Niederlage Hosnys bei der Wahl zum Unesco-Generaldirektor

Opportunismus als Leitmotiv

Als Vertreter eines autoritären Regimes war Ägyptens Kulturminister Hosny grundsätzlich nicht für den Unesco-Chefposten geeignet. Die europäischen Vertreter im Exekutivrat hätten daher gleich zu Beginn auf die Nominierung eines besseren arabischen Kandidaten drängen müssen. Stephan Roll kommentiert.

Farouk Hosny; Foto: AP
Der lange Zeit als Favorit geltende ägyptische Kulturminister Hosny geriet wegen seiner israelfeindlichen Äußerungen ins Kreuzfeuer der Kritik. Die Bulgarin Irina Bokowa setzte sich gegen ihn mit 31 zu 27 Stimmen durch.

​​"Auf Wiedersehen Dialog der Kulturen!" - mit diesen deutlichen Worten wurde in der ägyptischen Tagespresse die überraschende Niederlage des ägyptischen Kandidaten Farouk Hosny bei der Wahl zum Unesco-Generaldirektor kommentiert.

Hosny, expressionistischer Maler und seit 22 Jahren ägyptischer Kulturminister, galt ursprünglich als Favorit für den Posten an der Spitze der UN-Kulturorganisation, die seit ihrer Gründung noch nie von einem Vertreter eines arabischen Landes geführt worden war.

In der entscheidenden Stichwahl am 22. September, die zwischen Hosny und der im vierten Wahlgang gleichauf gelegenen bulgarischen Karrierediplomatin Irina Bokowa ausgefochten wurde, musste sich der Ägypter allerdings geschlagen geben. Von den 58 Ländervertretern im Exekutivkomitee der Unesco stimmten 31 für Bokowa und nur 27 für Hosny.

Brandstifter der Herzen

Ausschlaggebend für die Niederlage des Ministers war vor allem ein Ausspruch, der im Mai 2008 im ägyptischen Parlament gefallen war. Auf die Frage eines Abgeordneten der oppositionellen Muslimbruderschaft, warum ägyptische Buchläden und Bibliotheken voll mit israelischen Büchern wären, hatte Hosny geantwortet: "Wenn dem so wäre, würde ich sie eigenhändig verbrennen!"

Rund ein Jahr später wurden dieses und weitere Israel-feindliche Zitate Gegenstand einer heftigen Kampagne gegen den Ägypter.

Der Philosoph Bernard-Henri Lévy, der Regisseur Claude Lanzmann und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel riefen dazu auf, die Wahl unter allen Umständen zu verhindern.

Alaa al-Aswany; Foto: dpa
Der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswany beschrieb Hosny als jemand, der "sagt was zweckdienlich ist, nicht aber was er wirklich denkt."

​​ In einem Beitrag für die französische Zeitung Le Monde schrieben sie wörtlich: "Es ist offensichtlich: Herr Farouk Hosny ist nicht würdig, dieses Amt zu bekleiden. Er steht nicht für Frieden, Dialog und Kultur, sondern für das Gegenteil dessen. Herr Farouk Hosny ist ein gefährlicher Mann, ein Brandstifter der Herzen."

Farouk Hosny hatte sich durch seine Äußerungen disqualifiziert. Aber hatte sich der Minister jemals qualifiziert? Die Antwort ist ein klares "Nein" und der "Fall Hosny" ein deutliches Beispiel für politischen Opportunismus – und zwar auf allen Seiten.

Sagen was zweckdienlich ist

Farouk Hosnys politischer Opportunismus war in Ägypten allgemein bekannt. Der berühmte ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswany ("Jakubijan Bau") etwa beschrieb Hosny als jemand, der "sagt was zweckdienlich ist, nicht aber was er wirklich denkt."

Zumindest in der Vergangenheit sagte Hosny durchaus Sachen, die ihm bei westlichen Regierungsvertretern Sympathie einbrachten. So auch geschehen im November 2006 als er sich gegenüber der ägyptischen Tageszeitung Al-Masri Al-Youm kritisch über das Tragen des Kopftuches ("Hijab") äußerte.

