Nihad Siris Roman "Ali Hassans Intrige"

Der Witz entfaltet seinen Schrecken

In "Ali Hassans Intrige" erzählt der syrische Autor Nihad Siris vom Leben in einer arabischen Diktatur – also von all den großen und kleinen Verrücktheiten und Zumutungen, mit denen das Regime seine Bürger traktiert. Kersten Knipp hat das Buch gelesen.

Nihad Siris; Foto: &copy Lenos-Verlag 2009
Nihad Siris, geboren 1950 in Aleppo. Studium der Ingenieurswissenschaften in Sofia. Seit 1987 schreibt Siris regelmäßig Erzählungen, Theaterstücke und Drehbücher.

​​ Dem Plot von "Ali Hassans Intrige" merkt man an, dass sein Verfasser auch als Drehbuchautor arbeitet: Seit fünf Jahren ist Fathi Schin, ein bekannter Schriftsteller, mit einem Schreib- und Publikationsverbot belegt.

Er gilt den regimetreuen Genossen als "elender Verräter", schließlich hat er sich geweigert, in seiner Fernsehsendung einen literarischen Wettbewerb über den "Großen Führer" zu veranstalten – daraufhin wurde ihm der Posten kurzerhand gekündigt.

Das Schreibverbot hätte ihn längst zur Strecke gebracht, wenn da nicht seine verwitwete Mutter wäre, die ihn finanziell unterstützt, und vor allem seine Geliebte Lama, eine schöne, kluge und selbstbewusste Frau, die Schins Rückzug ins Private für ihn erträglicher macht.

"Auch Sex ist eine Art Gespräch"

So hat auch die privat geschützte Sphäre der Erotik ihren festen Platz im Leben von Fathi Schin, dem eigenwilligen Dichter, der so hoch wie das Schreiben nur angenehme körperliche Empfindungen schätzt. Es ist aber ein großes Glück, dass dem Leser die nähere Schilderung dieser Empfindungen ebenso erspart bleibt wie die des erotischen Treibens generell.

Liebe pflegt man. Aber man muss ja nicht gleich darüber schreiben, jedenfalls nicht in allen peinlichen Einzelheiten. Es reicht, den Sinn der Liebe kurz zu umreißen:

"Lachen und Sex wurden unsere Waffen, sie hielten uns am Leben", heißt es an einer Stelle. "Früher war schreiben für mich der wichtigste Beweggrund gewesen, weiterzumachen. Doch nachdem das Schweigen über mich verhängt wurde, fanden wir heraus, dass auch Sex eine Art Reden, je ein Aufschrei gegen das Verstummen sein kann."

Heiratsschwindler in Sachen Führerkult

Die Machthaber sind aber nicht damit zufrieden, dass Schin schweigt, nein, sie fordern seine aktive Unterstützung und Mitarbeit – und so fädeln die Regimechargen eine perfide Verschwörung ein. Der Chef des Geheimdienstes beschließt, Schins Mutter den Hof zu machen. Als Heiratsschwindler in Sachen Führerkult beabsichtigt er, die Mutter des Dissidenten zu heiraten, um ihn durch familiäre Bande gefügig zu machen.

Es ist die große Kunst des syrischen Autors Nihad Siris, über die großen Dinge des Lebens mit bemerkenswert kleiner, darum auch sehr leichter Feder zu schreiben. Tänzerisch, verspielt und wunderbar locker kommt sein Roman "Ali Hassans Intrige" daher, und das, obwohl er sich einem ernsten Thema widmet: dem Leben unter einem diktatorischen Regime.

Ritualisierte Spontaneität

Alles hat seine Ordnung in diesem Staat, nichts Unvorhergesehenes geschieht, nichts gerät außer Kontrolle. Selbst die Spontaneität folgt einem durchdachten Ritual. "Der Einpeitscher brüllte: 'grade … gradelos … Führer, du bist groß.' Und die Menge jubelte: 'rate … ratelos … Führer, du bist groß!'

