Omar Abo-Namous, 19. April 2004

zu: Blinde Solidarität, von Majid al-Khatib

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Zur Sache: Der Beitrag von Herrn Al-Khatib scheint in meinen Augen einiges durcheinander zu bringen:

1. Zunächst einmal scheint er die verschiedenen Wege des Widerstandes nicht genau identifizieren zu wollen:

"... im Irak gebe es verschiedene Gruppierungen, die gegen die amerikanische Präsenz kämpften. Einige wählten den friedlichen Wege, andere den des Terrorismus."
Andere widerum den des bewaffneten Widerstands! Angriffe irakischer Widerstandskämpfer auf Besatzungsmachtsoldaten kann nicht als Terrorismus bezeichnet werden. Einzelne Anschläge, die es zu verurteilen gilt (Anschläge auf Zivilisten) rechtfertigen nicht die allgemeine Bezeichnung als Terrorismus.

2. "Mehrheit der Iraker gegen bewaffneten Widerstand"

Woher Herr Al-Khatib das zu wissen meint, fasst er dann ja auch folgendermassen zusammen: "Auf meiner letzten Reise in den Irak - 25 Jahre nach meiner Ausweisung - wurde dies sehr deutlich." Ich glaube, es kommt darauf an, wann und wo man die Besetzten fragt, denn im Internet sind mehrere Zeugenberichte zu finden, die das Gegenteil behaupten. Freiwillige "Rotes-Kreuz"-Helfer aus aller Welt berichten von Hot-Spots aus. Falluja ist ein Beispiel, wo die Menschen sehr wohl den bewaffneten Widerstand wollen, denn sie sehen für sich keinen anderen Ausweg. Unbewaffnete wie bewaffnete werden gleichmassen erschossen, also können sie genauso gut zur Waffe greifen.

3. Dann versucht sich der Autor an einer Begründung, die in meinen Augen total überschlägt: "Dazu kamen die grausamen inneren Kriege, die gegen verschiedene Volksgemeinschaften geführt wurden, der allgegenwärtige Terror, Todesurteile und Todesbrigaden sowie das Wirtschaftsembargo, durch das Jahre lang Millionen von Kindern schon allein der Anblick von Bananen vorenthalten worden war."

Er spricht hier das Wirtschaftsembargo an. Das Wirtschaftsembargo das -wie nun auch die meisten Iraker wissen - aus den falschen Gründen aufrechterhalten wurde, obwohl alleman in der Welt wusste, dass dadurch lediglich die einfachen Menschen leiden würden und auch tatsächlich gelitten haben.

Letztlich hat es Scott Ritter zusammengefasst: "Nun entdecken die Iraker, dass sie umsonst zehn Jahre lang unter einem Embargo leiden mussten, dass tausende Kinderleben gekostet hat, dass sie einen weiteren Krieg durchmachen mussten und durchmachen müssen, der gar nicht geführt zu werden brauchte, dass sie nun nicht wie besprochen ein souveräner Staat sind, dass das, was sie mit ihrer neugewonnen Freiheit tun, ihnen vorgeschrieben wird, letztlich, dass sie nicht viel besser dran sind. Was würde man an ihrer Stelle tun?"

4. Dann sagt Herr Al-Khatib:"Was jetzt als "irakischer Widerstand" bezeichnet wird, ist im Grunde eine Art geheimer "Teufels"-Pakt zwischen den verbliebenen Schergen Saddams, den geheimen Sicherheitsorganen des alten Systems, Teilen der ehemaligen Präsidialgarde, der Al-Qaida und des Dschihad."

Das klingt für mich wie: Schmeissen wir mal alle, die es irgendwo auf der Welt gibt in einen Topf und schauen was dabei rauskommt. Ziel dieses Satzes kann nur die Diskretisierung des durchaus legitimen irakischen Widerstands sein.

Natürlich kann man z.Zt. nicht ausschliessen, dass Al-Qaida oder "Schergen Saddams" involviert sind, allerdings kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aufwallung sehr wohl vom "Volk" gewollt ist. (rechtlich kann die Bevölkerung Iraks nicht als Volk bezeichnet werden, da sie ja in einer Besatzung sind.)

Der Autor vergisst oder überspielt, dass die verschiedensten irakischen Gruppierungen sich zusammengetan haben und ihre Differenzen beiseite gelegt haben, um sich der Besatzung zu wiedersetzen.

5. Herr Al-Khatib fragt schließlich, warum niemand den irakischen Widerstand finanziell unterstützt hat, als es um die Beseitigung Saddam Husseins ging. "Warum wurde für uns während dieser Zeit kein einziger Pfennig gesammelt?"

Aber er persönlich ist doch schon seit 25 Jahren ausserhalb des Iraks! Auf der anderen Seite ist nicht verständlich, für wen wir gesammelt haben sollten: Die Oppositionsgruppen im Ausland: Die brauchten nicht wirklich Geld! Entweder sie haben sich ihr Brot durch ehrliche Arbeit (oder Sozialhilfe) erworben oder sie wurden von den USA finanziell am Leben erhalten.

Für die Iraker im Inneren des Iraks wurden ständig Spendenaktionen von den verschiedensten Organisationen initiiert, bis es verwerflich wurde, Geld zu sammeln um den Irakern zu helfen, solange Saddam Hussein an der Spitze war. Aber an diesem Bild waren nicht die Menschen schuld, sondern teilweise wiederum die irakische Opposition im Ausland, die mehrfach an die Effizienz und Glaubwürdigkeit der Hilfsorganisationen öffentlich gezweifelt hat. Es wurde ständig behauptet, dass ein Grossteil des Geldes an das Regime ginge. Ziel war offensichtlich die Rechtfertigung eines Angriffskrieges seitens der USA und Grossbritanniens.

MfG,

Omar Abo-Namous

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