Was folgte waren heftige Proteste und Rücktrittsforderungen seitens der oppositionellen Muslimbruderschaft, denen sich auch Abgeordnete der regierenden Nationaldemokratischen Partei (NDP) anschlossen.

Die neue Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova; Foto: AP
Glaubt nicht an einen "Kampf der Kulturen" zwischen dem Westen und der arabischen Welt als Folge der Niederlage Hosnys: die neue Unesco-Chefin Irina Bokowa

​​ Auch unter Anspielung auf seine angebliche Homosexualität wurde Hosny vorgeworfen, den Islam zu verunglimpfen und muslimische Frauen zu beleidigen.

Der Druck auf Hosny war groß, zumal er auch unter säkular orientierten, ägyptischen Intellektuellen kaum Unterstützer hatte. Diese stimmten zwar den Kopftuchäußerungen des Ministers zu, warfen Hosny aber eine Mitverantwortung für die Einschränkung der Meinungsfreiheit und die ausufernde Korruption unter dem Mubarak-Regime vor.

Pressefreiheit unter Beschuss

So schnitt Ägypten 2008 in der von "Reporter ohne Grenzen" jährlich veröffentlichten und 173 Länder umfassenden Rangliste äußerst schlecht ab. Das Land kam lediglich auf Platz 146. Prozesse gegen unliebsame Journalisten und Mitglieder der lebhaften ägyptischen Bloggerszene waren keine Seltenheit.

Zudem drangen in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle von Korruption an die Öffentlichkeit, in die hohe Funktionäre im Kulturministerium verwickelt waren. Während im Verwaltungsapparat des Ministeriums im großen Umfang finanzielle Mittel versickerten, klagte die ägyptische Kunst- und Kulturszene über mangelnde staatliche Unterstützung.

Vergessen wurde von vielen Künstlern und Intellektuellen vor allem nicht die schreckliche Tragödie, die sich 2005 in der südlich von Kairo gelegenen Stadt Beni Suef ereignet hatte: In Folge baulicher Mängel und fehlender Brandschutzvorkehrungen waren bei einer Feuerkatastrophe in einem Theater 46 Menschen ums Leben gekommen.

Hosny wurde als zuständiger Minister in der Öffentlichkeit die Verantwortung für dieses Unglück gegeben.

Doppelzüngiges Spiel

Farouk Hosnys Unbeliebtheit in Ägypten erklärt vermutlich auch die unsägliche Äußerung des Ministers in Bezug auf israelische Bücher. Nur in dieser Frage, nur in Bezug auf seine abgrenzende Haltung gegenüber dem Nachbarland, konnte sich der Minister der Unterstützung in weiten Teilen der ägyptischen Bevölkerung sicher sein. Hierbei verfolgte Hosny lediglich die Politik des Mubarak-Regimes.

Treffend schrieb die ägyptische Journalistin Mona Eltahawy hierzu in einem Kommentar für die Washington Post: "Mubarak hat dieses doppelzüngige Spiel – einerseits die öffentlichen und wirtschaftlichen Beziehungen aufrechtzuerhalten (und die Grenze zum Gaza-Streifen geschlossen zu halten) und andererseits den öffentlichen Zorn gegenüber dem jüdischen Staat zu entfesseln und Kulturbeziehungen angeblich aus Solidarität mit den Palästinensern zu verbieten – perfektioniert."

Als dem Opportunisten Hosny klar wurde, dass die für das ägyptische Publikum gedachte Bemerkung seine Chancen bei der Unesco-Wahl schmälern würde, war er um Schadensbegrenzung bemüht.

In Interviews wurde er nicht müde, auf sein angebliches Engagement bei der Bewahrung jüdischer Kulturgüter in Ägypten hinzuweisen und in einem Artikel, der ebenfalls von der französischen Zeitung Le Monde veröffentlicht wurde, sprach er sogar eine formale Entschuldigung aus.

Ein fürsorglicher Reiseführer...

Für die europäischen Regierungen war Farouk Hosnys Kandidatur offenkundig lange Zeit kein Problem. Zumindest Frankreich förderte Hosnys Bewerbung auf den Unesco-Vorsitz sogar mit aller Macht.

