Der Austritt war der Höhepunkt einer heftigen internen Debatte, die sich an einem Positionspapier entzündete, in dem es hieß, 90 Prozent der jungen Niederländer mit türkischen Wurzeln seien Unterstützer des "Islamischen Staates" (IS). Der Austritt (oder der Verstoß – weder die PvdA noch die "Denk"-Gründer können sich auf eine einheitliche Darstellung einigen) der beiden Abgeordneten war deshalb so folgenreich, weil hier die Identität als Minderheit im Vordergrund stand, nicht eine konkrete politische Meinungsverschiedenheit.

Fragwürdige Anschuldigungen

Die Befunde des Papiers erwiesen sich übrigens als überzogen; seine Glaubwürdigkeit wurde infrage gestellt. Doch der PvdA-Vorsitzende und damalige Minister für Soziales und Arbeit, Lodewijk Asscher, stand weiter hinter dem Bericht und sah darin einen Beleg für eine gescheiterte Integration. Viele setzten diese Einstellung mit der offiziellen Linie der Partei gleich, die doch einst als besonders "muslimfreundlich" galt.

Kuzu und Öztürk, beide in der Türkei geboren, waren sich des enormen Stimmenpotenzials der Migranten in dieser turbulenten Zeit bewusst: Der Rechtspopulist Geert Wilders machte massive Gewinne, Mark Ruttes liberale "Volkspartei für Freiheit und Demokratie" (VVD) verfolgte eine harte Linie beim Thema Immigration, während sich linke Parteien vom Internationalismus abwandten und stärker auf die niederländischen Mainstream-Wähler setzten.

Anstatt ihr Mandat in der niederländischen Zweiten Kammer (dem Gesetzgebungsorgan des Parlaments) zurückzugeben, gründeten die beiden Abgeordneten ihre eigene Partei und nannten sie "Denk". Das Wort bedeutet auf Niederländisch "denken" und auf Türkisch "gleich". Es verweist damit auf die Wurzeln der Partei. Sie ordnen ihre Bewegung als antirassistisch, multiethnisch und antikolonial ein und verfolgen ein ausgeprägt linkspolitisches Programm, das u.a. "weiße Privilegien" und institutionalisierten Rassismus in den Niederlanden strikt ablehnt.

Folge der Krise der etablierten Parteien

Viele Wissenschaftler, wie etwa Floris Vermeulen von der Universität Amsterdam, der sich intensiv mit dem Phänomen der "Migrantenparteien" beschäftigt hat, erachten "Denk" als direkte Folge der Krise der etablierten Parteien und des Aufstiegs populistischer Bewegungen, wie Wilders' "Partei für die Freiheit" und Thierry Baudets "Forum für Demokratie".

Bei den Wahlen im März 2017 war Denk die erste Migrantenpartei in Europa, deren Vertreter in ein nationales Parlament gewählt wurden. Kuzu und Öztürk kehrten gemeinsam mit dem in Marokko geborenen Farid Karzan als Abgeordnete ins Parlament zurück. Die drei Abgeordneten von "Denk" weckten seither landesweites, bisweilen sogar internationales Interesse. Die etablierte Politik und die nationale Presse reagierten im Allgemeinen kritisch.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.