass der Westen ihn wieder als Verhandlungspartner akzeptiert. Das sind politische Manöver.

Glauben Sie, das ist alles nur Taktik?

Grabtürme bei Palmyra: Der IS hat auch sieben dieser einzigartigen Bauwerke zerstört; Foto: Reuters
Grabtürme bei Palmyra: Der IS hat auch sieben dieser einzigartigen Bauwerke zerstört. Das Bild stammt aus dem Jahr 2010.

Sartre-Fauriat: Assad lügt, wenn er den Mund aufmacht. Ich kenne das syrische System seit mehr als 40 Jahren. Als ich 1971 nach Syrien gekommen bin, bin ich sofort mit dem Regime von Baschar al-Assads Vater in Berührung gekommen, ich habe auch den Übergang vom Vater zum Sohn vor Ort mitverfolgt, ich war während des Beginns der Revolution 2011 in Syrien. Ich habe Baschar al-Assad als einen großen Manipulator und Betrüger kennengelernt. Wir haben es in Syrien mit einer mafiösen Diktatur zu tun.

Das einzige Ziel, das Baschar al-Assad verfolgt, ist der eigene Machterhalt, damit Syrien so bleibt, wie er es haben will, weil er es als sein Eigentum betrachtet. Und dafür ist er bereit, alles zu tun: Er hat keine Probleme, 300.000 Menschen zu massakrieren, Millionen Syrer ins Exil zu vertreiben, Gefängnisinsassen zu foltern und umzubringen. Wenn jetzt wieder Verhandlungen mit ihm aufgenommen werden, dann müssen die Verhandler einen großen Löffel mitbringen. Denn sie sind dabei, sich mit dem Teufel selbst an einen Tisch zu setzen.

Bleibt Palmyra auch weiterhin eine Geisel?

Sartre-Fauriat: Ja, Assad weiß, wie er Palmyra instrumentalisieren muss. Ich bin froh, dass der IS weg ist, aber ich bin nicht bereit, Assad dafür zu danken.

Halten Sie es für möglich, Palmyra in fünf Jahren wieder aufzubauen, wie es Maamun Abdulkarim, Chef der syrischen Antikenverwaltung, angekündigt hat?

Sartre-Fauriat: Das halte ich für unrealistisch. Ohne Hilfe aus dem Ausland, also der UNESCO, wird das nicht zu schaffen sein. Ich habe auch mit Irina Bokowa, der Generaldirektorin der UNESCO, darüber gesprochen. Sie will sich alsbald ein Bild von der Lage vor Ort machen. Sie hält sich mit Zusagen zurück. Erstmal müssen sich die Experten ein Bild machen, ob ein Wiederaufbau Sinn macht. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob Palmyra beim Wiederaufbau Syriens auf der Prioritätenliste ganz oben steht. Das ganze Land liegt in Schutt und Asche.

Würden Sie beim Wiederaufbau mithelfen?

Sartre-Fauriat: Wenn ich gefragt werde, dann ja. Aber ich habe Angst, Palmyra in diesem Zustand wiederzusehen.

Das Gespräch führte Sabine Oelze.

© Deutsche Welle 2016

Die französische Historikerin Annie Sartre-Fauriat ist Expertin für die syrische Antike. Sie forscht seit mehr als 40 Jahren über Palmyra und hat mehrere Bücher über die Bedeutung der antiken Stätten veröffentlicht. Sartre-Fauriat gehört zu einer Expertengruppe, die sich im Auftrag der UNESCO um die Weltkulturerbestätten in Syrien kümmert.

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