Orientalismus-Ausstellung in München

Naiver Ästhetizismus

Mit dem Kolonialismus im 18. und 19. Jahrhundert bekam auch der Orientalismus in der europäischen Kunst Auftrieb. Vielen Darstellungen ist eine kulturelle Arroganz eingeschrieben, die bis heute nicht überwunden ist – wie eine Ausstellung in München zeigt. Mona Sarkis war vor Ort.

Jean Lecomte du Nouÿ - Die Weiße Sklavin (1888); Foto: RMN/Gérard Blot
Szenen aus orientalischen Harems waren bis zur Moderne ein beliebtes Motiv bei westeuropäischen Künstlern. Im Bild: eine europäische Sklavin.

​​ Seit langem suchte Roger Diederen, Kurator der Münchener Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, eine groß angelegte Orientalistenschau zu realisieren, nicht zuletzt "weil der Orient angesichts europaweiter Migrationsdebatten von immenser Bedeutung ist".

Wer mit diesem Zitat im Hinterkopf die Ausstellung besucht, fühlt sich, gelinde gesagt, irritiert. Kreisen doch Migrationsdiskurse für gewöhnlich um Integrationsfragen, wohingegen Münchens Kunsthalle in ihrem eigenen, reichlich exklusiven Orbit seinen Platz hat. Die harte soziale Realität von Kreuzberg und Neukölln steht im krassen Gegensatz zu der gediegenen Atmosphäre dieser weihevollen Kunsthallen.

Unerschöpfliches Reservoir von Projektionen

Die Ausstellung "Orientalismus in Europa" (28. Januar – 1. Mai) präsentiert Bildwelten von opulentem Exotismus, die vor allem um sexistische Imagos kreisen. Bis zum Beginn der Moderne waren die meisten westeuropäischen Künstler von sich lustvoll räkelnden Odalisken, also Sklavinnen in einem türkischen Harem, geradezu besessen.

Wilhelm Gentz - Einzug des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen in Jerusalem (1876); Foto: bpk/Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin.
Projektionen westeuropäischer Imperialismusträume: Der Einzug des Kronprinzen von Preußen in Jerusalem wird als Triumphzug des Christentums dargestellt.

​​ Auch das "Heilige Land" galt ihnen als unerschöpfliches Reservoir für ihre Projektionen. Vor allem Palästina fungierte als Sinnbild einer christlichen Vergangenheit, von deren Rückeroberung unter anderem Wilhelm Gentz (1822–1890) träumte. In seinem Monumentalwerk "Einzug des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen in Jerusalem" von 1876 verewigte der deutsche Maler den Ritt des Preußenprinzen zum Jerusalemer Damaskus-Tor als militärischen Triumphzug.

Sicher ist das Gemälde vor dem Hintergrund preußischer Kolonialambitionen zu sehen, inspiriert haben mag den Maler aber auch die Kreuzzügler-Legende, nach welcher der nächste "christliche Fürst", der die Stadt durch das Damaskus-Tor betreten würde, Jerusalem den Muslimen endgültig entreißen würde – nachdem der Versuch mit Gottfried von Bouillon im Jahre 1099 ja gescheitert war.

Kolonialer Atavismus

Dieser koloniale Chauvinismus ist zwar hinlänglich bekannt, ruft aber immer wieder aufs Neue ein Gefühl der Unbehaglichkeit hervor. Nur ungern wird man an jenes kulturelle Erbe erinnert, das man meinte, im Post-Kolonialismus doch endgültig überwunden zu haben.

Charles Cordier - Saïd Abdallah (1848); Foto: Musée de l’Homme, Paris.
Büste von Charles Cordiers, die physischen Merkmale einer "dienenden Rasse" zeigen soll.

​​ Die Ausstellung in München bringt ihn indes zurück – und zwar mit voller Wucht: Minutiös werden anhand der Büsten von Charles Cordier und der Skizzen eines Jean-Léon Gérôme oder Charles Gleyre die orientalisierenden "Menschenstudien" des 19. Jahrhunderts dokumentiert. Inspiriert wurden diese nicht zuletzt durch ein Traktat von 1829.

Sein Verfasser, der französische Arzt William Frédéric Edwards, plädierte in "Die Physiologischen Eigenschaften der menschlichen Rassen" für das Studium der körperlichen Merkmale von Völkern, da diese Aufschluss darüber gäben, welche Rasse eine "Herrscherrasse" und welches eine "Dienende Rasse" sei – und bleibe: für Edwards war die Physiologie festgeschrieben, ungeachtet der Lebensumstände. Ein Geschichtskonzept, das politische und soziale Verläufe zu Nebensächlichkeiten macht.

Alles nur "hübsche Bilder"

Wer meint, die Ausstellung in München würde die schockierenden Hintergründe der kolonialen Mentalität als solche ausweisen, irrt. Vielmehr werden diese Studien im Katalog nahezu wertneutral als "Wissenschaftlicher Orientalismus?" vorgestellt – wobei das Fragezeichen hinter diesem Begriff auf den Informationstafeln in der Ausstellung überhaupt nicht mehr auftaucht.

