Chaymae studies education and Islamic religion in Erlangen (photo: private)
Chaymae: "Ich finde es traurig, dass ich überhaupt darüber nachdenke, Deutschland zu verlassen. Immerhin ist Deutschland mein Zuhause. Es gibt kein anderes Land auf dieser Welt, in dem ich mich so gut auskenne."

Wütend und traurig

Manchmal habe ich die Fantasie, Deutschland zu verlassen. Ich träume dann meist davon, in ein englischsprachiges Land zu ziehen, vielleicht nach England. Über die sozialen Medien habe ich den Eindruck bekommen, dass es dort weniger Rassismus und ein stärkeres Miteinander gibt. In Deutschland verschlechtert sich die Situation gerade sehr.

Ich finde es traurig, dass ich überhaupt darüber nachdenke, Deutschland zu verlassen. Immerhin ist Deutschland mein Zuhause. Es gibt kein anderes Land auf dieser Welt, in dem ich mich so gut auskenne. In Marokko, der Heimat meiner Eltern, fühle ich mich eher fremd. Manchmal erlebe ich auch Solidarität von Leuten, die gegen die AfD sind. Das ist super. Aber allein die Tatsache, dass ich mich dazu gedrängt fühle, über Auswanderung nachzudenken, macht mich wütend und traurig zugleich.

(Chaymae Khelladi, 22, studiert Pädagogik und Islamisch-Religiöse Studien in Erlangen)

Nour is a kindergarten teacher in Munich (photo: private)
Nour: "Der Wahlerfolg der AfD ist eine offizielle Bestätigung, dass eine wachsende Gruppe von Menschen mich hier nicht will."

Ich würde Brezn und Obazdn vermissen

Der Rechtsruck in all den Diskussionen hat mich schon häufiger zu der Frage gebracht: Warum soll ich in einem Land leben, das mich wie ein unmündiges, potenziell verhaltensauffälliges Kind behandelt? Bestimmt gibt es ein Land, das lediglich nach meiner Qualifikation fragt und sich in den Rest meines Lebens nicht einmischt. Der Wahlerfolg der AfD ist eine offizielle Bestätigung, dass eine wachsende Gruppe von Menschen mich hier nicht will.

Für mich kämen mehrere Länder infrage: Kanada, die Türkei oder die Golfstaaten. Alle machen es Neuankömmlingen leicht und wüssten meine berufliche Qualifikation zu schätzen. Ich habe schon mal im Ausland gearbeitet: Man geht mit einem mulmigen Gefühl, man vermisst die Heimat, Familie und Freunde. Auch Brezn und Obazdn würde ich vermissen. Aber lieber bin ich Ausländerin im Ausland als Ausländerin in meiner Heimat.

(Nour, 25, Erzieherin in München)

Heimat ist wie Familie

Dass rechts zur Normalität wird, gibt Anlass zur Sorge, aber auswandern will und werde ich nicht. Jetzt erst recht nicht, denn Heimat ist wie Familie. In der Familie erlebt man schöne und weniger schöne Dinge gemeinsam. Und wenn etwas schiefläuft, dann muss man anpacken. In unserem Land läuft gerade so einiges daneben, und ich bleibe, um mit anzupacken. Ich möchte trotzdem nicht verschweigen, dass der öffentliche Diskurs des letzten Jahrzehnts, ein Diskurs, der nahezu keine Grenze unüberschritten ließ, mich – zumindest mental – fast über die Grenzen der Republik gebracht hat.

Mehdi studies law and runs a business in Berlin (photo: private)
Mehdi: "Verwundert verfolgte ich, wie eindeutiger Rassismus relativiert und beschönigt zur Primetime in die Haushalte übertragen, als Sachbuch verkauft und als Köder bei der Jagd um Wählerstimmen zum Einsatz kommt."

Verwundert verfolgte ich, wie eindeutiger Rassismus relativiert und beschönigt zur Primetime in die Haushalte übertragen, als Sachbuch verkauft und als Köder bei der Jagd um Wählerstimmen zum Einsatz kommt. Spürbar ändert sich das gesellschaftliche Klima. Ist das ein Land, in dem ich leben will? Zur größten Verunsicherung führte die Aufdeckung des NSU-Skandals. Staatliche Institutionen versagen auf der ganzen Spur – ein schwerwiegender Vertrauensbruch. Und nun zieht die AfD in Landesparlamente ein. Eine Randerscheinung etabliert sich nach und nach in der Parteienlandschaft.

(Mehdi Chahrour, 28, studiert Rechtswissenschaften und ist Unternehmer in Berlin)

 

 

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Leserkommentare zum Artikel: Weg hier? Und wenn ja, wohin?

