Neuer Großscheich an der Azhar-Universität

Mit Anzug und Krawatte gegen Extremismus

Der neue Großscheich der Azhar-Universität, Ahmed al-Tayeb, lehnt jede Form des politischen Islams ab und möchte die renommierteste Institution der sunnitischen Gelehrsamkeit weiter in der Tradition seines Vorgängers führen. Von Alfred Hackensberger

Der neue Großscheich der Azhar-Universität, Ahmed al-Tayeb, gilt als weltoffen und moderat. Er lehnt jede Form des politischen Islams ab und möchte die renommierteste Institution der sunnitischen Gelehrsamkeit weiter in der fortschrittlichen Tradition seines Vorgängers führen. Von Alfred Hackensberger

Ahmed al-Tayeb; Foto: AP
Für Toleranz und gegen Extremismus: Der 64jährige Islam-Gelehrte Ahmed al-Tayeb, der zuletzt Rektor der Universität von Al-Azhar war, tritt die Nachfolge von Scheich Mohammed Said Tantawi an, der am 10. März auf einer Saudi-Arabien-Reise gestorben war.

​​Lange musste sich Ägyptens Präsident Hosni Mubarak nicht Zeit lassen. Keine zwei Wochen nach dem Tod von Mohamed Sayed Tantawi ernannte der ägyptische Staatspräsident einen Nachfolger für die Leitung der 1.000 Jahre alten Al-Azhar-Universität, der ältesten und renommiertesten Bildungseinrichtung des sunnitischen Islams.

Ahmed al-Tayeb, ehemaliger Großmufti von Ägypten, übernimmt das Amt der höchsten Autorität des Landes, die gleichzeitig auch richtungweisend für alle Sunniten (etwa 90 Prozent der insgesamt 1,5 Milliarden Muslime weltweit) ist.

Der 64jährige al-Tayeb, der seinen Doktortitel an der französischen Sorbonne machte, trägt künftig die Verantwortung für ein Universitätssystem mit 300.000 Studenten sowie Grundschulen und Gymnasien mit 1,5 Millionen Schülern. Die Azhar entscheidet im Auftrag der ägyptischen Regierung auch darüber, welche Filme und Bücher verboten werden oder der Zensur obliegen müssen, wenn diese nicht mit den Werten des Islams vereinbar sind.

Al-Tayeb, der bevorzugt westliche Anzüge und Krawatten trägt, gilt als weltoffen und moderat. Er lehnt jede Form von Extremismus ab, gegen den er in der Vergangenheit mit mehreren Fatwas zu Felde zog. Für Präsident Mubarak war dies entscheidend für die Ernennung al-Tayebs.

Gleichzeitig dürfte wohl auch die Mitgliedschaft des Großscheichs in der regierenden Nationaldemokratischen Partei Mubaraks einen 'vertrauensbildenden' Ausschlag gegeben haben. Dort sitzt der frisch gebackene Großscheich im Politbüro.

In Zweifel gezogene Unabhängigkeit

Doch gab es bereits Forderungen, al-Tayeb müsse derartige Nebenämter aufgeben. Als "einen Widerspruch", bezeichnete dies Gamal Qutb, der ehemalige Vorsitzende der Fatwa-Kommission der Al-Azhar-Universität. "Der Staat ist sehr stark an einer völlig unabhängigen, wissenschaftlichen Institution interessiert, deren Meinung von allen respektiert wird, selbst wenn diese Meinung mit der des Staates zufällig übereinstimmen sollte".

Ahmed al-Tayeb wies jedoch die Vorwürfe zurück, er sei nur wegen seiner Mitgliedschaft in der Regierungspartei ernannt worden und hätte kein Problem, den Anforderungen seines Amtes gerecht zu werden. Er werde "neutral sein und alle Entscheidungen würden zum Wohlergehen der Azhar, Ägyptens und des Islams getroffen werden".

​​Entsprechend weigerte sich der in Luxor geborene Scheich, von seinen Parteifunktionen zurückzutreten. Ein Umstand, der die Proteste der politischen Gegner, die mehr Demokratie in Ägypten fordern, noch beflügeln dürfte.

Hierzu zählt auch die Muslimbruderschaft, die wohl größte und am besten organisierte Oppositionsgruppe Ägyptens. 2006 hatte al-Tayeb, damals noch in seiner Funktion als Dekan der Azhar-Universität, eine ihrer Demonstrationen auf dem Campus auflösen lassen.

Der offene Brief, den er nun als Großscheich an die Webseite der Bruderschaft ("Ikhwanweb") richtete, wird an ihrer ablehnenden Haltung wohl wenig ändern. Er würde die Muslimbrüder durchaus wertschätzen, heißt es da, und ihre Rolle in Ägypten begrüßen.

"Wie alle anderen nationalen Parteien oder islamischen Gruppen", so al-Tayeb weiter, "kann auch die Muslimbruderschaft an den Aktivitäten des Landes teilnehmen, solange sich das mit den rechtlichen Bestimmungen verträgt."

