Nuri Bilge Ceylans "Drei Affen"

Türkische Tristesse und Schicksalsergebenheit

Nuri Bilge Ceylans neuer Film beleuchtet erneut das Motiv der Ausweglosigkeit und schneidet damit ein "ur-türkisches" Thema an. Amin Farzanefar informiert über das in Cannes ausgezeichnete Melodram "Drei Affen".

​​Der Plot ist an sich schnell erzählt: Der aufstrebende Istanbuler Politiker Servet bietet seinem Chauffeur Eyüp viel Geld, damit dieser die Schuld an einem tödlichen Autounfall auf sich nimmt.

Während Eyüp eine einjährige Haftstrafe absitzt, bittet Eyüps Sohn Ismail seine Mutter Hacer, bei Servet um eine Anzahlung für den Kauf eines Wagens nachzufragen. Als "Gegenleistung" geht die attraktive Hacer mit Servet ein Verhältnis ein.

Ismail scheint das zu ignorieren und auch Eyüp, der Vater, scheut sich nach der Entlassung lange, die Wahrheit zu erkennen, weil er wie alle anderen von seinem Nichtwissen profitiert.

"Drei Affen" dokumentiert präzise, wie ein faules Netz aus Lügen, Abwarten und Aussitzen allmählich reißt, wie sich ein allgemeines Schweigen über wesentliche Dinge nur in eruptiven Wutausbrüchen entlädt. Am Ende sind alle in Schuld verstrickt – oder tot.

Düstere Abgründe auf Hochglanzzelluloid

So ist "Drei Affen" wieder ein typischer Ceylan-Film: von gewohnter visueller Brillanz, das heißt bestechend fotografiert, in der Nachbearbeitung mit entsättigten Farben zu einem depressiv-ästhetischen Style aufpoliert, dabei aber realistisch geerdet und in dem typischen langsamen Rhythmus montiert und erzählt.

In Cannes erhielt dieses knochentrockene Familiendrama den Großen Preis der Jury: Ceylans türkisches Arthouse-Kino bleibt international erfolgreich.

​​Der 50-Jährige Ceylan verortet das Geschehen aber nach wie vor unabweisbar in der Türkei. Im Allgemeinen zeigt sich das an den stark polarisierten Geschlechterrollen, an der Vater-Sohn-Beziehung, und an jenem sonderbaren Kodex, der Chauffeur Eyüp an Servet bindet wie den Bauern an seinen Lehnsherren.

Diese Feudalstruktur, deren Opfer Eyüp am Anfang ist, versucht er im Verlauf der Geschichte zu seinen eigenen Gunsten aufzubauen – indem er sich bemüht, die Menschen in seiner Umgebung, die noch schwächer sind als er, zu unterdrücken und auszubeuten.

Ein ständiges Grundthema Ceylans – und der Türkei – erscheint in "Drei Affen" besonders verdichtet: Der ewige Gegensatz zwischen einem vordergründig westlich-modernen Istanbul und einem zeitlos-archaischen anatolischen Osten.

Zahlreiche filmische Zeichen markieren die Spur einer binnentürkischen Migration, welche die Metropole und die Dörfer miteinander verbindet: die Eisenbahnlinie etwa, an der Eyüps Familie wohnt, oder die traditionellen, nach Istanbul mitgebrachten Tänze auf einem Hochzeitsfest.

Türkische Melodramatik

Der amerikanische "Western" spielt immer mit solchen Bruchlinien zwischen "Zivilisation" und "Wildnis", und lässt sich durchaus fruchtbar zu Ceylans Oeuvre in Beziehung setzen.

Hatice Aslan spielt Hacer, die Ehefrau des Chauffeurs; Foto: Arsenal Filmverleih
Moralische Zuordnungen sind in "Drei Affen" aufgelöst – wer der Schurke ist, kann man nicht mehr sagen, und auch das klassische Opfer – die Frau – handelt berechnend.

​​Noch weiter trägt ein anderer Vergleich: Mehr als in allen anderen seiner Filme spielt der erklärte Independent-Filmemacher Ceylan hier mit populären, trivialen Elementen eines Genres, das in der türkischen Filmgeschichte bis zum Exzess ausgestaltet und variiert wurde: das Melodrama, tief eingewurzelt im nationalen Seelenleben, erzählt Geschichten von Leidenschaft und Verrat, Untreue und Vergeltung.

