Neuübersetzung

Tausendundeine Nacht auf Deutsch

Die Neuübersetzung von Tausendundeine Nacht macht erstmals die älteste arabische Fassung der berühmten orientalischen Märchensammlung auch deutschen Lesern zugänglich. Ludwig Ammann hat das von Claudia Ott übersetzte Werk gelesen.

Die Neuübersetzung von Tausendundeine Nacht macht zum ersten Mal die älteste arabische Fassung der berühmten orientalischen Märchensammlung auch deutschen Lesern zugänglich. Ludwig Ammann hat das von Claudia Ott übersetzte Werk gelesen.


Tausendundeine Nacht im Verlag C.H. Beck

​​Dreihundert Jahre ist es her, dass der Bibliothekar Antoine Galland für die Marquise von O. "Sindbad der Seefahrer" übertrug, von weiteren Geschichten hörte, eine Handschrift aus Syrien ergatterte und 1704 Europa mit dem ersten Band von "Tausendundeiner Nacht" beglückte. Der Erfolg stellte alles in Schatten: Über Nacht wurde das Werk zu einer Lieblingslektüre des Abendlands und ließ Herzen, die sich eben noch vor dem Feind gefürchtet hatten, vom märchenhaften Orient schwärmen.

Literarischer Siegeszug

Heute finden die mannigfaltigen Erzählungen sogar Gnade bei jenen Arabern, die das Volksbuch einst als "dürftiges Geschwätz" verachtet hatten, den Gebildeten; nur die ewigen Frömmler nehmen Anstoß an seiner freizügigen Sinnlichkeit. Galland hatte einen Schatz der Weltliteratur gehoben. Er tat es frei nachdichtend im Stil seiner Zeit; was den Erfolg nur beflügelt haben dürfte.

Seither hat es Übersetzungen in Hülle und Fülle gegeben, darunter so berühmte wie die von Enno Littmann (1921-1928). Allein, sie alle fußen auf jüngeren Handschriften. Dabei ist das von Galland erbeutete Bruchstück mit 282 Nächten aus dem 15. Jahrhundert nicht nur älter, sondern obendrein besonders lebendig erzählt, weil sich trotz aller Mühen um "richtiges" Schriftarabisch immer wieder die Umgangssprache Bahn bricht - und damit ein anderer, volksnaher Ton.

1984 wurde diese Handschrift von Muhsin Mahdi herausgegeben. Nun hat sie die Arabistin Claudia Ott zum Jubeljahr anders als Galland texttreu übersetzt. Von der Patina des aufgesetzten europäischen Märchentons befreit strahlen die "leckeren" Abenteuer der Könige und Bettler, Sklavinnen, Dämonen und des "sternhagelvollen" Buckligen jetzt frischer als je zuvor.

Die Registerwechsel vom Derben mancher Wortwechsel bis zur gedrechselten Reimprosa gehen Ott mühelos von der Hand, eines nur trübt das Vergnügen, die 250 eingestreuten Gedichte - denn die hält sie für das "Herzstück" der "Tausendundeinen Nacht". Und glaubt, ihre arabischen Metren und Monoreime nachbilden zu müssen. Das klingt, mit Verlaub, auf Deutsch wenig poetisch und ist metrisch ein Graus; das hätte Rückert, das hat Littmann besser gemacht.

Sei's drum: Was ist es, das uns vom Kind bis zum Greis an den Erzählungen von "Tausendundeiner Nacht" so tief berührt und immer von neuem in einen "Irrgarten der Lust" (Hugo v. Hofmannsthal) entführt? "Gleich einer magischen Tafel", so der deutsche Dichter, "brannte das Buch in unseren Händen: wie die lebendigen Zeichen dieser Schicksale verschlungen ineinander spielten, tat sich in unserem Inneren ein Abgrund von Gestalten und Ahnungen, von Sehnsucht und Wollust auf."

Erzählen als letzte Rettung

Vielleicht ist es, noch vor einzelnen Geschichten, die Anlage des Ganzen, der Geniestreich, der alles mit allem verknüpft: dass jede Geschichte zum Rahmen für darin erzählte Geschichten werden kann, allen voran die großartige Schahrasad-Handlung. Nie wurde das Heil des Erzählens schöner, tiefsinniger, packender inszeniert als in diesem uralten Kern, der noch der frühesten, indischen Schicht der Welten umspannenden Tausendundeiner Nacht angehört.

Das Drama, der Thriller beginnt mit dem Trauma eines Mannes: König Schahrijar im Inselreich von Indien und China entdeckt, dass seine Frau sich, kaum verlässt er das Haus, von einem schwarzen Sklaven besteigen lässt (jawohl: auch die Araber teilen die exotische Fantasie vom hypervirilen Wilden).

Als ihn auf der Flucht die Frau und Beute eines Dämons mit Gewalt zum Beischlaf zwingt, um den verhassten Ifrit zu hörnen, ist das Mass voll: Schahrijar beschließt, seine Frauen fortan nach der ersten Liebesnacht zu töten. Nacht für Nacht. So weit, so grausam der auf tödliche "one night stands" zugespitzte Kampf der Geschlechter. Auftritt Schahrasad, die Tochter des Wesirs. Die belesene und studierte Frau hat einen Plan:

Erzählen, um sich, den König, die Welt zu retten. Erzählen, wie es jede Fernsehserie tut – so spannend, dass, wenn es dämmert, ein Cliffhanger auf die Fortsetzung süchtig macht ("Und der Dschinni zog sein Schwert, um zuzuschlagen…") und den Tod aufschiebt, bis die schöne Erzählerin dem König ein Kind geboren hat und ihn damit bekehrt.

Märchen als Balsam für die Seele

Das ist der einfache Heilsplan. Dahinter verbirgt sich die tiefere Wahrheit des Erzählens. Denn von der ersten Nacht an umkreist sie in ihren Geschichten, zunächst mit Abwandlungen, das Trauma ihres Mannes und tastet sich immer näher an den Glutkern des Leids, das ihn "verrückt und geisteskrank" machte. Bis sie ihm - in einer frühen Fassung des in Gallands Handschrift nicht überlieferten Schlusses - unverhüllt seine eigene Geschichte erzählt.

"Da erwachte er und gesundete von seinem Rausch und sagte: 'Bei Gott, diese Geschichte ist meine Geschichte, und diese Erzählung ist meine Erzählung; ich war in Wut und Zorn, bis Du mich zurück ins Rechte geleitet hast!' Und er befahl seinen Verstand zurück, reinigte sein Herz und nahm Vernunft an."

Mit anderen Worten: "Tausendundeine Nacht" erzählt davon, wie eine schöne und kühne Frau die kranke Seele eines gewalttätigen Mannes durch Erzählen heilt! Das scheint modern und ist doch eine alte Lebensweisheit. "Kinder brauchen Märchen", so der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim in seinem Buch über "The Uses of Enchantment". Das ist zu kurz gegriffen: Alle brauchen wir, jung oder alt, "Alf Laila wa-Laila" - "Tausendundeine Nacht".

Ludwig Ammann, © Qantara.de 2004

Tausendundeine Nacht. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott. C. H. Beck, München 2004, 687 Seiten

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