Burcu studies communication research in Erfurt (photo: private)
Burcu: "Wenn muslimische Freundinnen, die Kopftuch tragen, auf offener Straße angepöbelt werden, bloß wegen ihres Aussehens, dann habe ich nicht mehr viel übrig für dieses Land."

Ich will nicht auswandern müssen

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits denke ich: Wenn muslimische Freundinnen, die Kopftuch tragen, auf offener Straße angepöbelt werden, bloß wegen ihres Aussehens, dann habe ich nicht mehr viel übrig für dieses Land. In solchen Momenten würde gerne in ein Land auswandern, wo jeder und jede unabhängig von Farbe, Herkunft und Religion nebeneinander leben kann. Vielleicht wäre Kanada eine Option. Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass in dem Land, in das ich auswandere, viel in Bildung investiert wird, damit man Gefühle wie unnötigen Nationalstolz oder Überlegenheitsgefühle von vornherein verhindert.

Es kann nicht sein, dass wir im 21. Jahrhundert immer noch mit Rassismus zu kämpfen haben. Dabei meine ich nicht nur den Rechtsextremismus, sondern auch Rassismus innerhalb der Muslime oder Rassismus von „Ausländern“. Gleichzeitig will ich aber nicht auswandern müssen. Auch ich bin Deutschland. Ich fühle mich trotz meines türkischen Migrationshintergrunds hier zu Hause. Letztlich denke ich, wir sollten alle im Land bleiben und die Probleme an ihren Wurzeln beheben. Man darf es einfach nicht so weit kommen lassen.

(Burcu Sargin, 24, studiert Kommunikationsforschung in Erfurt)

 

 

Tugba studies law in Hamburg (photo: private)
Tuğba: Wann ist es genug? Wenn die AfD im Bundestag sitzt? Wenn man nicht mehr ohne Angst auf die Straße gehen kann? Ich weiß es nicht."

Wann ist es genug?

Deutschland ist mein Zuhause. Zu Hause sollte man sich wohlfühlen. Aber im Moment fühle ich mich nicht wohl. Das Klima in Deutschland ist beängstigend, und es wird leider nicht besser. Im Gegenteil. Es gibt da draußen Menschen, die mich nicht mögen und mich nicht haben möchten, nur weil ich Muslima bin. Das Land, das mich großgezogen hat, gibt mir nicht die gleichen Chancen wie anderen. Zwar will ich diese Phase gemeinsam mit Deutschland durchstehen, damit wir als Gesamtgesellschaft lernen und wachsen können. Die Frage ist nur: Wann ist es genug? Wenn die AfD im Bundestag sitzt? Wenn man nicht mehr ohne Angst auf die Straße gehen kann? Ich weiß es nicht.

Manchmal denke ich darüber nach, ob es mir woanders besser gefallen würde, ob ich mich woanders wohler fühlen würde. Vielleicht würde ich in die Türkei auswandern, weil ich die Sprache spreche. Ich könnte dort als Anwältin arbeiten. Oder ich studiere noch mal und mache einen Master. Ob ich für immer dort leben könnte, ist eine andere Frage. Die Türkei hat ihre eigenen Probleme. Aber zumindest muss ich dort keine Angst haben und mich nicht ständig beweisen.

(Tuğba Uyanık, 24, studiert Jura in Hamburg)

Ich sehe mich als Multiplikator

Deutschland ist demografisch gesehen auf Vielfalt angewiesen. Wenn ich auswandere, dann lediglich aus beruflichen Gründen. Der Wahlerfolg der AfD sollte viele Deutsche, mit und ohne Migrationshintergrund, dazu animieren, stärker für und miteinander zu agieren. Ich wünsche mir ein Einheitsgefühl, unabhängig von Religion, Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit.

Yavuz studies industrial engineering in Bochum (photo: private)
Yavuz: "Ich wünsche mir ein Einheitsgefühl, unabhängig von Religion, Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit."

In Staaten wie Singapur oder Kanada herrscht ein ganz anderes Wir-Gefühl. Man sollte in Kontakt treten, auch mit AfD-Wählern – ich sehe mich hier als Multiplikator, der eine politische, wirtschaftliche und sprachliche Brückenfunktion einnehmen kann. Deshalb möchte ich Deutschland in diesen Zeiten ungern verlassen.

(Yavuz Dogan, 26, studiert Wirtschaftsingenieurwesen in Bochum)

Dunja Ramadan

© Die Tageszeitung 2016

 

 

 

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Leserkommentare zum Artikel: Weg hier? Und wenn ja, wohin?