Ceylans Protagonisten sind – durch das Schicksal, das System, die "Produktionsbedingungen" – von vorneherein auf die schiefe Ebene gestellt, und der Film folgt ihnen auf ihrem vorprogrammierten Abstieg in die Untiefen ihres Ungemachs.

Ismail, Hacer oder Eyüp könnten miteinander sprechen, sich einander anvertrauen oder in die Augen blicken – stattdessen dokumentiert Ceylan, wie sie sich zusehends mehr in der Grauzone zwischen Wissen und Nichtwissen, Opfer und Täter-Dasein, Gut und Böse verlieren.

Moralische Zuordnungen sind hier aufgelöst – wer der Schurke ist, kann man nicht mehr sagen, und auch das klassische Opfer – die Frau – handelt berechnend. Diese drei Affen – das Melodrama wird häufig über drei Pole, drei Figuren erzählt, dirigiert vor allem die – auch aus Not geborene – Gier nach Geld und Macht.

Neuer Türkischer Realismus

Mit diesen Bezügen gerät Ceylan in unmittelbare Nähe des anderen, weniger bekannten Vertreters des Neuen Türkischen Realismus: Auch Zeki Demirkubuz dekliniert immer wieder alle Möglichkeiten des traditionellen türkischen Kinos durch:

Machtverhältnisse, vergebliche Fluchtversuche aus dem sozialen Herkunftsmilieu, permanentes Scheitern aller Träume von Aufstieg oder Erhörung. In Demirkubuz' Interpretation werden die Trivialthemen des Melodramas weitergeführt, aber emotional gewissermaßen entschleunigt.

​​Auch bei Ceylan sind der Sensationalismus, die Hitze und Hysterie dieser filmischen Erzählform einer Müdigkeit und Resignation der Charaktere gewichen – einer Einsicht in die Unentrinnbarkeit ihrer Situation, mitten in einem industrialisierten urbanen Lebensraum und einem Gewebe aus Korruption und Machtverstrickung.

Ablesbar ist diese Ernüchterung an einem todtraurigen Liebeslied, das in immer wieder anderen dramatischen Situationen erklingt – jedoch nur als Hacers Handymelodie.

Zwischen Fassbinder und Dostojewski

Ceylan wie Demirkubuz beziehen sich in dem psychologischen Pessimismus gegenüber ihren scheiternden Figuren auf Dostojewski, und bei beiden erinnert die Einbettung ihrer existenziellen Dramen ins konkrete realistische Milieu an Rainer Werner Fassbinder.

Inhaltlich wie ästhetisch bekennt Ceylan sich zu den Autorenfilm-Klassikern Antonioni, Bresson und Bergmann, Tarkovski und Kiarostami. Nennen wir Bressons "L'Argent", Antonionis "L'Eclisse" , Fassbinders "Liebe ist kälter als der Tod" – bei allen geht es um Geld, Liebe, Arbeit, Abhängigkeitsverhältnisse, seelische Umwälzungen im Industriezeitalter, abgerissene Traditionslinien…

Der jüngste deutsche Beitrag hierzu war Christian Petzolds "Jerichow". Auch dieser Film variierte ein über die Jahre und Kontinente hinweg immer neu verfilmtes Melodram, "Wenn der Postmann zweimal klingelt", und erzählte es über einen Ost-West-Gegensatz neu.

Es scheint, dass in Zeiten weltweiter Krisen die Filmschaffenden wieder aneinanderrücken. Nuri Bilge Ceylan, dem so oft eine hermetische Perspektive nachgesagt wird, hat doch ein Gespür für die globale Lage. Todsicher.

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2009

Amin Farzanefar ist Filmjournalist mit dem Spezialgebiet türkisches und iranisches Kino. Zuletzt erschien von ihm "Kino des Orients – Stimmen aus einer Region" im Schüren Verlag.

"Üç Maymun" (Die drei Affen) - ein Film von Nuri Bilge Ceylan (Türkei/Frankreich/Italien, 2008), mit: Ahmet Rifat Sungar, Hatice Aslan, Yavuz Bingöl, Ercan Kesal

Qantara.de

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