Ist etwa Edward Saids berühmte These nicht in die Kreise der Münchner Kuratoren vorgedrungen? 1978 hatte dieser in seinem bahnbrechenden Werk "Orientalism" den eurozentristischen Blick auf den Orient als Werkzeug der Kolonialmächte demontiert. Vor allem Briten und Franzosen hätten den "Orientalen" zu ihrem minderwertigen Gegenstück gemacht, um so ihre Herrschaft über ihn zu rechtfertigen.

"Und dem kann im Kern kaum widersprochen werden", erklärt die Professorin für arabische Kulturgeschichte, Silvia Naef. Dass die Münchener Ausstellung aber gerade dies versucht, überrascht die Wissenschaftlerin von der Universität Genf indessen nicht. "Es wird immer wieder versucht, Edward Saids Analyse herunterzuspielen. Stattdessen gibt es Bemühungen, orientalisierende Bilder unter stilistischen Aspekten und als ein ästhetisch faszinierendes Phänomen der Kunstgeschichte zu betrachten."

Eugène Delacroix - Der Tod des Sardanapal (1844); Foto: The Henry P. McIlhenny Collection in memory of Frances P. McIlhenny; Philadelphia Museum of Art .
Keine Spur von Kritik: Die Kuratoren stellen die gezeigten Bilder unter rein ästhetischen Gesichtspunkten vor und vermeiden jegliche Auseinandersetzung mit eurozentristischen "Orient"-Darstellungen, meint Mona Sarkis.

​​ In diesem Sinne agieren auch die Kuratoren der Münchener Ausstellung. Die Thesen von Edward Said werden in keiner Weise berücksichtigt. Stattdessen wird der Ausstellungskatalog mit einem Goethe-Zitat von 1815 eröffnet: "Meine Absicht ist (...) auf heitere Weise den Westen und Osten zu verknüpfen."

Auch der Historiker Edhem Eldem empfindet es als problematisch, dass der Orientalismus auch heute noch unkritisch rezipiert wird. Zugleich warnt der Historiker von der Bogazici Universität Istanbul davor, den Künstlern des 19. Jahrhunderts eine rassistische und imperialistische Agenda unterstellen zu wollen – man dürfe die Künstler nicht dämonisieren: "Sie waren simple Produkte ihrer Zeit und deren dominierender Mentalität."

Orientbetrachtung ohne Orientale

Indes – die Künstler nicht zu dämonisieren, ist das eine. Den Orientalismus als heitere, harmlose, mehr oder minder hübsch anzusehende Angelegenheit präsentieren zu wollen, ist das andere. Das wäre nämlich ein Monolog in Reinkultur – und ebendieser wird in München gehalten. So wurde auch keinerlei Versuch unternommen, die Ansichten orientalischer Orientalisten einzubeziehen.

Jean-Auguste Dominique Ingres - Die kleine Badende (1826); Foto: The Phillips Collection.
Ein "Monolog in Reinkultur": Die Münchner Ausstellung verzichtet auf die Einbindung der Sichtweise orientalischer Künstler und begnügt sich mit einer einseitigen Darstellung des Orients in hübscher Postkarten-Manier.

​​ Ansichten wie etwa die des Syrers Tawfik Tareq, der "Mohammad XII, den letzten König von Granada" zwar gleichfalls von Bauchtänzerinnen umlullt darstellte – jedoch nur, wie Silivia Naef betont, um damit zu kritisieren, wie wenig Beachtung der Monarch seinem Reich schenkte.

Eine Tür zum Dialog hätte auch Sehzade Abdülmecids Gemälde "Beethoven im Harem" (um 1900) aufstoßen können, das Haremsbewohnerinnen in vollständiger Bekleidung und musizierend zeigte.

Die Frage, weshalb solche und andere Perspektiven osmanischer Orientalisten fehlen, beantwortet Kurator Diederen mit dem Verweis auf deren stilistische "Drittklassigkeit" und damit, dass er den Orientalismus der Europäer fokussieren wollte. Dies wirkt erstens überheblich und zweitens sind bei weitem nicht alle Exponate in München erstklassig.

Außerdem fand mit Osman Hamdi Bey doch ein orientalischer Orientalist Aufnahme in die Ausstellung. Der Schüler von Jean-Louis Gérôme und Louis Boulanger bediente den europäischen Markt bekanntlich mit eben dem, was dieser zu sehen wünschte: mit einem pittoresken Postkartenorient, nur etwas würdevoller und weniger verschroben als bei seinen anderen Zeitgenossen.

Das reinste Feigenblatt also für eine Ausstellung, die letztlich nur Stereotypen zementiert – 40 Jahre nach Edward Said und ausgerechnet in Zeiten von Migrationsdebatten. Naiver geht es nicht mehr.

Mona Sarkis

© Qantara.de 2011

Die Aus­stel­lung "Ori­en­ta­lis­mus in Eu­ro­pa: Von De­lac­roix bis Kandins­ky" läuft noch bis zum 01. Mai 2011 in der Hy­po-​Kunst­hal­le Mün­chen.

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

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