Angesichts verfügbarer Mittel gäben viele Regierungen mehr Geld für Armutsbekämpfung, Bildung und Gesundheitswesen aus, was wiederum neue wirtschaftliche Perspektiven für die Bevölkerung eröffne. Heilbrunn bestritt nicht die negativen Wirkungen des Ölbooms auf einzelne Länder Afrikas – wie etwa die "Dutch Disease", Korruption oder die Befeuerung bewaffneter Konflikte –, er kam aber in der Gesamtsicht zu dem Schluss, dass die Ölförderung ein dynamischer und offener Prozess ist, der ein Land in unterschiedliche Richtungen lenken kann.

Veränderung braucht Zeit

In der Gesamtschau wird deutlich, dass geschlossene Theorien wie etwa die von Karl zu wenig die historische Dimension, insbesondere die Langfristigkeit der Entwicklung, berücksichtigen. Ländervergleiche, wie sie Sachs/Warner durchgeführt haben, arbeiten mit hoch aggregierten Variablen, sodass es schwierig ist, die institutionellen Faktoren sowie die unterschiedlichen politischen Maßnahmen der jeweils herrschenden Elite angemessen zu erfassen.

Armut vor den Toren Algiers; Foto: Bouadam Ratiba
Armut trotz Ressourcenreichtum: Algerien - wichtiger Ölproduzent und nach Russland Europas zweitgrößter Gaslieferant - wird seit dem Beginn der sogenannten vierten Ölkrise von 2003 von einer wahren Welle von Petrodollars überschwemmt. Doch die Diskrepanz ist frappierend: Immer volleren Staatskassen steht eine immer ärmere Bevölkerung gegenüber.

Vor allem ist kritisch zu hinterfragen, welche Länder miteinander verglichen werden. So ist es angesichts der unterschiedlichen Geschichte politischer Herrschaft nicht verwunderlich, wenn Industrieländer bessere Governance-Indikatoren aufzeigen als Rohstoffexportländer. Zur Erklärung der Wirkungen des Ölreichtums tragen diese Vergleiche wenig bei. Denn wie Peters (2014) aufzeigte, treffen viele negative Merkmale, die den Ölstaaten zugeschrieben werden – wie autoritäre Herrschaft, Patronage-Netzwerke und Korruption ebenso wie fiskalische Krisen –, auch auf Länder zu, die kein Erdöl fördern. Insofern hinterlässt die These des Ressourcenfluchs eine Erklärungslücke und bedarf einer genaueren Reflexion.

Vor diesem Hintergrund leistet der Ansatz Heilbrunns, der die historischen Ausgangsvoraussetzungen der Ölförderstaaten in den Mittelpunkt seiner Analyse rückte, einen überzeugenden Beitrag zur Diskussion. Die historische Betrachtungsweise führt auch zu dem Ergebnis, dass sich gesellschaftliche Veränderungsprozesse subtil vollziehen und Zeit benötigen. Dies bestätigte auch die Langzeitstudie von Cavalcanti, Da Mata und Toscani.

Es scheint daher keinen Automatismus hin zum Scheitern oder Gedeihen der ressourcenreichen Länder zu geben. Vielmehr handelt es sich um einen ergebnisoffenen dynamischen Prozess, dessen Fortgang von einer Reihe vor allem historischer länderspezifischer Faktoren abhängt.

Nassir Djafari

© Zeitschrift Entwicklung und Zusammenarbeit 2016

Der Autor ist ehemaliger KfW-Ökonom und freier Autor.

Literatur:

Sachs, J., Warner, A., 1997: "Natural resource abundance and economic growth", Cambridge

Karl, T. L., 1997: "The paradox of plenty – oil booms and petro-states", London

Eifert, B., Gelb, A., Tallroth, N. B., 2002: "The political economy of fiscal policy and economic management in oil exporting countries", World Bank

Isham, J., Woolcock, M., Pritchett, L., Busby, G., 2005: "The varieties of resource experience: Natural resource export structures and political economy of economic growth", World Bank

Auty, R., 2012: "Oil and development in the Middle East"

Heilbrunn, J. R., 2014: "Oil, Democracy and Development in Africa", Cambridge

Peters, S., 2014: "Erdöl, Rente und Politik – Vom Ressourcenfluch zur Rentengesellschaft"

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.