Dies aber führte zu Konflikten mit einer weiteren sunnitischen Macht: Ägypten. Für den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi ist die Muslimbruderschaft ein Erzfeind. Die Ägypter scheinen ihre Interessen auch dadurch bedroht zu sehen, dass die Türkei regional an Bedeutung gewinnt und sich zum Hauptvertreter der palästinensischen Sache erklären will.

Das neue Verhältnis zu Israel

Dass die religiösen Konflikte durch strategische und sicherheitspolitische Interessen ersetzt wurden, lässt sich vielleicht am besten daran erkennen, dass sich das Verhältnis der arabisch-sunnitischen Staaten – einschließlich der Golfmonarchien und Ägypten – zu Israel verändert hat. Israel war einst der ungläubige Hauptfeind der arabischen Welt. Die wirtschaftlichen und militärischen Errungenschaften des Landes wurden lange Zeit als Beleg dafür gesehen, dass die arabischen Staaten gescheitert waren. So wurde Israel in der Region zwar gehasst, aber auch widerwillig bewundert.

Doch angesichts dessen, dass der iranische Einfluss wächst und sich der islamistische Terrorismus weiter ausbreitet, ist Palästina für Saudi-Arabien die geringste Sorge. Die strategischen Interessen der Saudis haben sich so grundlegend geändert, dass sie, als US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Israels "ewige Hauptstadt" anerkannte, keinerlei Einwände hatten. Andere sunnitische Golfmonarchen und auch Ägypten gehen sogar so weit, dass sie mit Israel sicherheitspolitisch zusammenarbeiten.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei einer Rede am 2 Februar 2017 in Ariel; Foto: Getty Images/AFP/J. Guez
Forcierter Siedlungsbau unter Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu: "Tatsächlich hat Israels religiös-nationalistische Koalition bei ihrem Versuch, die Kontrolle über die besetzten Gebiete zu behalten, ihre Seele an christliche Antisemiten verkauft: nämlich die amerikanischen Evangelisten. Sie sind leidenschaftliche Unterstützer der Kolonialisierung Judäas und Samarias", schreibt Shlomo Ben-Ami.

Auch in Israel selbst wird die Religion immer mehr durch Politik ersetzt. Bei seinem Expansionskurs im Westjordanland geht es Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nicht um das Judentum, sondern um politische Macht. Immerhin würde ein Zweivölkerstaat unter palästinensischer Mehrheit bedeuten, das "Jüdische" des Landes erheblich zu verwässern.

Tatsächlich hat Israels religiös-nationalistische Koalition bei ihrem Versuch, die Kontrolle über die besetzten Gebiete zu behalten, ihre Seele an christliche Antisemiten verkauft: nämlich die amerikanischen Evangelisten. Sie sind leidenschaftliche Unterstützer der Kolonialisierung Judäas und Samarias. Dass sich Netanjahu mit ihnen verbündet, ist also nicht nur für die überwiegend liberale jüdisch-amerikanische Gemeinde ein Affront, sondern auch für die mächtige rabbinische Elite in Israel selbst.

Als letztes Beispiel für ein Land im Nahen Osten, das die Politik gegenüber der Religion an erste Stelle setzt, kann der Irak angeführt werden. Die Amerikaner versuchen dort, den immer größeren iranischen Einfluss zurückzudrängen. Und dabei wird nun ausgerechnet Muktada al-Sadr, der feurige schiitische Prediger, der früher an der Spitze tödlicher Angriffe gegen US-Truppen stand, zu ihrer größten Hoffnung.

Die Wiedergeburt des irakischen Nationalismus

Al-Sadr ist Anführer einer zusammen gewürfelten Allianz reformierter Islamisten, säkularer zivilgesellschaftlicher Gruppen und der irakischen Kommunistischen Partei. So konnte er die jüngsten Parlamentswahlen gewinnen, indem er versprach, den Iran durch eine nationalistische Welle aus dem Irak zu drängen. Anfang dieses Jahres besuchte Sadr die streng iranfeindlichen Kronprinzen Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Für den Iran ist er jetzt das größte Hindernis für den strategischen Einfluss, den das Land im Irak gewinnen will.

Der schiitische Geistliche Muktada al-Sadr; Foto: AFP/H. Madani
Iraks neuer Königsmacher Muktada al-Sadr: Bei Wahl am 12. Mai hatte überraschend die Liste des schiitischen Klerikers Muktada al-Sadr die meisten Stimmen gewonnen. Der 44 Jahre alte Al-Sadr gilt als kontroverse Figur. Nach dem Sturz von Langzeitherrscher Saddam Hussein 2003 bekämpfte seine Mahdi-Armee die US-Truppen. In den vergangenen Jahren wandelte er sich zu einem der schärfsten Kritiker des politischen Establishments in Bagdad. Im Wahlkampf forderte der Geistliche Reformen und setzte auf soziale Themen. Für die Wahl ging er ein Bündnis mit den Kommunisten ein.

Das heutige Chaos im Nahen Osten wurzelt hauptsächlich in seinem historischen Erbe – vor allem darin, wie beliebig dort damals die Grenzen gezogen wurden. Weiterhin mangelt es der Region an visionärer Führung. Und auch religiöse und sektiererische Spaltungen haben ihren Teil zur Krise beigetragen.

Zweifellos ist die Lage immer noch angespannt und schwer in den Griff zu bekommen. Aber dadurch, dass die politische Rolle der Religion abnimmt, könnte sich die Region für Fortschritte und Modernisierung öffnen. Und Logik und Diplomatie haben bei den strategischen und sicherheitspolitischen Interessen immer schon eine größere Rolle gespielt als innerhalb der Religion.

Shlomo Ben-Ami

© Project Syndicate 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Shlomo Ben-Ami ist Vizepräsident des Toledo International Center for Peace. Er ist Verfasser von "Scars of War, Wounds of Peace: The Israeli-Arab Tragedy".

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Leserkommentare zum Artikel: Der politische Niedergang der Religionen

In dem Text wirkt es so, als sei das etwas komplett neues? Als die Shia sich damals abspaltete war der Kampf zwischen Yazid und Hussain auch in erster Linie ein politischer. Religion hilft meistens dabei Mehrheiten hinter sich zu versammeln, weil dadurch bspw. ein Machthaber sich durch seine Moral als gut verkaufen kann. Religion wurde immer als Teil von politischen Prozessen eingesetzt. Genauso wie heute, wo Wissenschaft auch ein Allheilmittel darstellen soll und Atheismus und Esoterik etablierte Systeme verdrängen und ersetzen. Es hat sich da nie irgendetwas geändert.

Ibrohim11.07.2018 | 11:38 Uhr