Pluspunkte wird das für den obersten religiösen Würdenträger Ägyptens bei den Kritikern des "System Mubarak" kaum geben. Für die Muslimbrüder und andere Regimegegner galt bereits der Amtsvorgänger als ein "Strohmann" der Regierung.

Regierungskonformer Islam mit "Ecken und Kanten"

Mohamed Sayed Tantawi, der am 10. März mit 81 Jahren an einem Herzinfarkt während eines Aufenthalts in Saudi-Arabien starb, hatte einen moderaten Islam auf Regierungslinie vertreten – gewiss mit "Ecken und Kanten", so dass man ihm blanken Opportunismus sicherlich nicht vorwerfen kann.

Tantawi war bereit, mit Israel zu verhandeln, schüttelte demonstrativ die Hand von Shimon Peres, lieferte die religiöse Rechtfertigung für den Grenzzaun zum Gazastreifen, um den Schmuggel zu verhindern. Der ehemalige Großscheich erlaubte den Banken Zinsen auszubezahlen, Frankreich das Kopftuch zu verbieten. Auch lehnte er die weibliche Beschneidung ab und forderte, Frauen in hohe Regierungspositionen zu berufen.

Ein besonderer Affront für die Fundamentalisten bedeutete das Verbot des Niqab, des Gesichtsschleiers, an den Schulen der Azhar. Tantawi hatte ihn als un-islamisch bezeichnet und damit dessen Verbot gerechtfertigt. Ein Gericht setzte es später jedoch wieder außer Kraft, da es die konstitutionellen Rechte der Frauen verletzen würde.

Mohamed Sayed Tantawi; Foto: AP
In seiner theologischen Ausrichtung galt der verstorbene Tantawi als Liberaler. So bezeichnete er den Gesichtsschleier für Frauen als nicht verpflichtend und sprach sich für ein Schleierverbot an der eigenen Universität aus.

​​ "Tantawi bewahrte den moderaten Charakter der Azhar gegen alle extremen Strömungen", meint Salah Eissa vom Wochenblatt Al-Qahira. Die Amtszeit (1996–2010) Tantawis fiel in turbulente und politisch schwierige Zeiten: die Anschläge vom 11. September 2001 sowie die darauf folgenden Invasionen Afghanistans und des Iraks, die zweite Intifada in Palästina, der Libanon-Krieg von 2006 und der Konflikt im Gazastreifen im Winter 2008.

Bastion der Toleranz und Mäßigung

Die neue Führung der Azhar wird es nicht leicht haben, sich tatsächlich gegen die zum Teil sehr radikalen Stimmen zu behaupten. Ahmed al-Tayeb versuchte diesbezüglich schon jetzt, erste Signale zu setzen und sich zu positionieren. "Al-Azahr wird als Bastion der Toleranz und Mäßigung gegen Extremismus und Fanatismus fortgeführt", versicherte der Großscheich gleich nach seinem Amtsantritt.

Mit neuster Technologie wolle man einen moderaten Islam in der Welt verbreiten. Die Geistlichen der Azhar sollen künftig neue Methoden des Predigens lernen, um vor allem die jüngere Generation anzusprechen, welche in der Regel raschere Reaktionen statt langwierige, traditionelle Schritte erwartet. Den "Niqab" will man nicht noch einmal versuchen zu verbieten, obwohl er nur eine Tradition sei und keinerlei Pflicht für die Frau darstelle.

Besondere Maßnahmen sind gegen die seit Jahren populären Fernsehprediger geplant, die mit radikalen Sermonen das muslimische Publikum anziehen. "Wir sollten diesen Predigern, deren Ideen sehr extremistisch sind, entgegentreten", meinte al-Tayeb in einer ägyptischen Talk-Show. "Man sollte sie aus den Medien verbannen, weil sie nur auf Sensation und sonst auf nichts anderes aus sind."

Er will sich mit dieser Sorte von Predigern, "die nur aus dem Fernseher schreien" ernsthaft auseinandersetzen sowie neue und bessere Programme entwerfen, die bei jungen Leuten Interesse wecken.

Mit dem Verbot dieser unliebsamen TV-Prediger wird der Azhar-Großscheich jedoch wenig Erfolg haben, denn die meisten von ihnen sind über Satellit zu empfangen, die beinahe jeder Haushalt empfangen kann. Es bliebe der obersten religiösen Autorität Ägyptens daher wohl nur ein Verbot des Satelliten-Fernsehens.

Dann aber hätte man ein Klima wie im Iran geschaffen – einem Land, in dem Satellitenschüsseln verboten sind und die islamische Religionspolizei über die Dächer der Gebäude Jagd auf Gesetzesbrecher macht. Mit Toleranz, welche die tausendjährige renommierte Bildungsinstitution Al-Azhar auch in Zukunft symbolisieren will, hätte das nun nichts zu tun.

Alfred Hackensberger

© Qantara.de 2010

Qantara.de

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