"Die andere Stadt" - die Geschichte von zwei spiegelsymmetrischen Welten
Nefin Dincs Dokumentation "Die andere Stadt"

Parallele Feindbilder

Zwei Städte im Spiegelbild: Die türkische Kleinstadt Birgi und die griechische Metropole Dimitsana stehen im Fokus der preisgekrönten Dokumentation "Die andere Stadt", die den Ursachen einer wechselseitigen Feindschaft zweier Städte auf den Grund geht. Von Danilo Elia

Eine der Städte liegt in Anatolien, die andere in den Bergen der griechischen Halbinsel Peloponnese: Birgi und Dimitsana, Städte mit schrägen Dächern und rauchenden Kaminen, sind weit voneinander entfernt, doch gleichzeitig auch miteinander verbunden durch ihre Geschichte.

Dimitsana spielte in der Zeit der griechischen Rebellion gegen das Osmanische Reich im Jahr 1821 eine wichtige Rolle, während fast ein Jahrhundert später die griechische Armee in Birgi einmarschierte und die Stadt drei Jahre lang besetze. Beide Städte wurden ausländischen Eindringlingen, dem ewig währenden Feind ausgesetzt; beide haben für ihre Unabhängigkeit gekämpft und gelernt, die "anderen" zu hassen.

In beiden Fällen wird die Erinnerung an die kriegerische Vergangenheit in Schulbüchern und durch jährliche Unabhängigkeitsfeiern beharrlich wach gehalten.

Filmplakat "The Other Town"
Spiegelverkehrte, feindliche Welten: Die Dokumentation "Die andere Stadt" erzählt die Geschichte einer griechischen und türkischen Stadt, die sich dergleichen Klischees und Feindbilder gegeneinander bedienen.

"Die andere Stadt", die die Geschichte von zwei spiegelsymmetrischen Welten erzählt, wurde vom „International Istanbul Film Festival“ sowie vom „International Documentary Film Festival Thessaloniki“ ausgezeichnet. Die türkische Dokumentarfilmerin mit angelsächsischen Wurzeln, Nefin Dinc, versucht in ihrem Film die Ursache des wechselseitigen Misstrauens herauszufinden, die mit Vorurteilen durchdrungen ist und Mangel an Wissen über den anderen aufweist. Dieses Misstrauen wächst und verwandelt sich schnell in Feindseligkeit, vor allem dank jener, die an solchen negativenStimmungen festhalten.

Die andere Sicht der Dinge

Iraklis Millas, Drehbuchautor und Sprecher des Dokumentarfilms, ist Grieche. Er wurde aber in der Türkei geboren und wuchs dort auf. Er zog dann aber nach Griechenland, um dort seine Kinder großzuziehen. Seine Jugend verbrachte er damit, den Geschichten zuzuhören, wie die griechischen Eindringlinge die Türken töteten und ihre Häuser in Brand steckten. Eines Tages jedoch kamen seine Kinder mit der gegenteiligen Version der Geschichte von der Schule nach Hause. Genau in diesem Augenblick fragte er sich: Wer hat Recht?

"Die andere Stadt" ist die Antwort auf diese Frage. Dinc verfolgt Millas mit ihrer Kamera durch die Schulen und Bars der beiden Städte, mitten unter den Älteren und Jüngeren, innerhalb von zwei Gemeinschaften, die nur durch Geschichtsbücher voneinander wissen. Die zwei Kulturen, die Millas mit sich trägt, und die zwei Sprachen, die er spricht, dienen als Instrumente für ihn, um die steinharten Ansichten der Interviewten zu lockern – manchmal sind sie sprachlos.

"Ich wollte gerne diese Dokumentation machen, um zu zeigen, inwieweit wir von einer nationalistischen Bildungsart der beiden Länder beeinflusst werden", sagt Dinc in einem Interview, das vom "Center for Media and Social Impact" der Universität Washington durchgeführt wurde. "Die Türken sagen, die Griechen wollen sogar mit ihrer griechisch-nationalistischen 'Megali-Idee' in Richtung Türkei expandieren. Die Griechen erklären dagegen, die Türken würden sie angreifen, wenn sie die Gelegenheit dazu bekämen."

Während Dinc den Dokumentarfilm drehte, war sie von den unglaublichen Parallelen beider Versionen beeindruckt. Diese Symmetrie ließ sich sogar bei den Aufführungen zum Unabhängigkeitstag in beiden Städten erkennen – volkstümliche Darbietungen, bei denen der Feind stets verlor. Schulkinder lasen Schnulzen-Gedichte vor, sangen patriotische Lieder. Im Grunde genommen ließen sich nur ein paar Wörter änder und schon wüsste man nicht mehr, um welche Stadt es sich handelt.

Eine Geschichte des ethnischen Hasses

"Jedes Mal, wenn man bei den Ereignissen auf Widersprüche stößt, lohnt es sich das Ganze genauer zu untersuchen: wenn ein Land eine bestimmte Version hat, das andere Land eine völlig gegenteilige, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass keine Version die richtige ist. Die Wahrheit verbirgt sich meist in irgendwelchen Ecken und Winkeln. Und wenn einige Fakten vorenthalten werden, kann man davon ausgehen, dass da etwas nicht stimmt. Dieser Film konzentriert sich daher auf die Widersprüche und die ausgeblendeten Fakten", berichtet Millas der griechischen Tageszeitung "Athens News".

Was der Film "Die andere Stadt" sagen will, ist, dass Birgi und Dimitsana eine Geschichte des ethnischen Hasses ist – genau wie woanders auch, deren Namen könnten die von tausend anderen Orten auf dem Globus sein.

Diese Geschichte handelt von Griechen gegen Türken, es könnten aber genauso auch Türken gegen Armenier, Georgier gegen Osseten, Serben gegen Kosovaren oder Moldauer gegen Russen aus Transnistrien sein. Die Aufzählung könnte unendlich weitergehen.

Vielleicht liegt die Bedeutung dieses Films genau darin: zwei kleine, lokale Geschichten zu erzählen, die einen dazu motivieren, sich global mit dem Thema auseinanderzusetzen. Daher richtet sich der Film auch nicht nur an diejenigen, die sich speziell für die Geschichte Griechenlands und der Türkei interessieren.

Danilo Elia

© Babelmed/Qantara.de 2014

Übersetzt aus dem Englischen von Shohreh Karimian

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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