Pakistan-Bild

Kein Frieden ohne ein stabiles Pakistan

Die Hilfsaktionen für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan liefen zögerlich an, weil Pakistan als ein gefährlicher Staat gilt. Dabei war der Westen an der Aufrüstung des Landes und an der Schaffung der radikalen Taliban beteiligt. Sandra Petersmann kommentiert.

Pakistani im Schlamm der Flutkatastrophe; Foto: AP
"Es wird Zeit, daran zu erinnern, dass die große Mehrheit der Pakistaner den religiösen Extremisten bei Wahlen standhaft die Stimme verweigert. Die große Mehrheit der Bevölkerung sehnt sich nach Frieden, Sicherheit und Entwicklung", kommentiert Petersmann.

​​Spulen wir die Zeit einmal zurück - vor die Jahrhundertflut. Wir schalten den Fernseher ein und sehen bärtige Männer mit hassverzerrten Gesichtern, die westliche Flaggen verbrennen und uns den Tod wünschen. Wir erfahren aus unseren Medien, dass die Islamische Republik Pakistan vom Zerfall bedroht und bis in den letzten Winkel hochgradig korrupt ist.

Wir hören und lesen, dass sie den Terror exportiert und die Taliban in Afghanistan dabei unterstützt, unsere Soldaten zu töten. Wir haben Beweise dafür, dass dort die Terrorcamps sind, in denen Islamisten aus Deutschland das Morden lernen.

Wir wissen, dass sich Pakistan Atomwaffen, eine hochgerüstete Armee und einen allgegenwärtigen Geheimdienst leistet, aber in Sachen Bildung und Gesundheit in allen internationalen Vergleichsstudien regelmäßig auf den letzten Plätzen landet.

Falsches Bild von Pakistan

Als die Flut kommt, sehen wir den pakistanischen Präsidenten Zardari als Jetsetter in London, während zu Hause verzweifelte Menschen ums Überleben kämpfen. Das ist unser Bild von Pakistan: ein Staat mit radikalen, ungebildeten, wütenden Menschen, in dem uns nur das Militär vertrauenswürdig erscheint.

​​So gesehen kann ich jeden verstehen, der zweimal überlegt, ob er spendet. Aber dieses Bild von Pakistan ist einseitig, unvollständig und falsch. Es stimmt nicht, dass die radikal-islamischen Taliban eine pakistanische Volksbewegung sind. Sie sind genauso wie die Taliban in Afghanistan eine gefährliche, weil entschlossene, radikale Minderheit.

In beiden Ländern rekrutieren sie sich vor allem aus der konservativen Volksgruppe der Paschtunen, deren Siedlungsgebiet durch die pakistanisch-afghanische Grenze zerschnitten wird. Wer jetzt allerdings glaubt, dass alle Paschtunen Taliban sind, liegt zum zweiten Mal falsch.

Uns mögen die besonders archaischen und feudalistischen Stammesstrukturen innerhalb dieser Volksgruppe nicht gefallen. Wir mögen den Ehrbegriff der Paschtunen für übersteigert und unmenschlich halten, aber das alles macht aus einem paschtunischen Stammesältesten noch lange keinen Taliban-Führer.

Für Pakistan insgesamt gilt: Wenn es einen Frontstaat im sogenannten "Kampf gegen den Terror" gibt, dann dieses Land. Rund 30.000 Menschen in Pakistan haben im Antiterrorkampf schon ihr Leben verloren. Die Gewalt der pakistanischen Taliban richtet sich vor allem gegen das eigene Volk.

Natürlich sagen die radikalen Islamisten, dass sie gegen die freiheitliche Grundordnung des verhassten Westens kämpfen. Was sie nicht laut sagen ist, dass sie die pluralistische religiöse Tradition und die Offenheit im eigenen Land genauso hassen.

Verweigerung des Extremismus

An dieser Stelle wird es Zeit, daran zu erinnern, dass es vor der blutigen Teilung des indischen Subkontinents 1947 starke Berührungspunkte und selbstverständliche Begegnungen zwischen Hindus, Sikhs und Muslimen gab. Die staatlichen und religiösen Grenzen, die heute existieren, sind auch ein aufgeheiztes, künstliches Produkt des Kolonialismus.

Pakistanischer Junge streckt die Hände zu einem Teller Essen hoch; Foto: AP
"Rund 30.000 Menschen in Pakistan haben im Antiterrorkampf schon ihr Leben verloren. Die Gewalt der pakistanischen Taliban richtet sich vor allem gegen das eigene Volk", sagt Petersmann.

​​Es wird Zeit daran zu erinnern, dass die große Mehrheit der Pakistaner den religiösen Extremisten bei Wahlen standhaft die Stimme verweigert. Die große Mehrheit der Bevölkerung sehnt sich nach Frieden, Sicherheit und Entwicklung.

20 Millionen Pakistaner leiden unter einer Flut, deren Dimension selbst ein gut organisiertes Land wie Deutschland restlos überfordern würde. Wie kann es also sein, dass wir nur zögerlich helfen, aber gleichzeitig Milliarden in dieses so zerbrechliche Land pumpen, damit seine Armee für uns Krieg gegen den Terror führt?

Der Westen hat den Frontstaat Pakistan hochgerüstet. Dort waren der Rückzugsraum und die Nachschubbasis für die Gotteskrieger, die in den 1980er Jahren im Nachbarland Afghanistan gegen den Kommunismus kämpften - auch im Namen des Westens. Auch wir haben zur Schaffung der heutigen Taliban beigetragen.

Politische Dimensionen der Flut

Aber es geht jetzt gar nicht darum, alte Rechnungen zu begleichen oder den Antiterrorkampf mit der humanitären Hilfe zu verrechnen. Unsere Hilfe wird die gesellschaftlichen Strukturen in Pakistan nicht so verändern, dass sie uns gefallen.

Sandra Petersmann; Foto: DW
"Auch wir haben zur Schaffung der heutigen Taliban beigetragen", betont Sandra Petersmann in ihrem Kommentar.

​​Wenn Pakistans schwache, staatliche Strukturen von den Fluten weggespült werden, dann ist das eine Einladung für die gefährliche Minderheit der radikalen Islamisten, in das Machtvakuum zu strömen. Dann wären die feudalen Stammesclans und das Militär wohl endgültig die einzigen Säulen der Gesellschaft.

Sollte das in dieser zerbrechlichen, irrsinnig hochgerüsteten Weltregion geschehen, kann uns das nicht egal sein. Ohne ein stabiles Pakistan wird es weder ein friedliches Afghanistan noch ein stabiles Süd- und Zentralasien geben. Großmächte wie Indien, China, Iran und Russland würden um die Trümmer kämpfen.

Sandra Petersmann

© Deutsche Welle 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

Qantara.de

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