Organspenden in Ägypten

Pharaonisches Verständnis vom Leben nach dem Tod

In Ägypten ist die Entnahme von Organen nach dem Tod noch immer heftig umstritten. Doch derzeit sieht es nicht danach aus, als würde die Regierung in Kairo gesetzlich Klarheit schaffen, obwohl der medizinische Bedarf an Spenderorganen weiter wächst.

In Ägypten ist die Entnahme von Organen nach dem Tod noch immer heftig umstritten. Doch derzeit sieht es nicht danach aus, als würde die Regierung in Kairo endlich gesetzlich Klarheit schaffen, obwohl der medizinische Bedarf an Spenderorganen weiter wächst. Von Frederik Richter

Transplantation einer Niere, Foto: AP
Die Organentnahme nach dem Tod ist sowohl innerhalb der Ärzteschaft als auch bei den islamischen Gelehrten umstritten

​​Rückblende: Paris im Mai 2003. In einem Wohnhaus am Boulevard Rochechouart bricht ein heftiger Streit zwischen einem Ehepaar aus. Der Mann übergießt seine Frau mit Benzin und zündet sie an.

Während sie auf die Straße entkommt, zündet der Mann die ganze Wohnung an, um die Spuren seiner Tat zu verwischen. Ein illegal unter dem Dach wohnender Ägypter versucht in Panik aus dem fünften Stock die Regenrinne herabzuklettern, stürzt ab und stirbt im Hof.

Schockierende Entdeckung

Fast zwei Jahre später hat sich die Trauer um den Verlust seines in Paris zu Tode gekommenen Sohnes tief in das Gesicht und die grauen Augen von Mahmoud Mohamed Suleiman gegraben. "Ich wollte selber sterben", ruft er aus und fasst sich mit einer Hand an die Kehle. "Ich habe nur noch gedacht: Warum, warum, warum?"

Doch es war nicht die Todesnachricht, an die sich Suleiman so Schreck erfüllt erinnert. Er wollte gerade mit dem Ghusl, dem traditionellen muslimischen Waschung einer Leiche beginnen, als eine fürchterliche Vorahnung Gewissheit wurde.

Der Leichnam seines Sohnes, der fünf Jahre zuvor nach Frankreich aufgebrochen war, um dort ein besseres Leben als in seinem Dorf in der Nähe von Tanta im ägyptischen Nildelta zu finden, war ohne Leber, Niere und Milz zu seinem Vater zurückgebracht worden.

Das französische System für Organ-Spenden hat eine Besonderheit: Wer dagegen ist, muss vor seinem Tod eine entsprechende Erklärung unterschreiben.

Organentnahme als politischer Zündstoff

Suleiman ist fest davon überzeugt, dass der Islam das Entfernen von Organen nach dem Tod verbietet. In Ägypten ist es nur gestattet, Organe von Lebendspendern zu verpflanzen.

Eine heftige Debatte spaltet das Land über die Entnahme von Organen nach dem Tod. Dabei geht der Riss sowohl quer durch die Ärzteschaft als auch die islamischen Gelehrten. Und das trotz offensichtlichem, medizinischem Bedarf.

Hassan Abu El Einen, Direktor eines Zentrums für Nieren-Krankheiten in Mansoura schätzt, dass nur 7 Prozent seiner Patienten mit einem neuen Organ versehen werden können, obwohl es 30 bis 50 Prozent benötigen würden.

"Einfach weil es kein Gesetz gibt, nach dem wir nach dem Tod Organe entnehmen könnten." Doch Hepatitis, die die Niere angreift, ist in Ägypten weit verbreitet. In einigen Regionen des Landes sind bis zu 30% der Bevölkerung betroffen.

"Es macht keinen Sinn, ein Gesetz zu verabschieden, wenn die Gesellschaft dafür nicht bereit ist", sagte Hossam Badrawi, ein einflussreicher Abgeordneter des ägyptischen Parlaments während einer vom französischen Kulturzentrum in Kairo organisierten Konferenz.

Kein Interesse von Regierungsseite

"Um ehrlich zu sein, die Regierung will sich nicht den Kopf zerbrechen. Wir haben überhaupt keine politische Unterstützung. Es ist wie ein Kampf in der Wüste", entgegnete verbittert Hamdy El Sayed, Vorsitzender des ägyptischen Ärzteverbandes und des Gesundheits-Komitees des ägyptischen Parlaments.

Später im Gespräch wird er noch deutlicher: "Die Regierung hat überhaupt kein Interesse an diesem Thema. In diesen Tagen haben sie ja schon genug Probleme mit dem Mann auf der Straße." Der Ärzteverband hat schon vor mehr als zwei Jahren dem Parlament einen Gesetzesentwurf vorgelegt.

