"Non-Western Modernities"

Der Schleier im Spiegel der Kunst

"Mahrem – Anmerkungen zum Verschleiern" heißt eine Kunstausstellung, die bis Anfang August in Berlin zu sehen ist. Das Konzept entwarf die türkische Soziologin Nilüfer Göle, die das Phänomen "Verschleierung" hinsichtlich seiner Ambivalenzen und der sich verändernden kulturellen Symbolik untersucht. Ariana Mirza berichtet.

Shahram Entekhabi, Das kleine Schwarze, 2003-05 © Shahram Entekhabi
Aus der Serie "Das kleine Schwarze" von Shahram Entekhabi. Der in Berlin lebende iranische Künstler zelebriert die ironische Brechung freizügiger westlicher Werbe-Ikonografie.

​​"Die Themen der Sozialwissenschaften besitzen einen großen Einfluss auf die Sujets der Gegenwartskunst", erklärt die Soziologin Nilüfer Göle. Die Ausstellung, die bis zum 10. August im Kunstraum "tanas berlin" in der Reihe "Non-Western Modernities" zu sehen ist, bestätigt dies. Ob "Kopftuchstreit" in Europa oder die Kleidervorschriften im Iran, die gesellschaftliche Problematik fordert zur künstlerischen Auseinandersetzung heraus. Zu sehen sind Exponate, die sich der Frage der Verschleierung auf assoziative Weise nähern. Den Besuchern eröffnen sich überraschende, teils konträre Blickwinkel. So spiegelt sich die Vielschichtigkeit des Phänomens in der Vielfalt und Disparität der ausgestellten Arbeiten.

Ästhetische Betrachtungen zur stofflichen Sinnlichkeit eines Tschadors sind ebenso vertreten wie ironische Persiflagen auf westliche Erwartungshaltungen, wie beispielsweise die ins satirisch spielenden H&M-Verballhornungen des iranischen Künstlers Shahram Entekhabi.

Die meisten Werke beschäftigen sich mit den Metaebenen von Verhüllung. Dazu gehört auch das kreative Spiel mit erotischen Symbolen: Bleibt der verführerische Schopf üblicherweise unter einer Kopfbedeckung verborgen, so mutiert in der Skulptur "Chelgis I" das Haar selbst zur undurchdringlichen Bedeckung, die den gesamten Körper verhüllt und gleichsam "panzert".

Inspiriert zu ihrer Arbeit wurde die in Schweden lebende Iranerin Mandana Moghaddam durch ein altes persisches Volksmärchen: "Das Mädchen mit den vierzig Zöpfen."

Die modernen europäischen Kopftuchträgerinnen

Foto: Stephan Schmidt
Vom Symbol weiblicher Sinnlichkeit zur unheimlichen Ganzkörperbedeckung: Das weibliche Haar in Mandana Moghaddams verstörender Skulptur "Chelgis I" von 2003 (Foto: Stephan Schmidt)

​​Ebenfalls aus dem Iran stammt die Künstlerin Parastou Forouhar, deren Arbeit "Signs" die restriktive Symbolkraft eines Tschadors durch ironische Reduzierung auf die Spitze treibt. Die in Deutschland lebende Künstlerin hat Piktogramme entworfen, die das "Eingeschlossensein" der Frau in ihrem Kokon der Bewegungsfreiheit des Mannes plakativ gegenüberstellen.

Wie plakativ die Verhüllung auch in den westlichen Gesellschaften wirkt, war eines der interessantesten Themen der Informationsveranstaltung zur Ausstellung. Hier diskutierten die Philosophin Almut Sh. Bruckstein, die Soziologin Nilüfer Göle und der Islamwissenschaftler Ludwig Ammann mit dem Publikum über junge Muslimas, die das Kopftuch freiwillig anlegen. Wird nicht die archaische Bedeutung des "verbergenden" Schleiers in Europa konterkariert? Ist das Kopftuch im europäischen Kontext nicht gegenteilig zum Blickfang, zum öffentlichen "Statement" junger muslimischer Frauen geworden? Es gelte die Ambiguitäten des Phänomens Schleier näher zu betrachten, ermunterte Bruckstein die Ausstellungsbesucher.

&copy Parastou Forouhar
Plakativer und eindringlicher Protest gegen die Unterdrückung der Frau: Eine Vignette aus der Serie "Signs" von Parastou Forouhar

​​"Junge Frauen mit Kopftuch bleiben nicht mehr unsichtbar, verharren nicht im abgeschlossenen Innenraum, sie drängen nach außen, ins öffentliche Leben", erläuterte Nilüfer Göle ihre Forschungsergebnisse. Die Verschiebung von Innen nach Außen, von der Peripherie ins Zentrum unterscheide diese "modernen" europäischen Kopftuchträgerinnen stark von den traditionell, oder gar zwangsweise verschleierten Frauen. Die selbstbewussten, offensiven Kopftuchträgerinnen seien zum augenfälligsten Symbol dafür geworden, dass der Islam Teil der gegenwärtigen europäischen Kultur sei, meint die Soziologin.

Zwang und Unterdrückung des Schleiers

Im Berliner Publikum rief die auf hoher intellektueller Ebene geführte Diskussion über Phänomene, Symboliken und Metaebenen der Verschleierung auch Kritik hervor. Beim Schleier ginge es nicht um die "Verweigerung des männlichen Blicks", sondern um Zwang und Unterdrückung, mahnten einige Besucherinnen an. Sie verwiesen auf den kollektiven Druck, dem viele muslimische Migrantinnen in Europa seitens ihrer Familien ausgesetzt seien.

Dieser gesellschaftliche Diskurs werde zur Genüge geführt, erwiderten Göle und Bruckstein, die freiwillige Verschleierung hingegen werde viel zu wenig beachtet. "Das Phänomen löst in der säkularen europäischen Gesellschaft Angst und Ablehnung aus, deshalb wird es ignoriert."

Gefordert sei jedoch nicht die pauschale Verurteilung der Verschleierung, sondern eine genaue Betrachtung des Phänomens und die gleichzeitige Reflexion der eigenen Sichtweisen, hieß es seitens der Initiatoren. Schubladendenken führe hier in eine Sackgasse.

Emotionale, intellektuelle Auseinandersetzung

Foto: Stephan Schmidt
Die Diskussion über die Unterdrückung der Frau in Bezug auf das Kopftuch werde zur Genüge geführt, so die Philosophien Almut Sh. Bruckstein. (Foto: Stephan Schmidt)

​​"Diese Tradition des Argwohns gegenüber dem Anderen, die in Europa vormals die Juden betraf, setzt sich heute im Ausschluss der islamischen Kultur fort", erklärte die jüdische Philosophin Almut Sh. Bruckstein provokant. Sie habe sich durch verschleierte Frauen zunächst auch befremdet gefühlt, bekannte hingegen die feministische Soziologin Nilüfer Göle. Aber man müsse sich mit der "anderen" Frau auf gleicher Augenhöhe auseinandersetzen. "Deshalb habe ich angefangen zu forschen."

Die Ausstellung "Mahrem – Anmerkungen zum Verschleiern" bietet nun weitere kreative Beiträge zur gesellschaftlichen Diskussion, denn die Exponate regen zur emotionalen und intellektuellen Auseinandersetzung an.

Ariana Mirza

© Qantara.de 2008

Qantara.de

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  • Weitere Infos zu "Mahrem" auf der Seite von Tanas
  • Website von Shahram Entekhabi
  • Webseite von Parastou Forouhar
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