Was mag das bedeuten, fragt sich der Protagonist, und wie es scheint, kommt er der Antwort sehr nahe: Es bedeutet nichts. Die Parolen haben keinen Sinn. Aber sie lassen sich skandieren, in Rhythmus bringen und klingen, für die meisten Ohren zumindest, gut.

In Form gebrachte Sprache, eingänglich und prägnant skandiert, genügt sich selbst. Auf Sinn, ernsthafte Botschaften und Programme ist sie nicht angewiesen. Ideologie ist ein Fall von gestern. Hauptsache, es reimt sich.

Die Diktatur als großes Narrenspiel

Der 1950 geborene Siris hat einen scharfen Blick für die Absurditäten des totalen Staats. ​​ Das verbindet ihn mit Franz Kafka. Siris, der nach einem längeren Aufenthalt in Bulgarien wieder in seiner Heimatstadt Aleppo lebt und arbeitet, unterscheidet sich allerdings von dem großen Schriftsteller der Moderne: Anders als Franz Kafka ist der Mann aus Aleppo zugleich ein begnadeter Humorist. Unter Siris' Feder wird die Diktatur zum großen Narrenspiel.

Die Gesellschaft ist in Bewegung, alle ihre Teile kreisen um den Allmächtigen, den großen Diktator. Gut möglich, dass Siris hier an den lateinamerikanischen Diktatorenromans anknüpft, der ja eine große Tradition hat, an dem sich bestens ablesen lässt, wie Machtmenschen sich an der Macht halten.

Immerfort ist der Apparat damit beschäftigt, die Bürger zu Solidaritätsdemonstrationen mit dem "Großen Führer" anzuhalten. Nur nachts herrscht Ruhe – und zwar absolute Ruhe. Wer nachts nicht früh schläft, vergeudet Energien, die er dem Führer der Nation widmen könnte – und macht sich schon dadurch verdächtig.

"Die Bürger sollen schließlich nicht die Nacht zum Tage machen. Sie haben früh zu Bett zu gehen, um morgens voller Eifer und Elan den Aufbau der Heimat im Geiste des Großen Kommandanten voranzutreiben …"

Slapstick im Folterkeller

Die von den Schlapphüten in die Wege geleitete Intrige hat Fatih Schin indessen nicht sonderlich beeindruckt, und so landet der wackere Recke in den Kerkern des Regimes, wo er sich für einige Stunden einen Eindruck davon verschaffen kann, was der Diktator für jene bereit hält, die seinem Willen nicht entsprechen wollen.

Auch diesen eigentlich sehr düsteren Stoff behandelt Siris mit bewundernswert leichter Feder. Fatih Schins Auftritt in den Folterkellern wird zur Komödiantennummer – und dem Thema trotzdem gerecht. Selbst die düstersten Orte des Regimes lassen sich mit den Mitteln des Slapstick darstellen – vorausgesetzt, es werden nicht die Opfer verhöhnt, sondern die Täter.

Ernst gemeinte Scherze

Das Land, in dem dieser Roman spielt, ist nicht eindeutig zu identifizieren. Mag sein, dass Nihad Siris einige seiner Eindrücke aus Syrien gewonnen hat, ein Land, das zumindest bis vor einigen Jahren einen ausgeprägten Führerkult pflegte. Aber auch an andere Länder lässt sich denken, Ländern, die zusammen diesen idealtypischen Staat ergeben, in dem die Furcht eine vertraute Empfindungen ist.

Siris' große Kunst besteht darin, aus dieser Furcht humoristisches Kapital zu schlagen – und ein Buch geschrieben zu haben, in dem noch der Witz seinen Schrecken entfaltet.

Kersten Knipp

© Qantara.de 2009

Nihad Siris: "Ali Hassans Intrige", Übersetzung aus dem Arabischen von Regina Karachouli, Lenos Verlag, Basel 2008, 176 S., EUR 18,50

Qantara.de

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