Sarkozy und Bruni in Ägypten; Foto: AP
"Ein fürsorglicher Reisebegleiter" für Sarkozy und Bruni - Frankreich förderte Hosnys Bewerbung auf den Unesco-Vorsitz anfangs mit aller Macht.

​​ Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der während seines Ägyptenurlaubs mit Carla Bruni Hosny als fürsorglichen Reiseführer schätzen gelernt hatte, hoffte durch die Unterstützung des Ministers bei der ägyptischen Regierung Sympathiepunkte für das von ihm angeregte Projekt einer Mittelmeerunion zu sammeln.

Die Deutschen wiederum, die ebenfalls über ein Stimmrecht im Exekutivrat der Unesco verfügten, hielten sich lange Zeit vollkommen bedeckt. Erst nachdem Hosnys Äußerung in Bezug auf die Verbrennung israelischer Bücher durch die französischen Intellektuellen an die westliche Öffentlichkeit gebracht wurden, erst nachdem diese "rote Linie", so Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, überschritten wurde, regte sich deutlicher Widerstand.

Hosny, so waren sich plötzlich deutsche Kulturpolitiker einig, war absolut nicht geeignet, die UN-Kulturorganisation zu leiten. Genau hier aber liegt das Problem.

Anstatt frühzeitig deutlich zu machen, dass Farouk Hosny als Vertreter eines autoritären Regimes, das sukzessive Meinungsfreiheit und kulturellen Pluralismus unterbindet, ungeeignet für den Posten an der Spitze der Weltkulturorganisation ist, unterstützte man den Minister oder verzichtete zumindest auf Einwände in Bezug auf seine Bewerbung.

Mit anderen Worten: Hätte Hosny auf seine Äußerung in Bezug auf israelische Bücher verzichtet, wäre er vermutlich auch von den europäischen Staaten im Exekutivrat der Unesco gewählt worden, zumindest hätten sie sich einer Wahl nicht in den Weg gestellt.

Opportunismus auf beiden Seiten

Politischer Opportunismus war auch hier das Leitmotiv des Handelns. Das Mubarak-Regime, da ist man sich in westlichen Hauptstädten weitgehend einig, wird als unverzichtbar für die Stabilität der Region gesehen, entsprechende Zugeständnisse bei Fragen von Demokratie und Menschenrechten ist man bereit zu machen.

Zudem war der öffentlichkeitswirksam säkular auftretende Kulturminister ein angenehmer Gesprächspartner für westliche Politiker, dass er weniger sein Land als vielmehr das Mubarak-Regime und sich selbst repräsentierte, wurde dabei geflissentlich übersehen.

Bei der Wahl des Unesco-Generaldirektors ist von Seiten des Westens somit eine Chance vertan worden. Anstatt Farouk Hosny im letzten Moment die Stimme zu versagen, hätten gerade die europäischen Vertreter im Unesco-Exekutivrat frühzeitig auf die Nominierung eines besser geeigneten arabischen Kandidaten drängen müssen.

Die Unterstützung der Künstler- und Intellektuellenszene aus Ägypten und anderen arabischen Ländern wäre ihnen sicher gewesen. Nun aber folgt Ernüchterung. Viele Araber sehen in der Niederlage Hosnys nicht das grundsätzliche Interesse des Westens, den Vertreter eines korrupten Regimes zu verhindern, sondern vielmehr allein das Bestreben, Israel in Schutz zu nehmen.

Zumindest in Ägypten lässt sich daher ein Solidarisierungseffekt mit Hosny beobachten, verbunden mit dem Eindruck, dass der Westen grundsätzlich keinen Araber an der Spitze der Weltkulturorganisation wünscht.

Dabei hätte ein geeigneter arabischer Unesco-Vorsitzender nicht nur für die arabische Welt eine Bereicherung bedeutet, deren Menschen zu Recht stolz auf ihr reichhaltiges kulturelles Erbe und ihre äußerst lebendige Kulturszene sind.

Ein Vertreter der arabischen Welt an der Spitze der Unesco hätte auch dem "Dialog der Kulturen", insbesondere zwischen Orient und Okzident, neuen Schwung verleihen können.

Stephan Roll

© Qantara.de 2009

Stephan Roll ist Forschungsstipendiat bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin mit dem Forschungsschwerpunkt Ägypten.

Qantara.de

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