Nationale Versöhnung in Algerien

Die vergessenen Kinder des Krieges

Das Schicksal der Nachkommen von Dschihadisten aus dem Bürgerkrieg ist in der algerischen Gesellschaft bis heute tabu. Dabei brauchen sie dringend rechtliche Anerkennung, Bildung und einen Platz in der Gesellschaft, schreibt die Extremismusforscherin Dalia Ghanem-Yazbeck.

Vor Kurzem feierte Algerien den Jahrestag der "Charta für Frieden und nationale Versöhnung". Die am 29. September 2005 verabschiedete Charta beendete damals "die große Heimsuchung Algeriens durch den Bürgerkrieg" und sollte "die nationale Tragödie ein für alle Mal überwinden".

Tatsächlich ermöglichte die Charta die Demobilisierung und gesellschaftliche Wiedereingliederung von 15.000 ehemaligen Kämpfern. Sie ebnete ihnen damit einen Weg zu einem neuen Leben nach dem Dschihadismus. Mit ihrer Versöhnungspolitik hat die Regierung viele dieser Kämpfer erreicht. Aber sie hat es versäumt, auf das Schicksal der Kinder dieser Aufständischen einzugehen, die während des Bürgerkriegs (1991-2005) im Untergrund auf die Welt kamen. Von ihnen ist in der Charta keine Rede.

Manche dieser Nachkommen haben mittlerweile einen anerkannten Rechtstatus. Dennoch leben 13 Jahre nach Annahme der Charta für Frieden und nationale Versöhnung immer noch hunderte Kinder von ehemaligen Dschihadisten ohne legalen Status, ohne Schulbildung und Zukunftsperspektive. Die Gesellschaft scheint sie vergessen zu haben. Für Staat und Gesellschaft in Algerien ist ihr Schicksal tabu.

Die Kinder stammen entweder aus Ehen, die im Bürgerkrieg einvernehmlich, aber rechtlich ungültig geschlossen wurden, etwa lediglich durch eine Lesung der ersten Koransure Al-Fātiha oder sie sind das Ergebnis von Vergewaltigungen und Verbindungen, die unter Zwang zustande kamen. Genaue Zahlen lassen sich kaum ermitteln.

Der Präsident der "Kommission zur Anwendung der Charta für Frieden und nationale Versöhnung", Merouane Azzi, spricht von etwa 500 Kindern, die im Untergrund geboren wurden.

Langwierige Rechtsverfahren

Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika während einer Veranstaltung im Rahmen des nationalen Aussöhnungsprozesses im September 2005 in Algier; Foto: Democratic and Popular Republic of Algeria website
Großes politisches Versäumnis: Die vom mittlerweile 81jährigen algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika vorgeschlagene Charta für Frieden und nationale Aussöhnung war ein verzweifelter Versuch, den algerischen Bürgerkrieg zu beenden, indem islamistische Straftäter amnestiert wurden. Rund 500 Kinder, die als Nachkommen einvernehmlicher, aber ungültiger "Fatiha"-Ehen - oder durch Vergewaltigungen - während des Konflikts geboren wurden, stehen jedoch noch immer ohne Rechtsstatus da.

Tatsächlich dürfte ihre Zahl allerdings deutlich höher liegen, da viele Eltern ihre Kinder nie gemeldet haben. Einige Kinder verloren während des Bürgerkriegs ein Elternteil oder gar beide Elternteile, andere lernten ihre Eltern erst gar nicht kennen. Wiederum andere waren bei ihren Eltern, als diese in das Demobilisierungsprogramm der Regierung aufgenommen wurden. Solange sie nicht im algerischen Personenstandsregister eingetragen sind, haben sie alle keinen gültigen Rechtsstatus.

Voraussetzung für diese zivilrechtliche Anerkennung ist die Legalisierung der elterlichen Ehe, die in vielen Fällen von den Behörden als nicht rechtmäßig angesehen wird. Ohne die Legalisierung der Ehe ist eine Anerkennung der Elternschaft nicht möglich. Doch eine solche Legalisierung kann nur erfolgen, wenn beide Elternteile anwesend sind und zwei Zeugen bestätigen, dass die Ehe geschlossen wurde.

