Diese muslimisch-jüdische Initiative in Marokko fördert die Nahrungsmittelsicherheit und die nachhaltige Entwicklung für die Bauernfamilien. So kann gegenseitiges Verständnis geschaffen, soziale Einheit hergestellt und ein Anreiz für weitere kulturfördernde Initiativen gegeben werden. Dass die ländlichen Gemeinschaften ihren Obstbaumprojekten höchste Priorität geben und gleichzeitig die Palette ihrer Anbauprodukte erweitern, stärkt den Nachhaltigkeitsgedanken und die Solidarität der Gemeinden.

Das "Haus des Lebens"

2014 wurde in der Nähe des Dorfes Akrich auf einem Grundstück der jüdischen Gemeinde ein Pilotprojekt gestartet. Akrich liegt in der Al-Haouz-Provinz südlich von Marrakesch, in der Nähe des 700 Jahre alten Grabs von Rabbi Raphael Hacohen. In den vergangenen drei Jahren wurden dort 150.000 Samen von Mandel-, Feigen-, Zitronen und Johannisbrotbäumen gepflanzt. Sobald hieraus Stecklinge erwachsen, werden sie auf die private Feldern verpflanzt. Schon jetzt profitieren rund 1.000 Bauern und 130 Schulen von diesen Pflanzen und dem Bepflanzungssystem auf ihren Feldern.

Die Kosten des Pilotprojekts in Höhe von umgerechnet 50.000 Euro wurden von Wahiba Estergard und Mike Gilliland von Lucky's Market sowie von Jerry Hirsch von der Lodestar-Stiftung übernommen. Ihren Namen "Haus des Lebens" bekam die Akrich-Baumschule von Younes Al Bathaoui, dem damaligen Gouverneur der Al-Haouz-Provinz – nach dem hebräischen Wort für Friedhof. Auch Jacky Kadoch, der Präsident der jüdischen Gemeinde von Marrakesch-Safi, war entscheidend daran beteiligt, dass dieses Land und andere Grundstücke für zehn Jahre als Baumschulen genutzt werden können. Und Serge Berdugo, der Generalsekretär der jüdischen Gemeinde Marokkos, ermöglichte die wichtige Erweiterung des Projekts.

Eine zweite Baumschule in Ouarzazate

Die geplante zweite Baumschule wurde im Januar 2018 in der Provinz Ouarzazate neben dem tausend Jahre alten Grab von Rabbi David ou Moche eröffnet. Im ersten Jahr werden dort landwirtschaftliche Terrassenfelder angelegt. Insgesamt umfasst die neue kultivierbare Fläche etwa einen Hektar, auf dem 500.000 Setzlinge und Samen für Walnuss-, Feigen-, Granatapfel-, Kirsch-, Mandel- und Johannisbrotbäume.

Diese werden dann an örtliche Verbände, die rund 5.000 Bauernfamilien sowie 2.000 Schulen in der Region gespendet. Einige Bäume dienen auch dazu, im unmittelbaren Umkreis der Baumschule die zerstörerische Erosion aufzuhalten.

Gemeinsam mit örtlichen Partnern wird die Stiftung Hoher Atlas das Wachstum der Bäume überwachen, um so Kohlenstoffzertifikate zu erwerben. Mit den Erlösen aus diesen Zertifikaten werden dann weitere Bäume gepflanzt. Im ganzen Land gibt es noch hunderte weiterer solcher Grundstücke, die ebenfalls an Friedhöfe angrenzen. Würden auch diese für Baumschulen verwendet, könnten dort jedes Jahr zig Millionen Stecklinge und Pflanzen gezüchtet und damit das Leben von Millionen Menschen verbessert werden.

Eine Initiative mit internationalem Potenzial

Bereits jetzt dient dieses Projekt im gesamten Nahen Osten als Vorbild für ähnliche Initiativen. Entscheidend dabei ist, dass die Zusammenarbeit von Juden und Muslimen gefördert, die lokale mit der internationalen Ebene verbunden und der öffentliche mit dem privaten Sektor verknüpft wird. Beispiel Ägypten: Obwohl die jüdische Gemeinde in Kairo momentan nur sechs Mitglieder hat, versucht sie dennoch, nicht nur ihren alten Friedhof zu erhalten, sondern damit auch die Entwicklung der lokalen Gemeinschaft zu fördern.

Marokkos interkulturelles Baumschulenprojekt wurde bereits von palästinensischen und israelischen Gruppen besucht. Auch wurde darüber bereits vielfach in den Medien berichtet. Dies gibt Hoffnung, dass diese Initiative einen Weg zu produktiver und vertiefter interkultureller Zusammenarbeit eröffnet.

Yossef Ben-Meir

© Stiftung Hoher Atlas 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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