Opiumanbau in Afghanistan

Das blühende Geschäft der Drogenbarone

Afghanistan ist einer der größten Opium-Produzenten der Welt. Die Produktion nimmt von Jahr zu Jahr zu und die internationalen Bemühungen im Kampf gegen Drogen scheinen kaum zu fruchten. Eine Reportage von Ratbil Shamel.

Für die meisten afghanischen Familien ist Opium die einzig wirksame Medizin und Schmerzbekämpfung; Foto: UN
Nach statistischen Angaben ist einer von zwanzig Afghanen drogenabhängig.

​​Der groß gewachsene Offizier hat Angst. Seit drei Jahren jagt der Drogenfahnder Opiumdealer im ganzen Land. Furchtlos scheint er zu sein. Doch über seine Arbeit zu sprechen - dazu noch in ein Mikrofon, lehnt er entschieden ab. Er gibt offen zu, dass er aus Vorsicht lieber schweigen möchte. Er sagt: "Ich möchte nicht, dass meine Kinder vaterlos werden".

Sind die Mikrofone einmal verschwunden, wird er redseliger. Der etwa 45-jährige Mann – in Afghanistan kann man das Alter der Leid erfahrenen Menschen schlecht schätzen – nennt seine Arbeit schlicht "sinnlos". Denn nicht die Bauern und die kleinen Dealer seien das Problem, sondern einflussreiche Regierungsmitglieder, sagt er. Gegen die könnten er und seine Abteilung nichts machen.

Ein aussichtsloser Kampf?

Was der Drogenfahnder meint, erläutert kein Geringerer als der zweite Mann im Ministerium für Drogenbekämpfung, General Khodai Dad: "Wenn die Einflussreichen in unserem Land, das heißt hohe Polizeioffiziere, Regierungsmitglieder, Gouverneure und bewaffnete Warlords, nicht im Drogengeschäft beteiligt wären, könnten die Bauern weder Drogen anbauen noch die Kuriere sie über die Straßen des Landes ins Ausland schaffen."

Der General scheint, genau wie der Drogenfahnder, alle Hoffnungen verloren zu haben. Er könne nicht an mehreren Fronten kämpfen, sagt er. Er wisse oft nicht einmal, wer der Feind sei. Das lukrative Drogengeschäft habe in Afghanistan viele einflussreiche Befürworter, sagt Khodai Dad.

Rund vier Milliarden Dollar Drogengelder erwirtschaften die einheimischen Drogenbarone im Jahr. Mit diesem Geld sind sie in einem armen Land wie Afghanistan in der Lage, jeden für sich zu kaufen, so General Khodai Dad.

Drogenanbau als Wirtschaftsfaktor

Armut ist in der Tat eines der größten Probleme des Landes. Der Regierung und der internationalen Gemeinschaft ist es in den vergangenen vier Jahren nicht gelungen, das Lebensniveau der Afghanen deutlich zu verbessern.

Die Drogenfelder bieten daher vielen Menschen einen sicheren, meist sogar den einzigen Arbeitsplatz an. Doch mit dieser Arbeit ist ein hohes Risiko verbunden.

Viele der Tagelöhner, meist Frauen, werden nach kurzer Zeit drogenabhängig, wie der Sprecher des Ministeriums für Drogenbekämpfung, Zalmai Afzali, weiß: "In den westlichen Provinzen, in Farah zum Beispiel, arbeiten zahlreiche Frauen und junge Mädchen auf den Drogenfeldern", berichtet Afzali, "weil sie den Mohnsaft vor der Ernte auf ihre Reife prüfen müssen, müssen sie ihn mit der Zunge schmecken. Dieses Verfahren führt schnell zu Abhängigkeit."

Frauen und junge Mädchen, die auf den Opiumfeldern beschäftigt sind, kennen diese Gefahr zu gut. Doch die Armut, wie sie sagen, lässt ihnen keine andere Wahl. Die Arbeit vieler Menschen für die "Drogenindustrie" ist also einer der Gründe dafür, warum der Drogenkonsum im Land stetig steigt.

Afghanistans Drogenproblem als internationale Angelegenheit

Die Regierung gibt die Zahl der Drogenabhängigen mit rund einer Million Menschen an. In einem Land mit schätzungsweise 22 Millionen Einwohnern ist dies eine ungeheuer große Zahl. Doch ein Programm, um dieses Problem schrittweise zu beseitigen, gibt es offenbar nicht.

Die Drogenfahnder wissen das, ebenso wie der General im Ministerium für Drogenbekämpfung. Für Staatsminister Khodai Dad ist das Drogenproblem Afghanistans eine internationale Angelegenheit, das nur auf dieser Ebene gelöst werden kann: "Solange es eine Nachfrage nach den Drogenprodukten aus Afghanistan gibt, wird es auch Drogenanbau in diesem Land geben", so Khodai Dad. Daher müssten die Produktionsstätten ebenso wie die Drogenmärkte in anderen Ländern bekämpft werden.

Ratbil Shamel

© DEUTSCHE WELLE 2006

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