Obstanbauprojekte in Marokko

Beispielhafte jüdisch-muslimische Kooperation

Seit 2012 unterstützt die marokkanisch-jüdische Gemeinde die lokalen Bauern, indem sie ihre an alte jüdische Friedhöfe angrenzenden Felder für die Anpflanzung von Obstbäumen spendet. Damit soll die ländliche Armut beseitigt und der Übergang vom Getreide- zum Obstanbau gefördert werden. Von Yossef Ben-Meir

Seit 2010 gibt es in Marokko ein staatliches Projekt, mit dem die jüdischen Friedhöfe des Landes restauriert werden sollen. Etwa 600 hebräische "Heilige" liegen in den verschiedenen Regionen des Königreichs begraben, viele von ihnen schon seit über tausend Jahren.

Um die Gräber und das angrenzende Areal zu erhalten, wurde nun im Süden Marokkos in 167 Friedhöfen mit Restaurationsarbeiten begonnen. Gleichzeitig begann die jüdische Gemeinde der Stadt Marrakesch damit, Grundstücke, die in der Nähe von sieben dieser Friedhöfe liegen, an die "Stiftung Hoher Atlas" zu verpachten. Auf diesem Land entstehen Baumschulen für biologisch angebaute Obstbäume, mit denen den Familien und Schulen im ländlichen Raum geholfen werden soll.

Ein gemeinschaftliches und nachhaltiges Projekt

Die Baumschulen der "Stiftung Hoher Atlas" werden auch noch von weiteren öffentlichen und privaten Einrichtungen gefördert. Dazu gehören Marokkos "Hohe Kommission für Wasser, Forstwirtschaft und Kampf gegen Wüstenbildung", einige Regionalbüros des Ausbildungsministeriums sowie einige Universitäten und Kooperativen. Am wichtigsten für den Erfolg dieser gemeinschaftlichen Baumschulen, die eine nachhaltige und organische landwirtschaftliche Entwicklung ermöglichen, ist jedoch, dass Land für sie bereitgestellt wird.

Die marokkanischen Bauern, die bisher traditionell Mais und Gerste angebaut haben, entdecken zunehmend die lukrativere Obstwirtschaft – was bedeutet, dass Obstbaumstecklinge sehr gefragt sind. Laut der marokkanischen Agentur für landwirtschaftliche Entwicklung wird gegenwärtig auf etwa 70 Prozent der Ackerfläche des Landes Getreide angebaut. Auf dieser Fläche werden aber nur 10 bis 15 Prozent der landwirtschaftlichen Umsätze erzielt.

Landwirte und deren Familien besitzen oftmals nur kleine Felder, die zum Anbau von Gerste oder Mais nicht geeignet sind. Auch haben sie kaum Zugang zum Bildungssystem (insbesondere zu weiterführenden Schulen), die ärztliche Versorgung ist oft mangelhaft. Außerdem gibt es in den von ihnen bewohnten ländlichen Gemeinden kaum alternative Verdienstmöglichkeiten. In vielen Regionen des Landes erhält weniger als die Hälfte der Mädchen nach der Grundschule eine weiterführende Ausbildung. Beim Versuch, die Bedingungen in den örtlichen Schulen zu verbessern, spielen Wohnheime, sauberes Wasser und gute sanitäre Einrichtungen eine entscheidende Rolle.

In den vergangenen drei Jahren wurden in Akrich 150.000 Samen von Mandel-, Feigen-, Zitronen und Johannisbrotbäumen gepflanzt; Foto: High Atlas Foundation
Hoffnungsvolles Aufbauprojekt für lokale Landwirte und ihre Familien: 2014 wurde in der Nähe des Dorfes Akrich auf einem Grundstück der jüdischen Gemeinde ein Pilotprojekt gestartet. Akrich liegt in der Al-Haouz-Provinz südlich von Marrakesch, in der Nähe des 700 Jahre alten Grabs von Rabbi Raphael Hacohen. In den vergangenen drei Jahren wurden dort 150.000 Samen von Mandel-, Feigen-, Zitronen und Johannisbrotbäumen gepflanzt.

Das zentrale Thema im ländlichen Raum Marokkos ist die Trinkwasserversorgung. Dies gilt auch für manche Stadtbezirke wie die Mellah von Marrakesch, das jüdische Viertel der Stadt. In den Dörfern des Hohen Atlas könnten Bewässerungssysteme einen entscheidenden wirtschaftlichen und ökologischen Wandel herbeiführen. Solche Systeme sind allerdings in den meisten ländlichen Gemeinden noch immer nicht vorhanden.

Auch die Arbeitsmöglichkeiten für die meisten Jugendlichen sind sehr begrenzt. Ein Weg für die Landwirte und ihre Familien, die systembedingte ländliche Armut zu beenden, besteht daher darin, Obstbäume zu pflanzen. Andere Einkommensquellen sind zudem die Verarbeitung von Produkten sowie die Zertifizierung organischer und kohlenstoffarmer Anbaumethoden.

Eine multikulturelle, religionsübergreifende Initiative

So entstehen auf dem Land, das von der jüdischen Gemeinde Marokkos verpachtet wird, Stecklinge für Obstbäume, die dann an die verarmten ländlichen Gemeinden verteilt werden. Dies trägt nicht nur dazu bei, ein wichtiges Entwicklungsziel zu erreichen, sondern ist auch Ausdruck einer multikulturellen, religionsübergreifenden Initiative.

Dieses Projekt sorgt für mehr Respekt und Anerkennung unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden und den muslimischen Bauernfamilien, die von diesen historischen Friedhöfen profitieren. Immerhin dauert es zwei Jahre, bis sich aus einem Samen ein Obstbaumsteckling entwickelt. Marokkanische Bauernfamilien können es sich oft nicht leisten, zwei Jahre auf die Kultivierung ihres Landes zu verzichten, nur um ihre Produktion auf den Obstanbau umzustellen.

Dieses Problem kann dadurch gelöst werden, dass neue Flächen an gemeinschaftliche Baumschulen vergeben werden. Die Stecklinge gedeihen in ihrer frühen Wachstumsperiode von insgesamt zwei Jahren auf diesen Flächen, bevor sie dann auf die Felder der Bauernfamilien verteilt werden. Damit kann das Argument, es gebe nicht genug Land für die Obstbaumproduktion, entkräftet werden.

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