Wenn diese rundum sympathischen und gescheiten Mitbürger sieht und liest, könnte man heulen über die sinnlosen Debatten über Deutsche und angeblich Fremde - als würde hier nicht jeder tatkräftige Mensch gebraucht, um unsere reiche, bisher meist erfreulich liberale und großzügige Gesellschaft zu erhalten. Bitte nicht auswandern! Ihr alle erweitert und bereichert den Begriff von dem was, deutsch ist und künftig sein kann. Dafür herzlichen Dank!

Martin Felisch07.10.2016 | 16:20 Uhr

Weg hier? So ein Quatsch.
Diese Krise ist eine Gelegenheit, sich zu postionieren und für ein gutes Miteinander zu mobilisieren.
Ich wünsche mir das gute Zusammenleben, für mich und für diese Gesellschaft. Und ich bin auch bereit, dafür einzustehen und zu arbeiten.

benita schneider14.10.2016 | 10:47 Uhr

Ich kenne diese verbreiteten Klagen, aber verstehe eines nicht. Wir haben hier, anders als in vielen islamischen Ländern, Religionsfreiheit, jeder kann glauben was er will - klar! Aber warum müssen viele Religonen (nicht nur der Islam) sich immer nach außen zeigen, präsentieren, irgendwie auffallen?
Egal, was ich nun glaube, wie sinnvoll oder unsinnig es ist - es geht keinen etwas an. Es ist meine private Angelegenheit. Aber wenn ich merke, dass mein Glauben bei vielen Leuten Anstoß erregt, dann zeige ich ihn eben nicht nach außen.
Warum ist das für viele Religionen nicht möglich, übrigens auch bei manchen christlichen Sekten? Warum muss man unbedingt den anderen zeigen, dass man etwas Besseres ist als die anderen? Ich kenne persönlich viele nette Moslem, denen man ihren Glauben nicht ansieht. Sie leben ohne Probleme.
Aber wer demonstrativ nach außen zeigt, dass er etwas Besseres ist (so erscheint uns "Ungläubigen" dieses Verhalten) ist an den daraus entstehenden Problemen selber schuld. Er sollte dann den Grund für den Ärger mit den anderen bei sich selbst und seinem Verhalten suchen, nicht immer bei den bösen Ungläubigen.
Ob mir das ein Leser sachlich erklären kann, ohne sofort mit der religiösen Keule zuzuschlagen.? Jeder kann bei uns in Deutschland nach vielen Jahrhunderten religiöser Kriege endlich glauben, was er will, oder auch gar nichts - nur muss er es nicht immer in der Öffentlichkeit vorführen! Ist das so schwer zu verstehen?

Wolfgang Jaros19.10.2016 | 21:07 Uhr

Ich schließe mich meinem Vorkommentator Herrn Jaros an und möchte hinzufügen: Wenn es bei uns in Deutschland so furchtbar ist für Muslime wie die Damen und Herren im Artikel sagen, warum wollen dann so viele hierher? Da ist doch irgendetwas fürchterlich schizophren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Deutschland nach wie vor eins der freiesten und tolerantesten und hilfsbereitesten Länder dieser Erde ist (ich habe etliche andere vor allem muslimische in GANZ anderer persönlicher Erinnerung) und lasse mir dieses Land auch nicht miesmachen oder schlechtreden, weder von rechts noch von links noch von Angehörigen einer Religion, die eben diese Religion in vielen Fällen öffentlich vor sich hertragen wie einen Pokal und ständig mehr Ausnahmen und Ansprüche (die teilweise unmittelbar zurück ins Mittelalter führen) für sich geltend machen wollen. Schauen Sie bitte mal kritisch in den eigenen Spiegel und überlegen Sie wirklich mal ob es nicht auch Ansatzpunkte für Veränderung in eigener Sache gibt, die ein Zusammenleben für alle angenehmer machen würden. Eine penetrante Vertretung der eigenen Rechte und Freiheiten tut dies eben nicht. Wenn alle ethnischen und religiösen Gruppen die hier in Frieden leben das Gleiche tun würden, wäre in der Tat ein Zusammenleben so bald nicht mehr möglich. Auch ich muss mich im eigenen Land an rechtliche, soziale und gesellschaftliche Gegebenheiten halten, ob mir das passt oder nicht. Wenn es mir irgendwann hier nicht mehr passt, habe ich, unserem Grundgesetz sei Dank, die Freiheit - wie Sie auch - zu gehen und mein Glück woanders zu suchen. Also bitte keine einseitigen Schuldzuweisungen, das mögen Muslime ja sonst auch nicht wenn es um sie geht.

Ingrid Wecker20.10.2016 | 19:57 Uhr