Das Gesundheitskomitee leitete ihn an die zweite Kammer des Parlaments weiter, von wo er trotz der vorgeschriebenen Fristen nie zurückkam. Im aufgeheiztem innenpolitischen Klima ist der ägyptischen Regierung das Thema zu heiß, und das obwohl die religiösen Führer des Landes die Initiative unterstützen.

Der liberale Standpunkt der Azhar

Sheikh Mohammed Tantawi von der Azhar erläuterte auf der Konferenz seine liberale Haltung. Zwar könne der Mensch mit seinem ihm von Allah anvertrauten Körper nicht machen, was er wolle. Aber es sei auch seine Aufgabe, seinen Körper zu heilen.

Tantawi sagte, die Ärzte seien dafür verantwortlich, die religiösen Grundlagen mit der modernen Medizin zusammen zu bringen. "Und sie haben dabei mein ganzes Vertrauen." Ein Vertreter der koptischen Kirche Ägyptens argumentierte ähnlich.

Hamdy El Sayed sagt, dass auch die Muslim-Bruderschaft keine Bedenken habe. "Sie sind bei dieser Sache sehr fortschrittlich. Wie Sie wissen, haben sie hier großen Einfluss, und sie haben überhaupt keine Einwände."

Wie andere Berufsverbände auch, hat die offiziell verbotene Muslim-Bruderschaft mangels anderer Plattformen den Ärzteverband unter ihre Kontrolle gebracht.

Bei dieser Allianz des religiösen Establishments ist es schwer, die Gegner des Gesetzes auszumachen. Einige einflussreiche Professoren der Kairoer Universität und der Ain-Shams Universität mit guten Verbindungen ins Parlament polemisieren hinter den Kulissen und in der Presse gegen das Gesetz.

Sie schüren Ängste vor illegalem Organhandel, von dem nur die Reichen profitieren. Auch erkennen sie den Gehirntod nicht als Tod an. "Sie meinen, das Gehirn könne nicht tot sein, wenn das Herz noch schlägt. Das ist die Tradition und die Lehre: Tote müssen einen kalten Körper haben", sagt El Sayed.

Pharaonisches Verständnis vom Leben nach dem Tod

Der Gesetzesentwurf des Ärzteverbandes sieht vor, dass drei Mediziner, die von einer Operation finanziell nicht profitieren würden, unabhängig voneinander den Gehirntod feststellen müssen.

In anderen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien, Pakistan oder Kuwait wird Organ-Entnahme nach dem Tod praktiziert. Doch in Ägypten kommt noch das pharaonische Verständnis vom Leben nach dem Tod hinzu, für das ein intakter Körper eine wichtige Rolle spielt.

Der Arzt Abul Einen meint, dass die Frage des Gehirntods letztlich keine religiöse Angelegenheit sei. "Auch für den Islam ist das ein neues Problem, in den Anfängen gab es schließlich keine Organtransplantation, also ist im Koran und in der Sunna davon keine Rede."

Die Debatte zwischen Ärzten und Gelehrten geht ohnehin über die Köpfe der Bevölkerung hinweg. Mahmoud Mohamed Suleiman kann nicht genau sagen, warum er entgegen der Auffassung führender Vertreter des Islams meint, seine Religion verbiete Organentnahme nach dem Tod. Er kann nur vage auf sein allgemeines religiöses Wissen verweisen.

Defizite an religiöser Bildung?

Kamal Abul Magd, Vorsitzender des "Azhar-Rates für islamische Forschung", sagt, das Land habe ein Defizit in religiöser Bildung:

"Hauptquelle der Bevölkerung sind die Freitagspredigten, aber die Prediger sind nicht gut genug ausgebildet. Man kann sich bei schwierigen Themen nicht auf sie verlassen, wenn es darum geht, die Rechte eines Lebenden mit denen eines Toten zu vergleichen. Sie haben einige Koranverse auswendig gelernt, aber kennen die Grundlagen islamischer Rechtsprechung nicht."

Suleiman ist sogar für einige Wochen nach Paris gefahren, um einen Prozess anzustrengen. Doch umsonst. Ein Beamter im ägyptischen General-Konsulat erklärt auf Anfrage, es seien nur im Rahmen einer Autopsie Organe entnommen worden, um die genaue Todesursache zu klären.

Suleiman sagt, in seinem Dorf im Nildelta wüssten alle um die Besonderheiten des französischen Organspendesystems. Schließlich seien "alle Jugendlichen" nach Frankreich aufgebrochen.

Bis heute habe er niemanden erzählt, was er bei der Waschung des Leichnams seines Sohnes gesehen habe. Sonst hätte das ganze Dorf geglaubt, er hätte die Organe für viel Geld verkauft. Das sei eine Frage der Ehre für ihn gewesen.

Frederik Richter

© Qantara.de 2005

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