Nur dann kann ein Richter beschließen, den Familienstand der Parteien anzuerkennen und die Erlaubnis zur standesamtlichen Eintragung des Kindes erteilen. Erst nach Abschluss dieses Verfahrens kann ein Familienstammbuch (livret de famille) ausgestellt werden.

Keine Hilfe von Versöhnungs-Charta zu erwarten

Das Verfahren ist jedoch beschwerlich, insbesondere für Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen wurden, und Witwen, die nicht in der Lage sind nachzuweisen, wer der Vater ihrer Kinder ist. Weder das algerische Gesetz noch die Versöhnungs-Charta bieten einen gangbaren Weg, um die Familien und ihre Kinder aus diesem Dilemma zu befreien. 

Bereits 2008 kündigte das "Ministerium für Nationale Solidarität" an, die Identität der Kinder mithilfe von DNA-Tests zweifelsfrei feststellen zu lassen und versprach einen Gesetzesentwurf dazu. Doch zehn Jahren später ist immer noch nichts geschehen.

Diese institutionelle Gewalt gegen die Nachkommen von Kämpfern aus dem algerischen Bürgerkrieg wiegt schwer. Ihnen wird das grundlegende Menschenrecht auf Bildung vorenthalten. Im Jahr 2006 sagte der damalige Bildungsminister Aboubakr Benbouzid eine Bildungsinitiative für rund 600 im Untergrund geborene Kinder zu. Auch eine psychologische Betreuung sollte erfolgen. Mit dem "Ministerium für Nationale Solidarität" wurde zudem eine Vereinbarung über die Einschulung der Kinder unterzeichnet.

Das Erbe des "Schwarzen Jahrzehnts"

Trotz dieser Initiativen gibt es weiterhin hunderte von Kindern, die nicht zur Schule gehen, weil ihnen nie ein gültiger Rechtsstatus gewährt wurde. Das erschwert ihre gesellschaftliche Integration zusätzlich.

Diese Kinder werden nicht nur durch die staatlichen Institutionen Algeriens diskriminiert. Sie zahlen einen hohen seelischen Preis für das Verhalten ihrer Eltern. Das schwierige Umfeld, in dem sie aufgewachsen sind, die Gewalterfahrungen und Traumata, die viele von ihnen erleben mussten, führen zu einer Neigung zum Suizid, zu psychischen und psychosomatischen Störungen sowie zu auffälligem Sozialverhalten.

Zusätzlich ist es für diese Kinder problematisch, dass sie aufgrund ihrer Herkunft als Nachkommen von Dschihadisten gesellschaftlich ausgegrenzt und häufig für die Taten ihrer Eltern verantwortlich gemacht werden. So stoßen sie in der Gesellschaft auf Ablehnung und Ausgrenzung.

Es wäre ratsam, ihnen ein geschütztes gesellschaftliches und therapeutisches Umfeld zu bieten, in dem sie von Fachleuten sowohl sozial als auch medizinisch unterstützt werden. Nur so lässt sich vermeiden, dass sich die extreme Gewalt wiederholt, in die diese Kinder geboren wurden und mit der sie aufgewachsen sind.

Zudem müssen die Kinder in die Gesellschaft integriert werden. Das setzt allerdings voraus, dass die algerischen Behörden ihre Existenz und ihren Anspruch auf Hilfe auch rechtlich anerkennen. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum es wichtig ist, den Kindern von ehemaligen algerischen Dschihadisten ein normales Leben zu ermöglichen: Im Irak und in Syrien waren Tausende von Kindern Mitglieder der Terrortruppe "Islamischer Staat" (IS).

Dalia Ghanem-Yazbeck

© Carnegie Middle East Center 2018

Dalia Ghanem-Yazbeck ist Resident Scholar am Carnegie Middle East Center in Beirut, wo sie sich mit politischer und extremistischer Gewalt, Radikalisierung, Islamismus und Dschihadismus mit Schwerpunkt Algerien auseinandersetzt.

Aus dem Englischen übersetzt von Peter Lammers

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