Wenn diese rundum sympathischen und gescheiten Mitbürger sieht und liest, könnte man heulen über die sinnlosen Debatten über Deutsche und angeblich Fremde - als würde hier nicht jeder tatkräftige Mensch gebraucht, um unsere reiche, bisher meist erfreulich liberale und großzügige Gesellschaft zu erhalten. Bitte nicht auswandern! Ihr alle erweitert und bereichert den Begriff von dem was, deutsch ist und künftig sein kann. Dafür herzlichen Dank!

Martin Felisch07.10.2016 | 16:20 Uhr

Weg hier? So ein Quatsch.
Diese Krise ist eine Gelegenheit, sich zu postionieren und für ein gutes Miteinander zu mobilisieren.
Ich wünsche mir das gute Zusammenleben, für mich und für diese Gesellschaft. Und ich bin auch bereit, dafür einzustehen und zu arbeiten.

benita schneider14.10.2016 | 10:47 Uhr

Ich kenne diese verbreiteten Klagen, aber verstehe eines nicht. Wir haben hier, anders als in vielen islamischen Ländern, Religionsfreiheit, jeder kann glauben was er will - klar! Aber warum müssen viele Religonen (nicht nur der Islam) sich immer nach außen zeigen, präsentieren, irgendwie auffallen?
Egal, was ich nun glaube, wie sinnvoll oder unsinnig es ist - es geht keinen etwas an. Es ist meine private Angelegenheit. Aber wenn ich merke, dass mein Glauben bei vielen Leuten Anstoß erregt, dann zeige ich ihn eben nicht nach außen.
Warum ist das für viele Religionen nicht möglich, übrigens auch bei manchen christlichen Sekten? Warum muss man unbedingt den anderen zeigen, dass man etwas Besseres ist als die anderen? Ich kenne persönlich viele nette Moslem, denen man ihren Glauben nicht ansieht. Sie leben ohne Probleme.
Aber wer demonstrativ nach außen zeigt, dass er etwas Besseres ist (so erscheint uns "Ungläubigen" dieses Verhalten) ist an den daraus entstehenden Problemen selber schuld. Er sollte dann den Grund für den Ärger mit den anderen bei sich selbst und seinem Verhalten suchen, nicht immer bei den bösen Ungläubigen.
Ob mir das ein Leser sachlich erklären kann, ohne sofort mit der religiösen Keule zuzuschlagen.? Jeder kann bei uns in Deutschland nach vielen Jahrhunderten religiöser Kriege endlich glauben, was er will, oder auch gar nichts - nur muss er es nicht immer in der Öffentlichkeit vorführen! Ist das so schwer zu verstehen?

Wolfgang Jaros19.10.2016 | 21:07 Uhr

Ich schließe mich meinem Vorkommentator Herrn Jaros an und möchte hinzufügen: Wenn es bei uns in Deutschland so furchtbar ist für Muslime wie die Damen und Herren im Artikel sagen, warum wollen dann so viele hierher? Da ist doch irgendetwas fürchterlich schizophren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Deutschland nach wie vor eins der freiesten und tolerantesten und hilfsbereitesten Länder dieser Erde ist (ich habe etliche andere vor allem muslimische in GANZ anderer persönlicher Erinnerung) und lasse mir dieses Land auch nicht miesmachen oder schlechtreden, weder von rechts noch von links noch von Angehörigen einer Religion, die eben diese Religion in vielen Fällen öffentlich vor sich hertragen wie einen Pokal und ständig mehr Ausnahmen und Ansprüche (die teilweise unmittelbar zurück ins Mittelalter führen) für sich geltend machen wollen. Schauen Sie bitte mal kritisch in den eigenen Spiegel und überlegen Sie wirklich mal ob es nicht auch Ansatzpunkte für Veränderung in eigener Sache gibt, die ein Zusammenleben für alle angenehmer machen würden. Eine penetrante Vertretung der eigenen Rechte und Freiheiten tut dies eben nicht. Wenn alle ethnischen und religiösen Gruppen die hier in Frieden leben das Gleiche tun würden, wäre in der Tat ein Zusammenleben so bald nicht mehr möglich. Auch ich muss mich im eigenen Land an rechtliche, soziale und gesellschaftliche Gegebenheiten halten, ob mir das passt oder nicht. Wenn es mir irgendwann hier nicht mehr passt, habe ich, unserem Grundgesetz sei Dank, die Freiheit - wie Sie auch - zu gehen und mein Glück woanders zu suchen. Also bitte keine einseitigen Schuldzuweisungen, das mögen Muslime ja sonst auch nicht wenn es um sie geht.

Ingrid Wecker20.10.2016 | 19:57 Uhr